Interview mit Walter Zadek

Münzer: Ich möchte von Ihnen etwas über die Künstlerkolonie wissen.Zadek: Ich kann Ihnen erzählen, wie ich reingekommen bin, also in die Künstlerkolonie überhaupt. Ich war ja Redakteur im “Tageblatt” gewesen, im “Berliner Tageblatt”, und war einer der hochbezahlten Redakteure in Deutschland. Und das lag nicht etwa daran, weil die Leute mich hoch bezahlen wollten, sondern weil sie reingefallen waren mit mir. Ich war ein unbekannter 25jähriger Mensch, als ich als Arbeitsloser … – ich hatte vorher bei Ullstein beim “Uhu” so eine Art Volontärstelle gehabt, und trotzdem ich hinten als verantwortlicher Redakteur stehe, hatte ich nichts damit zu tun, und mein Chef in der ersten Zeit, einen Monat, war Kurt Tucholsky, und das wechselte sehr bald. Und mich schmiß man erst spät raus, und ich lag auf der Straße. Ich saß bei mir zu Hause und machte schöne Entwürfe und bewarb mich bei Dr. Karbe, dem Generalbevollmächtigten des Hauses Mosse. Und die hatten gerade einen guten Redakteur rausschmeißen müssen, von einem Augenblick zum anderen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, einen etwas älteren Menschen schon, weil der von einer Filmgesellschaft, für einen Artikel über diese Gesellschaft, nachträglich Geld angenommen hatte. Und ein Blatt, das so honorig wie das “Berliner Tageblatt” war, das demokratische Blatt, durfte das nicht durchgehen lassen. Sie schmissen den Mann raus und hatten keinen Redakteur mehr. Nun war ich schon vorher, (durch seine Bewerbung und die Einladung zu einem Gespräch, bei dem er seine Zeitungsentwürfe vorstellte – Anm.d.Red.) den Leuten da bekannt, dem Generalbevollmächtigten, zu dem dann nachher auch Theodor Wolff zur Prüfung meines Vorschlags gekommen war. Ich war mit meinem Vorschlag abgeblitzt und bekam einige Zeit später plötzlich einen blauen Brief, in mein Kinderzimmer, in dem ich infolge meines nicht mehr Verdienens wieder bei meinen Eltern wohnte. Und da stand drin: ‘Wir stellen Ihnen anheim, uns in einer Angelegenheit aufzusuchen, die für Sie von Interesse sein dürfte.’ Nun war mir das sehr unangenehm, weil ich immer ein schlechtes Gewissen hatte. Ich produzierte sehr viel, so an der Grenze des Erlaubten, was man eigentlich anstandshalber nicht tut, und ich lökte sehr oft gegen den Stachel mit dem was ich geschrieben habe. Und ich ging also mit bangem Herzen dahin zu Mosse, und das Gegenteil war der Fall. Denn da erfuhr ich von dem Hinauswurf dieses Mannes, und die Leute wollten mit dem jungen Mann mit den vielen Ideen einen Versuch machen. ‘Aber, Herr Zadek, was Sie können wissen wir ja noch nicht. Wir können Sie nicht anstellen. Wir können keinen festen Vertrag mit Ihnen machen. Wir können nur einen Werkvertrag, sozusagen mündlich, machen. Sie bekommen für jede Seite des ersten Beiblatts – das war das Ressort dieses Mannes -, die Sie zusammenstellen, 150 Mark. Und Sie können jede Woche eine Seite machen. Das sind 600 Mark.” Davon zu leben war ja allerdings auch damals schon ein bißchen schwierig, aber ich war arbeitslos, und ich sagte zu. Und die Leute waren reingefallen. Und ich war auf die Glücksseite geklettert. 1925 begann meine Arbeit bei Mosse. Ich war bei Ullstein gekündigt worden – ‘Der Kerl hat ja doch keine Ideen!’ -, und bei Mosse wurde ich wegen meiner Ideen gehalten.


Walter Zadek Interview mit Holger Münzer am am 9.11.1991
Foto: Elisabeth Kiele

Münzer: Ich möchte mal zwei Jahre weiter springen, wenn ich darf. 1927 ist die Siedlung gebaut worden. Wie haben Sie von der Künstlerkolonie erfahren, wie haben Sie da Ihre Wohnung bekommen?

