Rauhe Tage in der roten Tintenburg

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)  vom 12.12.1998  (von Karlheinz Wagner)


Wo Ernst Bloch, Manès Sperber und Arthur Koestler wohnten:
Die Künstlerkolonie am Berliner Südwestkorso

Im Südwesten Berlins, nahe dem Breitenbachplatz, zweigt der Südwestkorso ab. Vom Verkehr unberührt, liegen südlich von ihm, rings um eine Parkanlage, drei Wohnblocks, in sich durch begrünte lnnenhöfe aufgelockert. Ihr einst heller Ockerverputz hat Patina angesetzt, das Weinlaub der Mauern ist dichter geworden. Im Herbst, wenn es tiefrot leuchtet, erscheint es dem, der mit der Geschichte dieser Idylle vertraut ist, wie eine späte Reminiszenz an die frühen Jahre dieser Häuserblocks, als sie - und das nicht wegen ihres wilden Weins - "die rote Tintenburg" genannt wurden.
Vor gut siebzig Jahren entstand hier, an der Schnittstelle von Wilmersdorf, Steglitz und Friedenau, die Künstlerkolonie. Ihrem städtebaulichen Konzept lag die Idee zugrunde, Wohnen und Kommunikation ins Grüne zu erweitern. Sie umgab den Laubenheimer Platz der heute Barnayplatz heißt. Als 1926 die Absicht der Stadt Berlin laut wurde, den Bau einer Künstlerkolonie zu fördern, meldete die Bühnengenossenschaft ihr Interesse an. Mit dem Schutzverband der Schriftsteller gründete sie eine "Gemeinnützige Heimstätten-Gesellschaft". Eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad sollte rund achtzig Mark kosten. Auch die größeren Wohnungen, alle gediegen gebaut und gut ausgestattet, blieben unter dem damals normalen Preisniveau. Am 30. April 1927 legte der Präsident der Bühnengenossenschaft den Grundstein. Auf ihm steht: "Aus dem Nichts schafft Ihr das Wort, und Ihr tragts lebendig fort, dieses Haus ist Euch geweiht, Euch, Ihr Schöpfer unserer Zeit."

Foto: Blick auf die Wohnbauten um den Ludwig-Barnay-Platz
Luftaufnahme 1928 - aus: KünstlerKolonieKurier Nr.1
mit frdl. Genehmigung durch Archiv für Kunst und Geschichte, Berlin

Im Winter 1929 wurden zwei der drei Häuserblocks bezugsfertig (Anm.d.R.: das ist falsch: der erste Block wurde am 23.3.1928 bezugsfertig, der zweite im Februar 1929). 1931 - die Wirtschaftskrise hatte das Bauen verlangsamt - stand der dritte Block (Anm.d.R.: das ist falsch: der dritte Block wurde Winter 1930 / Anfang 1931 bezugsfertig, der vierte wurde 1931 nicht mehr gebaut. Eine genaue Folge der entsprechenden Presseberichte finden Sie auf der aktuellen Seite.) Die Genossenschaft fragte die Leute nicht nach beruflicher Sicherheit. Auch Schauspieler ohne Engagement, gastierende Sänger und von Gelegenheitshonoraren lebende Literaten zogen ein. Mancher, der bisher möbliert gewohnt hatte, sah erstmals eigene Wände. Der Anteil junger Avantgardisten aus Literatur und Theater war beachtlich. Die Namen der (damals) Arrivierten von den Staatstheatern, die der Ufa-Stars und der Nobilität der Bildungsliteratur fand man noch kaum am Laubenheimer Platz. (Anm.d.R: der Autor hat etwas ungenau recherchiert: arriviert waren z.B. Lil Dagover, Henny Porten, Hermine Körner, Ernst Busch, Georg Hermann, Kurt Tucholsky (war damals vorwiegend in Paris, seine Frau wohnte in der Künstlerkolonie, er war dort gemeldet), Peter Martin Lampel und andere, die damals weniger arriviert waren: Ernst Bloch, Peter Huchel, Alfred Kantorowicz, Walter Hasenclever, Johannes R. Becher, Axel Eggebrecht, Arthur Koestler, Steffie Spira und sehr viele andere, sie waren noch zu jung, und "Die Weltbühne" war zwar bekannt, hatte aber zur 60.000 Auflage)

