»Die Künstlerkolonie«
oder
»Wie sieht ein Künstleralltag aus?«
von Waltraud Thiel aus KünstlerKolonieKurier Nr. 2 / 1989
In der »Roten Fahne« vom 1. November 1928 erschien ein mit "F.F." unterzeichneter Artikel, der sich mit der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz befaßt. Die Identität von "F.F." war der Redaktion lange Zeit unbekannt. Am 15.3.1993 hat mir der Journalist Hans Uslar (NEUE ZEIT) das Ergebnis seiner Recherchen im Archiv der SED betr. dem Pseudonym "F.F." in der Roten Fahne vom 1.11.1928 berichtet: Mit aller Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um einen Franz Fischer, der als "radikaler Sektierer" beschrieben wird. Er war in den Zwanzigerjahren Korrespondent der ROTEN FAHNE, hat Auschwitz überlebt, nach 1945 war er Kreissekretär der KPD (später SED) in Treptow und wurde Vorsitzender des Auschwitz-Ausschusses.
Holger Münzer (Red.) 1993
Die Auseinandersetzung wurde geführt in der »Roten Fahne«, 1.11.1928, 11. Jg. Nr. 258, 2. Beilage und in der »Weltbühne« vom 13.11.1928, 24. Jg.
Der Text auf dem Faksimile:
Da wird auf den Balkonen Petersilie und Schnittlauch gezüchtet wie bei Kleinbürgern; neben den ausgewaschenen fleischfarbenen Strümpfen der Künstlerinnen hängen sympatisierend die gesäuberten Männerunterhosen. Und es kann einem passieren, über seinem Haupte werden ein paar zerschlappte Filzpantoffeln aus dem Fenster heraus ausgeschlagen.
F.F. hatte keine allzu hohe Meinung von den Künstlern. Daß die meisten von ihnen sich als »Ausnahmemenschen« betrachten, warf er ihnen vor, daß sie sich »unbürgerlich« gäben, im Grunde aber für das schwärmten, »wofür alle Bürger schwärmen: für die ‘Ordnung’«.
Doch dann fand er sich selbst unter den Künstlern am Laubenheimer Platz wieder.
»Seit Jahren auf der Wohnungssuche, kam ich dazu, mich in dieser Wohnarena niederzulassen«, schreibt er, »gespannt und auf alles gefaßt. Aber alles erwies sich als unnötig. Es lebt sich ziemlich geruhsam inmitten dieser vielen Künstlerfamilien. Es gibt denselben harmlosen Ärger, den man im Hofe einer jeden Mietskaserne kennt: Kindergeschrei und Teppichklopferei.« Auch sonst gehe es ganz »normal« zu in dieser Künstlerkolonie. »Da wird auf den Balkonen Petersilie und Schnittlauch gezüchtet wie bei Kleinbürgern; neben den ausgewaschenen fleischfarbenen Strümpfen der Künstlerinnen hängen sympatisierend die gesäuberten Männerunterhosen.« Aus Angst vor Spießern, auf die man treffe, wenn man in sogenannte ‘bessere’ Häuser ziehe, sei er nun »zwischen Künstler geraten, die sich als äußerst brave Spießer« entpuppten.
Der Artikel blieb nicht unwidersprochen. Kaum zwei Wochen später antwortete Ernst Toller in der "Weltbühne" vom 13.11.1928: »Ungehörig im Ton und unwürdig eines Arbeitsblattes« sei es, was F.F. da in der "Roten Fahne" geschrieben habe. »Wenn er sich über die Ordnung, die in Künstlerwohnungen herrscht, lustig macht, und diese Ordnung für etwas Bürgerliches hält, so kann man nur sagen, daß er die Auffassung eines Spießers hat, der Künstler gleich wildem Bohemien setzt und nicht weiß, daß gerade der ernsthafte Künstler in Dingen des Alltags auf peinliche Ordnung sehen muß, weil er sonst gar nicht imstande wäre, konzentriert und anhaltend zu arbeiten. Er benutzt das dialektische Dilletantenstück, den Begriff Ordnung, der, auf den kapitalistischen Staat angewandt, zum Hohngelächter herausfordert, gleichzusetzen der Ordnung, die ein Mensch etwa beim Anziehen von Kleidungsstücken oder beim Aufräumen seiner Wohnung beachtet.«
Mit einer gerade gegenüber den Bewohnern des Künstlerblocks unnötigen Belehrung und Maßregelung endet F.F.’s Artikel: »Den Künstler aber lehrt ihr Zusammenwohnen hoffentlich eins: daß sie auch Ausgebeutete sind und der letzte Maurer, der mit an der Künstlerkolonie baute, ebensoviel wert ist, als der erste Künstler, der sie bewohnt.«
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