Zadek: Ich muß es anders herum machen, d.h. ich wurde, als die Krise am höchsten war, auf eine hochanständige Art von Mosse gekündigt. 1929. Wäre ich bei Mosse noch angestellt gewesen, als hochbezahlter Mann, hätte ich niemals eine Wohnung in der Künstlerkolonie bekommen. Das war ja natürlich nicht für reiche Leute. Aber da ich gekündigt war, das war mein Glück in diesem Fall, sagte man, gut, also da Sie nichts haben, können Sie bei uns eine Dreizimmer-Wohnung – ich hatte zwei Söhne -, bekommen: Bonner Straße 3. Da sagte ich, außerdem – das entwickelte sich inzwischen beruflich -, ich will versuchen, eine Zeitungskorrespondenz aufzubauen. Alle Menschen rieten ab, denn diejenigen, die damals Zeitungskorrespondenzen machten, denen ging es hundsmiserabel. Ich würde wohl niemals durchkommen damit. Ich sagte aber, ich will versuchen, auch die Leute, die teilweise hier in der Künstlerkolonie wohnen und Literaten sind, heranzuziehen, die verdienen dann auch ein bißchen dabei. Also ließ man Gnade vor Recht ergehen und gab mir noch eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung, in der Laubenheimer Straße 3, damit ich dort meinen Betrieb aufmache. – So bekam ich zwei Wohnungen gleichzeitig im Jahr 1929/30. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wann ich einzog. Neben mir wohnte Mary Tucholsky, die ich aber niemals gesprochen oder kennen gelernt habe, trotzdem sie neben mir wohnte. Und wer sonst dort noch wohnte, ist mir unbekannt.

Münzer: Ich habe da ja lange Listen. Haben Sie eigentlich damals geahnt, was für großartige Leute da gewohnt haben?

Zadek: Entschuldigen Sie, die waren damals nicht wichtig. Damals waren sie jung. Waren wir alle.

Frau Zadek: Du wolltest sagen, daß Du unter verschiedenen Namen vorkommst, auf der Liste.

Zadek: Wo haben Sie die denn her, diese Pseudonyme? Da ist ein Name drin, den ich furchtbar ungern habe: Johannes Wendelin.

Münzer: Ich muß Ihnen was sagen. In meinem Hinterkopf klingt dieser Name nach Tucholsky.

Zadek: Mir klingt er nach Jacob Wassermann. – Den hat mir Tucholsky für eine Geschichte gegeben, die ich für ihn schreiben sollte. Und ich habe ihm gesagt: ‘Tucho, Sie dürfen mich nicht nennen mit Namen. Da hat er Johannes Wendelin erfunden. Und ich habe den immer verschwiegen, denn er gefällt mir gar nicht.

Münzer: Wie lief denn so der Alltag in der Künstlerkolonie? Hat man sich dort viel gesehen auf dem Platz? Oder gab es da gewisse Cliquen, die immer miteinander verkehrt haben?


Walter Zadek Interview mit Holger Münzer am am 9.11.1991
Foto: Elisabeth Kiele

Fast eine Anekdote:
Ich sagte zu ihm “Schauen Sie bitte mal hier rein” und zeigte ihm unsere Broschüre mit hunderten von Namen von Bewohnern. Er sagte: “Ich bin hier, um Ihnen was über die Künstlerkolonie sagen.” Ich sagte: “Schauen Sie da mal bitte da rein…” Er wurde fast böse: “Wollen Sie mir jetzt was über die Künstlerkolonie erzählen?” Ich sagte nochmal sehr freundlich: “Bitte schauen Sie mal rein…” und deutete auf den Namen Robert Seitz(Schriftsteller, heute noch weniger bekannt als damals). Nun schaute er rein und las: “Robert Seitz – ach der wohnte auch da?” Ich: “Direkt im Nachbarhaus.” Er: “Das wußte ich nicht. Er kam immer sonntags zu meinem jour fixe…”

Zadek: Jetzt kann ich Ihnen etwas theoretisch sagen, es gab Gruppen. Aber mit diesen hatte ich nichts zu tun. Eine kommunistische Gruppe z.B., in der Kantorowicz drin war. Hat Koestler da gewohnt?Münzer: Ja.