Schriftstellerverband und Bühnengenossenschaft waren unpolitische Standesvertretungen. Sie vergaben ihre Wohnungen nicht nach politischer Gesinnung. Dennoch wurde die Künstlerkolonie vorläufige Heimstatt linker Intellektuellerund profilierte sich politisch, je mehr der Nazismus an Boden gewann. In den wenigen noch verbleibenden Jahren der freien Entfaltung schöpferischer Kräfte wohnten hier die außerordentlichsten Köpfe: der Philosoph Ernst Bloch, der Romancier und Essayist Manès Sperber, der Psychoanalytiker Wilhelm Reich, die Wortführer des literarischen Expressionismus, Johannes R. Becher, Walter Hasenclever und Erich Mühsam (Anm.d.R.: das ist falsch Mühsam verkehrte zwar regelmäßig in der Künstlerkolonie, wohnte aber nie da.), sowie Arthur Koestler und Alfred Kantorvwicz.

Das Leben in der Künstlerkolonie ist vielfach literarisch bezeugt. Erinnerungsbücher berichten von der Solidarität der Bewohner in den wirtschaftlichen Nöten der Zeit. Doch alles Erinnern gipfelt in dem Drama der "Tintenburg und ihrer Bürger, als sie, erst Zielscheibe wachsenden Terrors, schließlich im März-Pogrom von 1933 Opfer nazistischer Wut wurden. Axel Eggebrecht erzählt in seinen Büchern "Volk ans Gewehr" (1959) und "Der halbe Weg - Zwischenbïlanz einer Epoche" (1975) vom friedlichen und unfriedlichen Leben in der Künstlerkolonie. Der Journalist Walter Zadek nennt in dem von ihm 1981 herausgegebenen Buch "Sie flohen vor dem Hakenkreuz" die Künstlerkolonie das "Sammelbecken freigeistiger Menschen": "In meiner Wohnung hatte, schon seit ich Ressortchef am Berliner Tageblatt gewesen war, alle vierzehn Tage eine Art jour stattgefunden, an dem sich Dichter, Politiker, Musiker und so weiter gegenseitig an- und aufregten, darunter Maler des Bauhauses, Mitarbeiter der Weltbühne, Schauspieler von Reinhardt und andere."

Gustav Reglers Autobiographie "Das Ohr des Malchus" vermittelt eine andere Atmosphäre: "Wir wohnten in einem Block, der mit Hilfe von Subventionen gebaut und nur für Künstler bestimmt war. Es waren billige Wohnungen, und doch bezahlte kaum einer seine Miete, weder die Gehälter noch die sogenannten Einkünfte der freien Berufe reichten aus. In den meisten Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hat ten; keiner verhungerte, man half sich gegenseitig und wanderte von Wohnung zu Wohnung, man roch, wo einer Arbeit gehabt hatte und etwas Speck und Käse zu finden war."

Drei Viertel der Bewohner gingen stempeln. Die Mieten schnellten in die Höhe, Entmietungen waren an der Tagesordnung. In einem Beitrag für die von Rolf Italiaander und Willy Haas 1957 herausgegebene Anthologie "Berliner Cocktail" schildert Eggebrecht unter der Überschrift "Mut und Überrnut im Künstlerblock", wie man damit fertig wurde: "Mancher machte wohl auch jetzt gern einen Umweg, um das Haus Laubenheimer Platz sieben zu meiden; dort schrieb die böse Hausverwaltung ihre Mahnzettel aus. Zuweilen versuchte sie sogar die Exmittierung hartnäckiger Nichtzahler. Dagegen wurde dann mit allgemeiner Aktion protestiert, die gern den Charakter eines vergnüglichen Volksfestes annahm...

Bedrohlicher klang Ernst Buschs stählern-schneidende Stimrne aus einem dritten Stockwerk der Bonner Straße zehn (Anm.d.R.: das ist falsch, es war Bonner Straße 11) fünfzehnmal wiederholte sie die Anfangszeilen des neuen Brecht-Eisler-Songs: 'Kommt heraus aus eurem Loche, das man eine Wohnung nennt...."

