Vor 75 Jahren wurde die Künstlerkolonie am Breitenbachplatz im Berliner Stadtteil Wilmersdorf fertig gestellt. Doch die Zukunft des historisch bedeutsamen Bauensembles ist ungewiß ![]() Ein Gedenkstein am Ludwig-Barnay-Platz erinnert an die Künstlerkolonie In der Bonner Straße 11 bereitet sich Ernst Busch, der berühmte Schauspieler und Sänger, auf seine Rollen an der Volksbühne vor, während gleich um die Ecke, in der Kreuznacher Straße 52, Ernst Bloch über philosophischen Schriften brütet. Im selben Haus lebt Peter Huchel, der später als einer der bedeutendsten Lyriker der Nachkriegszeit gelten wird. Der Schriftsteller Axel Eggebrecht organisiert von der Bonner Straße 12 aus die Arbeit einer kommunistischen Selbstschutzorganisation, und am Ludwig-Barnay-Platz 3 versucht Walter Hasenclever, ein Star der expressionistischen Dramatik, an seine früheren Erfolge anzuknüpfen. So hat man sich die Künstlerkolonie Anfang der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts vorzustellen. Denn all diese Persönlichkeiten lebten im Karree zwischen Kreuznacher Straße, Laubenheimer Straße, Südwestkorso und Steinrückweg, wenige Meter vom Breitenbachplatz entfernt - und nicht nur sie: Auch der Lyriker und spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, der Publizist Sebastian Haffner, die Stummfilm-Diva Brigitte Helm, der Schauspieler Klaus Kinski, der Ost-Experte Wolfgang Leonhard und viele andere wohnten und wirkten zeitweilig in der Künstlerkolonie am Ludwig-Barnay-Platz. Der Name Künstlerkolonie ist Programm. Von 1927 bis 1930 ließen die Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger (GDBA) und der Schutzverband deutscher Schriftsteller die aus drei Blöcken bestehende Siedlung errichten. Ihr Ziel war es, den materiell oft schlecht gestellten Künstlern eine hohe Wohnqualität zu günstigen Mieten zu bieten. Vom architektonischen Ansatz her entspricht die von Ernst und Günther Paulus errichtete Künstlerkolonie anderen Reform-Mietshausbauten aus den späten zwanziger Jahren: einfache, doch gut geschnittene und helle Wohnungen in vier- bis fünfgeschossigen Gebäuden, die - anders als die Mietskasernen der Gründerzeit anstelle von Hinterhäusern großzügige Höfe aufweisen. Diese Höfe wurden nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten besonders nützlich. Denn die Künstler standen politisch tendenziell links und waren deshalb oft Ziel nationalsozialistischer Übergriffe. Wenn die Büttel des braunen Regimes wieder einmal im Anmarsch auf den so genannten "Roten Block" waren, warnten sich die Bewohner gegenseitig. Wie sehr dabei die Hofsituation die Kommunikation erleichterte, verdeutlicht heute der Schauspieler Holger Münzer: Wenn der Präsident des Vereins KünstlerKolonie Berlin auf dem Balkon seiner Wohnung am Steinrückweg die Stimme zum Bühnenton erhebt, ist er problemlos auf jedem anderen Balkon seines Blocks zu verstehen. In der Frage, wie eng der Kontakt der Bewohner untereinander im Alltag wirklich war, widersprechen sich die Zeitzeugen allerdings. Während der Schriftsteller Alfred Kantorowicz sich an eine "in Treu und Glauben verschworene Kampfgemeinschaft" erinnerte, berichtete der Journalist Walter Zadek, daß die Bewohner in der Regel kaum Notiz voneinander genommen hätten. Auch über die materiellen Lebensumstände gibt es unterschiedliche Angaben. Kaum ein Bewohner, schrieb der Schriftsteller Gustav Regler, habe seine Miete zahlen können. "In den meisten Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hatten." Ganz und gar nicht zu dieser Schilderung paßt eine Beobachtung, die Holger Münzer machte, als er 1984 seine DreieinhalbZimmer-Wohnung am Steinrückweg bezog: |
Er fand nämlich eine Klingelanlage vor, die das Bad mit dem halben Zimmer verband - offenbar, um nach dem Dienstmädchen zu läuten. Die Zeit der antifaschistischen, solidarischen Gemeinschaft, sofern es sie denn überhaupt gegeben hat, war jedenfalls am 15. März 1933 zu Ende. Nach dieser Razzia der Nazis emigrierte ein Großteil der Bewohner der Künstlerkolonie ins Ausland. In der Folge seien Polizisten und Juristen eingezogen, berichtet Holger Münzer. Eine der neuen Mieterinnen war die Anwaltssekretärin Helene Jacobs, die in ihrer Wohnung (Bonner Straße 2) Juden versteckte. An sie, wie auch an weitere Künstler, erinnert heute eine Gedenktafel.