Zadek: Also diese Leute waren in einer Gruppe, aber ich weiß nicht, ob Susanne Leonhard in der kommunistischen Gruppe war.

Münzer: Doch, die war Redakteurin.

Zadek: Wovon?

Münzer: Von der “Roten Fahne”, vermute ich.
(Anm.d.R.: Hier habe ich mich geirrt: Susanne Leonhard war niemals Redakteurin der Roten Fahne, sie war bereits 1925 aus der KPD ausgetreten. Diese Anmerkung zum Interview schrieb mir Wolfgang Leonhard in seinem Brief vom 3.6.96)

Zadek: Sieh mal einer an.

Münzer: Und die Hedda Zinner übrigens auch.

Zadek: Die habe ich nicht da kennen gelernt. Der Sohn von Susanne Leonhard, …

Münzer: …der Wolfgang.

Zadek: …der hieß damals Wolodja, und der war der beste Freund meines Sohnes, als Junge, als Kind. Aber davon hat er später dann nach Rußland keinen Gebrauch weiter gemacht. D.h. er hat ihn mal in New York besucht, das stimmt sogar.

Münzer: Ich kann ihn ja mal grüßen von Ihnen.

Zadek: Nee, so liebe ich ihn nicht, um zu grüßen. – Also, jetzt wollte ich Ihnen die Generalfrage beantworten. Wir haben mit den Menschen in der Künstlerkolonie eigentlich nicht verkehrt. Nicht etwa aus einer Absicht, sondern es hat sich einfach nicht ergeben. Wir wohnten bei uns und von den Leuten im Haus – wie gesagt, die Rosa Lichtenstein kannten wir eigentlich nur vom Trampeln, später habe ich mit ihr in Palästina nette Kontakte, aber auch lose nur, gehabt, die wurde dort auch eine weit untergeordnete Schauspielerin, aber man hatte sie gern. Also, ich hatte keine Beziehungen, außer Willi Wolfradt, an die ich mich erinnere. Und selbst der Hans Sochaczewer wohnte irgendwo in der Kreuznacher Straße, glaube ich, etwas weiter und nicht in der Künstlerkolonie. Ich wußte von Leuten die da waren. Da war ein Nazi z.B., der wohnte am Südwestkorso, ein Herr von Sowieso, der ein anständiger Kerl war. Es gab unter den damaligen Nazis, die ja Idealisten waren, teilweise sehr anständige Kerle. Selbst Otto Strasser z.B., war Redakteur bei der “Freiheit”, dem Blatt der Unabhängigen Sozialdemokraten gewesen, und unter der Betonung des Sozialist in der nationalsozialistischen Partei.

Münzer: Ich gehe nochmal zurück. Kantorowicz. Von dem wußten Sie, daß er da war.

Zadek: Nein. Ich war in Dahlem bei Bekannten eingeladen, zu Gast, da waren Schauspielerinnen ein paar, die Sie da auf der Liste haben, und da war Kanto auch. Und er hat noch zu meiner damaligen Freundin gesagt: ‘Dein Freund ist so ulkig, kommt von den Intellektuellen und hat die Hände eines Bauern. Und das stimmt vollkommen, diese Kennzeichnung. Und daran habe ich ihn erinnert, als wir uns nach dem Krieg erst kennen lernten.

Münzer: Der Theodor Balk wohnte bei der Steffie Spira, wie sie mir sagte.

Zadek: Nein. Der wohnte bei mir.

Münzer: Ach?! siehe Anm.

Zadek: Theodor Balk hatte ein Zimmer bei mir bekommen und wurde mit mir verhaftet. Er war beleidigt darüber – er sagte mir das nachher, nachdem er verhört worden war, im Polizeipräsidium am Alex -, daß er nicht für sich verhaftet wurde, denn er war Kommunist, sondern weil er bei mir gewohnt hatte. Das hatte die Polizei als Belastung empfunden. Und er wurde sofort wieder entlassen.