Noch herrschte Ruhe vor dem Sturm

Ernst Busch, der "Barrikaden-Tauber", gehörte zu den besonders markanten Persönlichkeiten der Künstlerkolonie. Wie er standen viele Künstler und Theaterleute dem Marxismus nahe. Als im September 1927 die Piscatorbühne mit ihren politisch-agitatorischen Inszenierungen eröffnet wurde, kannten manche der Mitwirkenden wie eben Ernst Busch, wie Gerhart Bienert und Leonard Steckel und die Dramaturgen Becher und Mühsam sich auch als Nachbarn vom Laubenheimer Platz. Der Bühnenautor Peter Martin Lampel schrieb seine sozialistischen und pazifistischen Stücke in der "Tintenburg".

In den Agonie-Jahren der Weimarer Republik erschienen Modernität und linke Liberalität der Intellektuellen vom Südwestkorso den Bewohnern von Steglitz und Friedenau unheimlich. In den herrschaftlichen Mietshäusern der Gründerjahre, gebaut für Fabrikanten, Privatiers und wohlsituierte Pensionäre, lebte jetzt das inflationsgeschädigte Bürgertum zusammen mit Kleinbürgern und sich bürgerlich wähnenden Proletariern. Was sie verband, war ihr deutschnationales Bewußtsein. Nach außen richtete es sich gegen Versailles und im Innern gegen Sozialisten und Juden. Wenn sie flaggten, zeigten sie die kaiserlichen Farben und ab 1930 immer mehr das Hakenkreuz. Aus ihren Schrebergärten an der Kreuznacher Straße beargwöhnten sie die Leute vom Künstlerblock, denen sie in die Fenster schauen konnten.

Diese spürten nach dem Wahlausgang im September 1930 hautnah, daß das rechtsradikale Gewaltpotential gestiegen war. "Schon während des Wahlkampfes", so Axel Eggebrecht, "wurde klar, daß wir eine kleine Insel inmitten der Flut von Hakenkreuz und Schwarz-Weiß-Rot bildeten, die Steglitz und Friedenau überschwemmte." Er berichtet, wie er am Abend des 14. September mit Gleichgesinnten in Alfred Kantorowicz' Wohnung saß und die Wahlergebnisse im Radio erwartete: "Die ersten Resultate ... klangen so widersinnig, daß wir an Falschmeldungen glaubten. Spät nachts stand dann fest, daß Hitlers belächelte Sekte zur zweitstärksten Partei geworden war."

Von nun an unterlagen die den Nazis verhaßten Bewohner der Künstlerkolonie zunehmender Gewalt. Spitzel inspizierten die Häuser und legten schwarze Listen an. Mit Motorrädern und Autos patrouillierte die SA die Straßen entlang. Und unter entrollten Fahnen marschierten die "braunen Kolonnen" vorbei, sangen ihre "Kampflieder" und skandierten die Parolen der "Bewegung", von denen das "Juda verrecke!" so manchen in der Künstlerkolonie Schlimmes ahnen ließ. Bei Drohgebärden und verbaler Einschüchterung blieb es jedoch nicht. SA und "völkische Männer" postierten sich am Ausgang des U-Bahnhofs Breitenbachplatz und rempelten Fahrgäste an, die nach "zersetzender Intellektualität" aussahen und den Weg zur Künstlerkolonie nahmen. Wenn jemand aufzubegehren wagte, wurde er niedergeschlagen. "Wer bei uns lebte, war gefährdet", schreibt Eggebrecht, "Demokraten und Kommunisten, katholische Zentrumswähler und Parteilose."