"Das halbe Grips-Theater und das ehem. Schillertheater und die Deutsche Oper wohnen hier", berichtet Münzer. Ihm direkt gegenüber habe die 2004 verstorbene Theaterfotografin Eva Kemlein ihre Wohnung gehabt, hier wohnen (oder wohnten bis vor kurzem, siehe Liste der prominenten Bewohner) auch Anita Kupsch, Hannelore Cremer, Hugo Egon Balder, Alice Treff, Heinz Theo Branding, Karin Evans, Rudolf Fernau, George Tabori, Sibilla Gilles, Klaus Miedel, Dieter Hildebrandt, Eva Lissa, Manfred Maurenbrecher, Klaus Mikoleit, Kurt Mikulski, Dagmar von Thomas, Horst Pinnow u.v.a., diese Liste ließe sich fast endlos weiterführen. Und manchmal sehe man Armin Müller-Stahl, wie er den Hund seines hier lebenden Bruders Hagen Müller-Stahl Gassi führe. Die Chance jedoch, die Öffentlichkeit auf das 75-jährige Bestehen der Kolonie aufmerksam zu machen, ist ungenutzt verstrichen (zum 70. Geburtstag der Siedlung fand ein großes Straßenfest statt). Auch sonst war der Verein Künstlerkolonie dynamischer: er organisiert jeden letzten Mittwoch im Monat im Coupé- Theater am Hohenzollerndamm 177 einen (öffentlich zugänglichen) Künstlerstammtisch und macht dort regelmäßige Theaterveranstaltungen und auch Konzerte (z.B. in der Schwartzschen Villa, im Haus am Waldsee usw.), auch weitere jährliche Straßenfeste sind in Planung. Die seit langem angekündigte Publikation eines Buches über die Geschichte der Künstlerkolonie dagegen scheiterte bisher an der Finanzierung. ![]() Steinrückweg / Ecke Kreuznacher Straße: Die Gegend in der Ernst Bloch und Peter Huchel wohnten Dabei wäre es wichtig, die Erinnerung an dieses Juwel deutscher Geistesgeschichte wachzuhalten. Denn auf die Künstlerkolonie kommen gravierende Veränderungen zu: Ende dieses Jahres läuft das Belegungsrecht der Bühnengenossenschaft für die Wohnungen aus. Und auch die Eigentumsverhältnisse haben sich geändert: die bisherige Verwaltungsfirma Deutschbau wird es nicht mehr geben, da deren Muttergesellschaft, die Viterra, kürzlich an Finanzinvestoren (Deutsche Annington-Gruppe) verkauft worden ist. Zu deren Geschäftsmodell gehört es, Wohnhäuser in guten Lagen (und das trifft auf die Künstlerkolonie zweifellos zu) in Eigentumswohnungen aufzuteilen und zu verkaufen. Ob dies tatsächlich passieren wird, ist nicht in Erfahrung zu bringen: Es handle sich dabei, heißt es bei der Deutschbau, um eine strategische Entscheidung, welche die neuen Eigentümer treffen würden. Emil Schweizer |