Ich bin der Ansicht, daß die Enquète der Nazis in der Künstlerkolonie zu einem großen Teil meinetwegen erfolgt war. Am “Tageblatt” hatte ich immerhin schon einen großen Einfluß, aber eben in einem bestimmten Blatt. Wir waren Anti-Nazi. Ich kann Ihnen Beispiele zeigen, die bei mir noch erschienen waren, von berühmten Leuten. Von Max Pechstein z.B. habe ich noch handschriftlich, wie er auf meine Veranlassung gegen die Nazis geschrieben hat und darunter mit der Hand: ‘Ist das richtig?’ Also man hatte etwas gegen mich von vornherein. Das war ‘ne anständige, natürliche Angelegenheit. Dann aber machte ich die Zeitungskorrespondenz und da hatte ich plötzlich, zwar nicht regelmäßige Abnehmer, aber ich hatte in 80 verschiedenen Blättern Abnehmer. Ich war also für die Leute mit meinen Beiträgen viel gefährlicher geworden.


Walter Zadek Interview mit Holger Münzer am am 9.11.1991
Foto: Elisabeth Kiele

Und nun kam noch etwas hinzu. Im Jahr vor Hitlers Regierungsantritt, das muß also im Jahre 1932 gewesen sein, ging ich eines abends mit meiner damaligen Frau zum Breitenbachplatz, um irgendwo hin zu einer Veranstaltung zu fahren. Und höre, wie ein stämmiger, Fünfzigjähriger vielleicht, zu seiner zwar nicht sehr hübschen, aber ebenso alten Frau sagt: ‘Eine Schande, daß man dieses Judenblatt noch verkauft.’ Das war das “Berliner Tageblatt”, das in einem Automaten dort stand. Darauf sagte ich zu meiner Frau, laut: “Woll’n wir mal das Judenblatt kaufen.’ Das hat den Mann natürlich nicht erfreut. Wir kauften das und gingen zur Sperre, und an der Sperre hatte der Mann mit seiner Frau oder Freundin auf uns gewartet. Und als ich reingehen wollte, bekam ich einen Hieb von ihm. Nun war ich damals, trotzdem ich auch schon Invalide war, normal, jung noch, d.h. ich war ja zweiunddreißig, und hieb zurück. Das gab sofort ‘ne ganz kleine Keilerei, klein deswegen, weil der Raum schon eng war, da an der Sperre. Und die Leute von der Bahn stürzten hin, von der U-Bahn, und brachten uns auseinander, um zum Vorsteher zu gehen. Und während wir da gingen, neben mir meine Frau, und rechts war dieser Mann – er hatte den sehr schönen holländischen Namen Blumendaal, d.h. mit “oe” geschrieben und zwei “a”, das kam später erst heraus -, wollte der nach mir schlagen. Und da der Arm von ihm offenbar zu lang war, schlug er meiner Frau ins Gesicht, die nachher eine Quetschung am Unterkiefer hatte, wie wir uns bescheinigen ließen. Und wir wurden nun von den Beamten da unten im Breitenbachplatz auseinander gehalten. Ich weiß nicht, ob der Bloemendaal zurück ging, jedenfalls meine Frau und ich gingen zurück zur Wohnung. Verzichteten auf das Vergnügen, zu dem wir damals gehen wollten. Und wie wir oben waren, sah ich aus dem dunklen Fenster heraus, und siehe da, da unten stand das Ehepaar oder Nicht-Ehepaar Bloemendaal und nahm meine Adresse auf. Und als ich verhaftet wurde, das greife ich im Moment vor, das kommt nachher wieder -, hörte ich, wie einer der Polizisten dem anderen sagte, ‘das ist der Kerl, der den alten Mann geschlagen hat’. Er war kein alter Mann und er war auch nicht schwach, er hätte mich eher schlagen können. Aber jedenfalls, das war die Belastung. Und ich glaube heute noch, daß meinetwegen, in erster Linie um den Kerl rauszukriegen, diesen schlagenden Juden, die Razzia gemacht worden war.Münzer: Das glaube ich auch. Aus zwei Gründen…

Zadek: Ich habe auch einen Grund. Nämlich in dieser Zeit dann, im Anfang 33, wurden nachts manchmal durch die Türen geschossen, und es war unsicher, da zu wohnen. Und wir versuchten deshalb, bei verschiedenen Leuten unterzukommen. Ich ging zu einem Kollegen von mir, das war der Sohn von Walter von Molo, und der hatte ein Atelier und hätte uns unterbringen können.