Im Sommer 1932 bildeten die Bewohner einen "Antifaschistischen Schutzbund". Mit "Geleitzügen", Trupps, die von der U-Bahn Heimkehrende begleiteten, begann es. Schließlich gehörten mehr als hundert Aktivisten dazu. Die Polizeiwache an der Deidesheimer Straße stand ihnen positiv gegenüber. Als HitÍer mit einem "Marsch auf Berlin" drohte, nahm auch der Selbstschutz militante Züge an. "Generalstabsmäßige Maßnahmen" zur Verteidigung der "Künstlerburg" wurden überlegt. Und Arthur Koestler spricht in seinen Memoiren noch rückblickend von einem "Hauptquartier". Die Bewohner glaubten, Keimzelle eines bewaffneten Widerstandes werden zu können. Doch noch herrschte Ruhe vor dem Sturm. Ein Vorfall, der den Bewohnern am Breitenbachplatz den kommenden Dammbruch ankündigte, war der tätliche Angriff nazistischer Provokateure am 20. Januar auf Walter Zadek, den Redakteur des Berliner Tageblatts, und dessen Frau. Daß der Angreifer die Frechheit besaß, dem getretenen und geschlagenen Ehepaar zu folgen und sich die Adresse zu notieren, signalisierte schon die Selektion der Opfer des kommenden Pogroms.

Am 30. Januar 1933 brach der Damm: Die "braunen Bataillone" marschierten durchs Brandenburger Tor, marschierten im ganzen Reich, auch durch Steglitz, gespenstisch erhellt von ihren Fackeln. Nach dem Reichstagsbrand packten die Hellsichtigen in der Künstlerkolonie ihre Koffer, wissend daß die Chance, heil davonzukommen, täglich schwand. Am 15. März äußerte sich Goebbels über die Richtlinien seiner "neuen Zeitungspolitik" : "Viel von denen, die hier sitzen, um öffentlich Meinung zu machen, sind dazu gänzlich ungeeignet. Ich werde sie sehr bald ausmerzen." Zuerst wurde die Kolonie ins Visier genommen. Der "Völkische Beobachter" darüber: "Heute vormittag wurde durch eine Bereitschaft Schutzpolizei ... der große Block am Südwestkorso in Wilmersdorf, der den schönen Namen "Künstlerkolonie" führt, abgeriegelt und durchsucht. Dieser Gebäudekomplex beherbergte seit seinem Bestehen eine Auslese übelster Intellektueller..."

Auch der lang aufgestaute Haß gegen den Journalisten Zadek war am Ziel. In dem von ihm 1981 herausgegebenen Emigranten-Selbstzeugnissen beschreibt er, was ihm geschah: "Am 15. März werden die Wohnblocks der "Künstlerkolonie" von Polizei und SA-Leuten umstellt. Ich werde durch sieben schwerbewaffnete Jungen des 'Kommando zur besonderen Verwendung' mißhandelt und mit blutendem Gesicht die Treppe hinuntergestoßen." Auf dem Polizeifahrzeug, das ihn wegbringt, glaubt er sich in einer "Literatenversammlung". Die Nazipresse triumphierte. Am 31. März erschien im "Illustrierten Beobachter" ein von Häme triefender Bildbericht. In vermutlich unabsichtlicher Ironie enthüllt er die Wahrheit: "Es ist doch ein offenes Geheimnis, daß die linksgerichtete jüdische Intelligenz die einzige Karte war, die Deutschland im internationalen Kampf der Geister überhaupt noch abzugeben hatte, daß die deutsche Literatur jetzt brachliegen wird!"

Mit Hitlers Regierungsantritt war zur Hatz auf Kommunisten geblasen worden. Der Reichstagsbrand löste eine weitere Verhaftungswelle aus, die akute Lebensgefahr bedeutete. Wer sich retten wollte, mußte über die Grenze. Die Mutter des zwölfjährigen Wolfgang Leonhard eine gesinnungstreue Marxistin, floh mit dem Kind aus der Bonner Straße. Von Schweden kamen sie in die Sowjetunion.1945 ging der Sohn in den Osten des geteilten Deutschlands mit der Absicht, das Seine zum Aufbau eines idealkommunistischen Gemeinwesens zu leisten. Bis 1949 hielt die Illusion, dann wandte er sich entäuscht westwärts. Im Sommer 1980 - inzwischen waren fast fünfzig Jahre vergangen - sah Leonhard den Laubenheimer Platz wieder.

