Neue Zürcher Zeitung (Morgenblatt) vom 16.3.1933 zur Großrazzia am 15.3.1933
Haussuchungen

Berlin, 15. März pt
In der Berliner kommunistischen Künstlerkolonie in Wilmersdorf wurde heute Mittwochvormittag eine umfassende Razzia vorgenommen. Die Kolonie wurde von 350 Polizeibeamten abgesperrt, und die Wohnungen einer genauen Untersuchung unterzogen. Es handelt sich um drei neue große Siedlungskomplexe, mit hunderten von Wohnungen hauptsächlich kommunistischer Schriftsteller und Künstler. Unter anderen wurde auch die Wohnung des Schriftstellers Tucholsky durchsucht und ferner die des früheren, länjährigen Redaktors des "Berliner Tageblattes" Zadek, in dessen Besitz drei scharf geladene Pistolen und viel Munition gefunden wurde. Der "Angriff" berichtet dazu, daß der Polzei schon lange bekannt gewesen sei, daß von der Künstlerkolonie aus planmäßig Fäden zum Karl-Liebknecht-Haus gezogen seien, und daß in diesen Wohnhäusern vorübergehend auch der rote Frontkämpferbund seinen Sitz hatte. Eine ganze Reihe von Wohnungen war von ihren Inhabern bereits Hals über Kopf verlassen worden, sodaß die Polizei gewaltsam eindringen mußte. Eine große Anzahl von Personen wurde in Schutzhaft genommen. Beträchtliche Mengen schriftlichen Materials und zahlreiche Waffen wurden beschlagnahmt. Bei dem in der Nähe gelegenen Laubenheimer Platz versammelten sich zahlreiche S.A.-Leute und verbrannten unter dem Jubel der anwesendenden Menschenmenge zahlreiche kommunistische Fahnen. In verschiedenen der durchsuchten Wohnungen wurden auch nationalsozialistische Uniformen und gefälschte Stempel gefunden, sowie Schriftstücke mit Anschriften von nationalsozialistischen Dientstellen.

    Anm.d.R.:
  1. Tucholsky wie die anderen im Bericht genannten Personen waren niemals Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen

  2. Zadek hat mir im Interview 1991 versichert, daß er damals keinerlei Waffen besessen hatte. So aber agierte damals die Nazi-Propaganda...

  3. In der Künstlerkolonie gab es keinerlei parteipolitische Organisation, es gab nur den "Mieterschutzbund" von Axel Eggebrecht

  4. Verbindungen zum "Karl-Liebknecht-Haus" hat man gescheut wie die Katze das Weihwasser...

  5. Es ist richtig, daß die deutschen Intellektuellen, Juden wie Nichtjuden, Thomas Mann ebenso wie Erich Weinert, Ernst Bloch, Alfred Kantorowicz, Bert Brecht, Kurt Weill, Hanns Eisler und all die vielen anderen Schriftsteller und Künstler, Deutschland fluchtartig verlassen haben, weil sie ihres Lebens nicht mehr sicher waren.

  6. Zusammenfassend: Aus diesem Bericht ließe sich eine üble Dienstauffassung der Polizei (auch der heutigen) ableiten, deswegen muß man zu deren teilweisem Schutz hinzufügen, daß es sich in der Hauptsache nicht um Polizei, sondern um eine sogen. "Hilfspolizei", verstärkt durch SA und verstärkt durch vorzeitig entlassene Kriminelle, (Einbrecher, Totschläger, Gewalttäter - so berichtet Walter Mehring) handelte. So berichtet z.B. Steffie Spira von der Großrazzia am 15. März 1933 durch die SA, daß sie einem Revierpolizisten ihr Leben verdanke. Die Berichte aus der deutschen Geschichte dieser Jahre müssen in diesem Punkt deshalb sehr exakt nachvollzogen werden!

Red.: Holger Münzer 13.9.1999


Gehezu:
Kurzinfo | prominente ehemalige und heutige Bewohner der Künstlerkolonie (kleinere Auswahl) | namhafte ehemalige und heutige Bewohner der Künstlerkolonie (größere Auswahl)

Weitere Berichte von der Verfolgung der Künstler und Schriftsteller und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie hier:

  1. Zürcher Zeitung vom 16.3.1933 zur Großrazzia am 15.3.1933
  2. NS-Aktionen und Razzien gegen den ’Roten Block’ (Situation in der Künstlerkolonie in den Jahren 1932/33)
  3. Großrazzia am 15. März 1933
  4. 'Völkischer Beobachter' zur Großrazzia am 15. März 1933
  5. Axel Eggebrecht: Selbstschutz-Organisation in der Künstlerkolonie in den Jahren 1930-33
  6. Alfred Kantorowicz über die über die "Künstlerblocks am Laubenheimer Platz" (1932/33) in der "Weltbühne"
  7. Interview mit Steffie Spira zur Großrazzia in der Künstlerkolonie am 15. März 1933
  8. Schilderung der NS-Aktionen und der Großrazzia von Alexander Graf Stenbock-Fermor zur Großrazzia in der Künstlerkolonie am 15. März 1933
  9. Interview Stefan Berkholz - Walter Zadek (1985)
  10. Interview Holger Münzer - Walter Zadek (1991)
  11. Theodor Balk: Das Verlorene Manuskript (Mexiko 1943)
  12. Rauhe Tage in der roten Tintenburg (FAZ vom 12.12.1998)

Gehe zu:
Holger Münzer | KünstlerKolonie | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































Sie sind Besucher