Münzer: Auch in der Künstlerkolonie?

Zadek: Nein, nein, das war ganz wo anders. Ich wollte ja wo anders wohnen. Ich wollte raus aus der Künstlerkolonie, um mich zu schützen. Also, er lehnte ab, und es war ihm furchtbar peinlich, aber er lehnte ab, und da ging ich zu einem Journalistenehepaar, Kurt Zielisch und Li Zielisch, die wohnten auch ganz wo anders, und die sagten, ‘Gott, natürlich könnt Ihr jetzt bei uns wohnen’. Wir machten das und nach drei Tagen hatten wir so das Empfinden, die halten unsere Befürchtungen für maßlos übertrieben. Und wir gingen zurück. Und wie ich zurück ging, sah ich auf dem Laubenheimer Platz einzelne Leute sitzen, wenige, die waren vorher nie da gewesen. Menschen so im Alter zwischen dreißig vielleicht oder fünfunddreißig. Ich bemerkte diese Leute. Ich bezog das aber nicht in irgend einer Weise auf eine Aufgabe dieser Leute. Da saßen eben andere Leute, wie sonst, auf den Bänken. Und am nächsten Morgen war die Sache abgeriegelt. Also, ich glaube, daß die festgestellt haben, der Kerl ist zurück, jetzt können wir losgehen. Entschuldigen Sie, daß soll keine Überheblichkeit sein, daß ich meine Wichtigkeit dabei herausstelle, sondern lediglich, das war der Auslöser der Razzia, glaube ich.

Münzer: …Sie waren ja irgendwie ein Protagonist. Erstens als Redakteur und zweitens als Jude…

Zadek: …und drittens als roter Mann. Wir hatten z.B. immer bei Wahlen zwei rote Fahnen raushängen. Ich war nie in meinem Leben in einer politischen Partei gewesen, überhaupt nicht eingeschriebenes Mitglied irgendwo, weil ich zu sehr ein Einzelgänger bin. Aber die Fahnen hing ich aus Sympathie – zur Wahl eine Solidarität zeigen -, dort aus dem Fenster heraus. Und das wußten die natürlich genau. (…)

Münzer: Noch mal ein kleines bißchen zurück. Da waren ja auch viele kleinere Aktionen der SA, wie Eggebrecht schreibt. Man kam und schlug mit Gewehren an die Türen. Hat da mal ‘ne Wohnung durchsucht und dort mal …

Zadek: … was Sie jetzt sagen ist mir unbekannt. Ich wußte von Durchschießungen und ich wußte von der allgemeinen Gefährdung, die da ist.

Münzer: Ich habe mich gefragt: wenn da so kleine Razzien waren und man wußte, da ist was gefährlich, da hätte man doch erwarten können, daß irgendwann ‘ne Großrazzia kommt?

Zadek: Also, ich weiß nichts davon. Ihr Vorspruch sozusagen läuft an mir glatt vorüber. Ich kenne nur die Konsequenz. Wie die Verhaftung vor sich ging, praktisch, kann ich Ihnen auch erzählen. – Das ist sehr komisch. Ich wurde also damals noch mit blutigem Gesicht raufgestoßen auf den Wagen, auf dem die anderen schon saßen, und dieser Entenschnabelige, der auf der rechten Seite da steht, rief mir noch zu: ‘Hast wohl Neesebluten jehabt, wa, wisch Dir mal det Jesichte ab”, d.h. es blutete ein bißchen. Und neben dem Wagen stand ein sehr gut aussehender Sturmbannführer, Obersturmbannführer, ich weiß nicht was, von den Nazis, intelligent aussehend usw., und da sagt plötzlich neben ihm ein Zivilist, d.h. ein Journalist, der schreiben sollte: ‘Aber das ist doch der Zadek vom “Berliner Tageblatt”.’ Da sagte der, so ungefähr: ‘Geht uns nichts an!’ D.h. also, ich war schon bekannt da in den Kreisen. Aber das interessierte sie gar nicht, wo der Betreffende hingehörte, auch welche Ehren er hatte.

Münzer: Das hat man dann ja auch gelesen, in diesem Artikel in “Völkischen Beobachter” der noch am gleichen Abend herauskam und dann vierzehn Tage später noch einmal im “Illustrierten Beobachter”.