Alfred Kantorowicz, einst ein Organisator des antifachistischen Widerstandes in der Tintenburg, hatte einschließlich der Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg ein Emigrantenschicksal wie viele deutsche Kommunisten. Schwerer als andere traf ihn, daß er, in die Fremde vertrieben, mit dem Holocaust fast alle seine Angehörigen verlor. Der nach Deutschland Heimgekehrte erhielt 1949 eine Professur für Neuere Deutsche Literatur in Ost-Berlin. Auch ihm erging es wie Wolfgang Leonhard: Die DDR konnte ihm nicht zum Gelobten Land werden. In seiner Abrechnung "Deutsche Schicksale - Intellektuelle unter Hitler und Stalin" erinnert er sich auch der Zeiten in der Künstlerkolonie. Andere der herausragenden Gestalten marxistischer Intellektualität am Breitenbachplatz wie der von den Nazis ausgebürgerte Johannes R. Becher oder der Rhetor des Kassenkampfes Erich Weinert vermochten sich nach Emigration und Rückkehr mit Stalinismus und DDR zu arrangieren.

Versuche, den Umsturz ins Werk zu setzen

Zur Alltäglichkeit des NS-Regimes gehörte, daß der Kunstbetrieb weiterging. Der Staat schätzte im Herrschaftsinstrumentarium den Wert der darstellenden Künste. So zeigte er sich den Leuten von Theater und Film gewogen, auch jenen am Laubenheimer Platz. Eine freie künstlerische Arbeit aber gab es nicht mehr. Es kommandierte die Reichskulturkammer. Viele mußten nun etwas machen, was den begonnenen künstlerischen Weg nicht fortsetzte. Dafür aber blieb ihnen erspart, sich verleugnen zu müssen. Ein solcher Fall war Piel Jutzi (eigentlich "Phil" Jutzi, später nannte er sich Piel Jutzi - Anm.d.R. der KüKo) der Regisseur der ersten Filmversion von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", 1931 gedreht mit Heinrich George als Franz Biberkopf. Den Autor und sein Werk hatte das Verdikt "entartet" getroffen. So war auch der Weg des Regisseurs am Ende, noch bevor er sich entfalten konnte. Weil Jutzi keine linientreuen Filme drehen wollte, produzierte er für Werbewirtschaft und Industrie, um mit Frau und Tochter existieren zu können.

Hatten der Künstlerkolonie Theaterleute und Literaten gleichermaßen das Gesicht gegeben, war es nun um die Schriftsteller still geworden. Dafür sah man jetzt die Größen von Theater und Film in der Künstlerkolonie: vom Staatstheater Albert Florath, der gütige Väter und liebenswürdige Käuze spielte, und den soignierten Hans Leibelt. Neben Claus Clausen, dem Heldendarsteller des Schiller Theaters, wohnte Lizzy Waldmüller, der gefeierte Revuestar von "Metropol" und Admiralspalast. Die Prominenten und weniger Prominenten suchten ihre künstlerischen Aufgaben zu erfüllen und dabei Abstand zu halten. Das ging nicht immer. Am Barnayweg (heute Steinrückweg - im Haus Nr. 5 - Anm.d.R. der KüKo) wohnte Klaus Detlev Sierck. Dieser Siebzehnjährige war von der Schauspielerei besessen, wollte filmen und nahm die Rollen, die sie ihm gaben. Er war ein guterzogener blonder Junge, zartbesaitet und entsprach eigentlich nicht dem nazistischen Ideal. Vielleicht kam er deshalb beim Publikum gut an. Zum Film hatte ihn sein Vater gebracht, Detlef Sierck, der aus Dänemark stammende Filmregisseur. Die Zarah-Leander-Filme "La Habanera" und "Zu neuen Ufern" waren von ihm.1942 ging er nach Hollywood und erwarb dort als Douglas Sirk internationalen Ruf. Der daheim gebliebene junge Sierck sollte von der Leinwand herab der Jugend Vorbilder vermitteln. So in "Kopf hoch, Johannes!", wo ein jugendlicher Skeptiker in der "Nationalpolitischen Erziehungsanstalt" zum begeisterten Nazi bekehrt wird. In "Kadetten", einem Film vom Opfergang junger friderizianischer Soldaten, spielte er die Rolle, die ihn bald einholte. Er fiel 1944 in der Normandie.