Walter Zadek Interview mit Holger Münzer am am 9.11.1991
Foto: Elisabeth Kiele

Zadek: Ich wollte Ihnen zur Atmosphäre bei uns noch etwas sagen. Ich sagte Ihnen eben, meine Bekannten waren eigentlich nicht in der Künstlerkolonie. Aber wir hatten regelmäßig in der roten Künstlerkolonie Gäste. Also erst einmal, ich habe immer ein Zimmer aus wirtschaftlichen Gründen vermietet, wo dann der Theodor Balk drin war zu dieser Zeit, und zweitens hatten wir alle vierzehn Tage etwas, was man Jour nennt, ein Zusammenkommen von Leuten, die uns interessierten. Ich erinnere mich an eine Sache, da hatten wir nur Journalisten eingeladen, verschiedenster Art, und ich weiß noch, da fiel das Wort, daß ich Zionist sei, und die waren ganz entsetzt: ‘Sie Zionist? Sie schreiben ein hervorragendes Deutsch, Sie sprechen ein hervorragendes Deutsch, Sie haben die deutsche Kultur gefressen, was haben Sie denn in Jerusalem zu suchen? – Einmal war Walter von Molo mit Moholy Nagy, der vom Dessauer Bauhaus, der Fotograf dabei, und da weiß ich noch wie sie die Treppe runter gingen und ich zufälligerweise da hörte, ‘nicht mal ‘nen Alkohol hat er uns gegeben”. Und einmal – da kann ich Anekdoten vielleicht erzählen -, da kamen die Feuchtwangers, Lion und Frau. Und sie wußte nicht wie’s bei uns zugeht und kam im wunderschönen eleganten Abendkleid in gelber Seide an, und sie rauschte förmlich herein, und er, Lion, saß mit seinem Äffchengesicht klein daneben, und da saß schon ein kleiner Mann da auf der anderen Seite mit ‘nem Rundkopf. Und nachdem wir weiter geredet hatten, ohne Wichtigkeit, sagte Frau Feuchtwanger: ‘Ach, Herr Zadek, ich habe den Namen des Mannes bei der Vorstellung nicht gehört. Wer ist denn das?’ Da sagte ich: ‘Das ist doch Josef Roth.’ ‘Der Roth vom “Hiob”?’ ‘Ja, bitte.’ Also jetzt existierte ich nicht mehr für die Martha Feuchtwanger. Jetzt war nur noch Roth da. – Solche Leute kamen da . Und ich lud auch gewisse Verwaltungsmenschen ein, z.B. den Oberschulrat, wie hieß er, – Paulsen glaube ich, so ähnlich -, einen linken Schulbehördemann mit einem ebenso linken Strafvollzugsmenschen, dem Strafvollzugspräsidenten von Brandenburg, der ein Anti-Justiz Drama geschrieben hatte, das in der Volksbühne aufgeführt wurde. “Amnestie” heißt es, glaube ich, aber ich bin nicht ganz sicher darüber. Eines Tages waren wieder mal Leute geladen, und da saß – wir hatten eine sofaartige Couch da noch stehen in dem einen Zimmer -, und da saß von der Weltbühne Burschell, Friedrich Burschell, auf der einen Seite, und neben ihm Axel Eggebrecht, und dann war die Fega Frisch da, und der Redakteur des “Neuen Merkur”, Ephraim Frisch, und dann war Bruno Schönlanck, der Arbeiterdichter, da und möglicherweise Hans Sochaczewer, und dann saß auf der Kante meine damalige Frau. Und die Leute hechelten über ein gerade mit ungeheurem Erfolg erschienenes Buch, von Hans Grimm: “Volk ohne Raum”. Das war ein dickleibiges Buch, das trotz des Preises eine enorme Auflage hatte, ein nationalistisches Buch, und die fielen nun darüber her, die Leute alle, und sagten: ‘Dieses Machwerk, dieses miserabel geschriebene Ding, diese primitive Einstellung in allen Fragen’ usw. Meine kleine Frau sagte, ‘entschuldigen Sie, nur eine Frage, meine Herren, wer von Ihnen hat das Buch gelesen?’ Ach du Heiliger! Kein einziger hatte das Buch gelesen. Sie urteilten alle, wie die Clique urteilt. Uns wissen Sie, das war die Tragödie der ganzen politischen Bewegung. Die Leute, die nichts mit den Nazis zu tun haben wollten, verkehrten nur unter sich selbst. Sie hatten von der Gegenseite überhaupt keine Ahnung. Wenn ich da jemand über die Nazis gefragt hätte, ‘mit denen verkehrt man doch nicht’, so in dem Sinne. Und das macht man immer. Die ganzen Intellektuellen sind monoman. Ich geben Ihnen ein praktisches Beispiel: ich hatte meine Zeitungskorrespondenz, und die belieferte auch die damals am weitest verbreitete Zeitung im Westen, das war der “Dortmunder Generalanzeiger”. Und die brachte Artikel im allgemeinen von mir. Sie war leicht links, sagen wir so ungefähr, ohne gebunden zu sein. Und einmal kam der sehr anständige Chefredakteur zu mir und sagte, ‘Herr Zadek, machen Sie mir doch mal bitte eine Seite über die Zukunft des Nationalsozialismus’. Das war also im Herbst ’32. Und Herr Zadek sah den Mann an, ‘… aber Herr Dr. Stöcker, der Nationalsozialismus hat doch keine Zukunft’. Das war im Herbst ’32. (…)Kein Mensch hat jemals die Entwicklung des Nationalsozialismus für möglich gehalten, auch die Nazis nicht in dieser Form. Noch nicht mal einen Monat vorher. Noch nicht mal als sie an die Macht kamen. Das war ein Aufmarsch von welchen, denen das Marschieren Spaß machte usw., Prügeleien auf der Straße Spaß machten, Horst-Wessel-Typen und so etwas. Das wird in der ganzen Überlegung immer, wenn ich mit Schulen gesprochen habe, es fragten mich die Gymnasiasten z.B.: ’Herr Zadek, warum sind denn die Juden nicht früher geflohen?’ und da sagte ich, ‘weil keiner daran geglaubt hat, es könnte sich in dieser furchtbaren Form entwickeln. Die Judenverfolgung hat keiner ernst genommen, das Programm der Judenverfolgung hat keiner ernst genommen. Die Leute haben doch ihr Eisernes Kreuz. (…)

Münzer: Juden, Kommunisten, Sozialisten wurden auf der Straße verprügelt, an der U-Bahn verprügelt…

Zadek: Leute, die man für Juden gehalten hat, auch.

Münzer: … hat man daraus nicht irgend eine Gefährlichkeit gesehen, weil, die Polizei hat das doch geschützt irgendwie oder ging der Sache nicht so nach?

Zadek: Die ganze Atmosphäre war nazistisch. Aber das sagt nichts über den Grad, den extremen Grad der Handlungsweise. Es war in der Form. Man sah auf dem Kurfürstendamm, da sah ein Trupp von Nazis in Uniform, also S.A. damals noch, acht Leute, einen Menschen, der ein Jude war, offenbar. Und dann machten sie sich so breit, und gingen auf den Menschen zu und ließen ihn nicht durch. Und der schimpfte irgend etwas, und dann schlugen sie ihn nieder. Darauf ist der Mann zum Gericht gegangen und hat Anklage gegen diese Leute, entweder gegen Unbekannt, dann hat man sie festgestellt usw., erhoben. Und vor Gericht kam er dann und alle die Leute, diese acht, sagten dann, ‘alles was der Mann erzählt sind Märchen, nichts davon hat tatsächlich stattgefunden. Wir sahen ihn und haben und haben ihn vielleicht irgendwie angeguckt oder so etwas, aber wir sind glatt an ihm vorüber gegangen.’ Also der Mann sagte, ‘entschuldigen Sie, Sie sehen doch meine blauen Flecken’, ‘Ja, das ist kein Beweis’, sagte der Richter dabei, ‘und wissen Sie, Sie haben hier acht ehrenwerte Menschen, die aussagen, was Sie sagen hat nicht stattgefunden, und Ihre Aussage steht dagegen. Da kann ich Ihnen nur sagen, ziehen Sie Ihre Aussage zurück. Sonst müßte ich Sie wegen Verleumdung verhaften lassen.’ Also das war die Stellung der Richter damals.