Die Leute in der Künstlerkolonie ließen sich nicht gleichschalten. Es gab eine schweigende Front innerer Ablehnung. Wer einmal linkes Avantgarde-Theater gemacht hatte wie Werner Pledath, Laubenheimer Straße 15, konnte jetzt wohl den König Friedrich Wilhelm IV. im Film "Zirkus Renz" mimen. Man durfte aber nicht erwarten, daß er beim Betreten des Filmateliers mit "Heil Hitler" grüßte. Es blieb nicht bei stummer Verweigerung. In der Tintenburg planten sie den Umsturz, warben für ihn und versuchten ihn ins Werk zu setzen. Der Schauspieler Albert Arid, ein Mann des Selbstschutzes und der "Geleitzüge" vom Breitenbachplatz, nun von der Gestapo überwacht und immer wieder inhaftiert, gehörte zu den Tatbereiten.

Eine brisante Wendung nahm die Konspiratìon, als im Herbst 1940 im Haus Laubenheimer Platz 5 der ehemalige Freikorpsführer Beppo Römer und der Schriftsteller Willy Sachse die Widerstandsgruppe RAS (Revolutionäre Arbeiter und Soldaten) gründeten. Ihr gehörte auch der Schriftsteller Alexander Graf Stenbock-Fermor an, der in der Künstlerkolonie die Nazi-Razzia vom 15. März 1933 überlebt hatte. Man traf sich, in Wohnungen um den Laubenheimer Platz, verfaßte Flugschriften und sorgte für deren Verbreitung. Römer wurde verraten, und die Gruppe flog auf. Er und WilÍy Sachse starben unter dem Fallbeil.

Ein Mann der ersten Stunde des Widerstandes war Anton Saefkow. Von 1933 bis 1939 in Zuchthäusern und Konzentrationslagern eingesperrt, baute er nach seiner Freilassung auch in Berlin eine neue Organisation auf. Ihr gehörten der Schauspieler Hans Meyer-Hanno und seine Frau Irene an. Sie etablierten in ihrer Wohnung, Laubenheimer Platz 2, einen illegalen Informationsdienst und verbreiteten die Aufrufe der Saefkow-Gruppe. Meyer-Hannos Aktivitäten wurden entdeckt, er selbst wurde zu Zuchthaus verurteilt. Noch ehe am 27. April 1945 die Rote Armee die Künstlerkolonie erreichte, ist er gestorben.
(Nach Schilderung seiner Frau Irene wurde er ermordet, im Zuchthaus - es war eher ein Lager - von hinten erschossen: er soll gefragt worden sein, warum er nicht zum "Volksturm" ginge, dann wäre er vermutlich freigelassen worden. Daraufhin habe er gesagt: "Ich nehme kein Gewehr zur Hand" und drehte sich um und ging einige Schritte. Daraufhin erschoß einer der Wärter Hans Meyer-Hanno von hinten. Diese Aussage wurde eidestattlich gemacht und gehört zu den Unterlagen der Familie Meyer-Hanno, Irene hatte nämlich Witwenrente beantragt, der Bezirk Wilmersdorf hatte dies aber abgelehnt. - Kopien im Archiv der KünstlerKolonie Berlin e.V. - Anm.d.R. der KüKo)

Im Kalten Krieg und zu Zeiten der Luftbrücke waren die alltäglichen Sorgen größer als die Erinnerung an die kurze Zeit der linken Künstlerkolonie. Dann machte der Bauboom auch vor dem stillen Breitenbachplatz nicht halt. Er teilte ihn in zwei durch eine Antobahnbrücke geteilte Hälften. Noch immer aber ist die Künstlerkolonie eine grüne Oase - und nach wie vor werden die Wohnungen von der Bühnengenossenschaft vergeben. Am Barnayplatz findet sich ein bescheidener Gedenkstein: "Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie".

© Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)


Berichte über NS-Aktionen in der Künstlerkolonie 1932/33 und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie unter KüKo AKTUELL

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