Münzer: Man hat aber doch gewußt, daß die Jurisprudenz, also die Richter, die Rechtsprechung sehr auf Seiten der Nazis war. Hat das nicht zur Gefährlichkeit der Situation beigetragen, hat man nicht gesehen, wie gefährlich die Situation ist?

Zadek: Sagen wir mal, der Hannoversche Anzeiger, oder welches der Hannoverschen Blätter das war, schickt mir einen Artikel zurück und dazu einen Begleitbrief: ‘Wir sind empört darüber’ – da waren sie nämlich schon nazistisch geworden – ‘daß Sie solches Material noch verschicken!’ Er hat aber die Beziehung zu mir nicht abgebrochen damit. D.h. überall steckte das drin. Wenn ich dem Mann erzählt hätte, was kommen wird, das hätte der für unmöglich gehalten, so etwas kommt doch nicht vor in Deutschland, trotzdem er nazistisch eingestellt war in der Presse.

Münzer: Der hätte das nicht geglaubt?

Zadek: Kein Mensch. Die Nazis haben’s nicht geglaubt. Und nicht nur das. Hitler hat es nicht geglaubt. Das sage ich, das kann ich Ihnen ja nicht beweisen. Und der hat ja jede zukünftige Aktion, wenn er sie selbst vor hatte, ja erst mal geleugnet und ist schrittweise vorgegangen. Und wissen Sie, den Verfall des Volkes, den moralischen Verfall des Volkes, die Brutalisierung, die sie dann in Polen usw. und bei den Juden gemacht haben, die hat ja doch auch keiner vorausgesehen. Hätten Sie einer Frau gesagt, ‘Ihr Mann wird mal einen Juden an den Galgen hängen, der nichts getan hat.’ Dann hätte die Frau gesagt, ‘hören Sie mal, ich verklage Sie wegen Verleumdung’ -, so ungefähr. (…)

Also, ich habe Ihnen gesagt, wie so eine Runde bei uns saß, und ich habe Ihnen gesagt, wie diese Runde verrät, daß sie keine Ahnung von der Gegenseite hatte, sich überhaupt nicht darum kümmerte. Und das passiert immer wieder. Ist doch natürlich. Jeder Mensch verkehrt mit den Leuten, zu denen er Sympathien hat und mit den anderen verkehrt er eben nicht, und da weiß er aber auch nichts davon. Und so ein Mensch wie Herr Dr. Stöcker vom “Dortmunder Generalanzeiger”, der hatte ein Gefühl über die Zukunft des Nationalsozialismus.

(…) Also zurück zu der Künstlerkolonie.
Es war eine Insel in der Stadt. Für die Außenwelt waren wir eine Insel und wir hatten auch das Bewußtsein, wir nannten uns nicht so und wir hatten das Wort auch nicht in unseren Hirnen formuliert, aber wir hatten das Inseldasein als Bewußtsein. Charakteristisch ist es, daß da Leute lebten, die völlig ohne Beziehung zu den anderen waren. Und ich weiß nicht, ob nicht mehr als 50 Prozent in diese Klasse gehören. Wir haben eine gewisse Gesinnungsgemeinschaft gehabt, aber unausgedrückt und unpräzisiert.

Münzer: Hat man gesagt Roter Block?

Zadek: Das hat man gesagt, aber auch nicht unter uns. Da hätten wir sozusagen geglaubt, wir sollten damit beschimpft werden. Was ja wohl auch die Ursache war, daß man es so nannte.

  • Theodor Balk wohnte vermutlich zuerst bei Steffie Spira, weil er (wie auch Arthur Koestler) manchmal behilflich war bei den Texten, als er dann für Zadek arbeitete wohnte er vermutlich bei diesem.
  • Das vollständige Interview wird in dem in Arbeit befindlichen Buch “Die Künstlerkolonie Berlin – ein Stadtteil-Lesebuch” dokumentiert werden.
  1. Eggebrecht berichtet von “Rempeleien” am U-Bahnhof Breitenbachplatz und in der Kolonie, weswegen ein “Schutzbund” gegründet wurde. Er berichtet auch von Aktionen der SA bereits vor dem Wahlkampf, weswegen der “Schutzbund” sich mit Revolvern bewaffnete.