Nach Hitlers "Machtergreifung" wurde das Leben für die Bewohner der Künstlerkolonie von Tag zu Tag gefährlicher. Schon im Februar 1933 kam es zu überfallartigen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durch die SA, die sich als "Hilfspolizei" oder "Schutzpolizei" ausgab. Knapp drei Wochen nach dem Reichstagsbrand (27.2.1933) kam es dann am 15.3.1933 zu einer großangelegten Verhaftungsaktion. Im "Neuköllner Tageblatt" vom 16.3.1933 heißt es dazu:
![]() Die SA stieg mit Feuerwehrleitern in die Wohnungen |
"Ich konnte in der Wohnung von Heini Kurella unterschlüpfen, der nach der Schweiz ausgewichen war. Er hatte in der Künstlerkolonie möbliert gewohnt, in Wilmersdorf, Ludwig-Barnay-Weg (heutiger Steinrückweg - Anm.d.R.). Die Wohnungsbesitzerin, eine schöne, große, blonde Schauspielerin, nahm mich sofort auf. Sie sagte, man müsse mit Verhaftungen und Haussuchungen rechnen.
Schon bald - in der Morgendämmerung - wurde die ganze Künstlerkolonie von Hilfspolizei umstellt. Es waren SA-Männer, die blaue Polizeimäntel mit weißen Armbinden über ihren braunen Hemden und Stiefelhosen trugen. Als ich das Fenster öffnete, zielte einer auf mich. Ich schloß das Fenster, weckte die Schauspielerin, kleidete mich schnell an.
Gleich darauf klingelte es Sturm. Fünf SA-Männer mit Gewehren drängten in den Flur. Meine Wirtin, die einen Morgenmantel umgeworfen hatte, Urtyp einer Germanin, empfing sie hoheitsvoll, ein wenig von oben herab. Der Anführer, leicht verwirrt, fragte nach Heinrich Kurella. Sie erwiderte, der sei verreist. Auf mich deutend: das sei ein entfernter Verwandter von ihr, auf Besuch.
Der Anführer studierte meinen Paß. Ich hielt den Atem an. Er verglich ihn mit seiner Verhaftungsliste. Aber mein Name stand nicht auf seiner Liste. Der SA-Mann schlug nun die Hacken zusammen, hob den Arm zum Gruß, schnarrte, er habe nur einen Befehl auszuführen, müsse Haussuchung machen, es gelte, ein Kommunistennest auszuheben. Wir müßten schon entschuldigen.
Wir blieben stumme Zeugen der Haussuchung. Das Unterste wurde nach oben gekehrt. Die schöne Bibliothek von Heini Kurella mußte dran glauben. SA-Leute trugen die marxistischen Werke im Waschkorb hinaus.
Zu meinen Büchern, die auf dem Schreibtisch lagen, gehörten: das "Schwalbenbuch" von Toller, das er mir einmal geschenkt hatte, und die "Südamerikanischen Meditationen" von Keyserling, von Frank Thieß geliehen. Ein SA-Mann blätterte neugierig in den Büchern, fragte, ob das "marxistische Schriften" seien. Ich sagte schneidend: "Aber erlauben Sie mal, vom Grafen Keyserling!" Der SA-Mann nahm fast Haltung an. Das "Schwalbenbuch" bezeichnete ich als eine naturwissenschaftliche Abhandlung. Die Bücher blieben liegen.
Die SA zog aus der Wohnung ab. Ich folgte. Auf dem Laubenheimer Platz, mitten in der Künstlerkolonie, brannte ein großes Feuer, in das die SA-Männer einige der wertvollen, gestohlenen Bücher warfen. Ein Mob umtanzte grölend das Feuer. Auf den Straßen am Platz warteten Lastwagen, die mit ganzen Bibliotheken und Möbeln beladen waren. Auf einem der Wagen standen die Verhafteten zusammengepfercht: jüdische und "arische" Intellektuelle, Kommunisten, Sozialdemokraten, Parteilose. SA-Leute richteten ihre Karabiner auf sie. Als der Wagen anfuhr, mußten die Gefangenen mit erhobenen Händen das Horst-Wessel-Lied singen."
(Stenbock-Fermor 1973, S. 312 ff.)
Der infam verleumderische, antisemitische Bericht im "Völkischen Beobachter" vom 15.3.1933 (morgens war die Razzia, bereits um 18°° erschien der Bericht, dieser war also bereits wohlvorbereitet) nutzt geschickt verbreitete Vorurteile gegen Künstler und Intellektuelle aus:
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Die Berliner "Künstlerkolonie" endlich ausgehoben So sehen die Arbeiter-"Führer" aus Berlin, den 15. März |
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Heute vormittag wurde durch eine Bereitschaft Schutzpolizei unter Führung von Oberleutnant Olze der große Block am Südwestkorso in Wilmersdorf, der den schönen Namen "Künstlerkolonie" führt, abgeriegelt und durchsucht. Dieser Gebäudekomplex beherbergte seit seinem Bestehen eine Auslese übelster Intellektueller und Kommune-Blutredner, die dort in luxuriösen Wohnungen, im Schutze eisenbeschlagener Türen, ihre Haßgesänge gegen das erwachende Deutschland verfaßten. Die Durchsuchung ergab eine Fülle von verbotenen Schriften. Anderthalb Lastkraftwagen konnten gefüllt werden. Dazu fand man mehrere Waschkörbe voll Schußwaffen mit der nötigen Munition; die Durchsuchung dauerte fünf Stunden und wurde bis ins kleinste ausgeführt. Man fand auch im stillen Kämmerlein versteckt einige ganz "prominente Führer" der Kommune vor. Der "edle" Dichter Peter Martin Lampel wurde geschnappt und der berüchtigte Redakteur Zadek wurde in seinem Wirkungskreis aufgestöbert.
Er arbeitete seit Jahren unter dem Decknamen "Zentralredaktion für deutsche Zeitungen" und überschwemmte mit seinen Kunstprodukten, die ihm teilweise Genossen aus den Nebenhäusern besorgten, die bürgerlichen Blätter der Provinz, die diese Artikel oftmals abdruckten, ohne nur im geringsten zu ahnen, daß der Jude Zadek (auf hebräisch: der Gerechte!) |
in jedem Wahlkampfe zwei große Sowjetfahnen aus den Fensters seines Büros hing. Allein die Sichtung des Materials aus dieser jüdischen Redaktion wird zahlreiche Beamte der Politischen Polizei für Tage beschäftigen.
Entkommen konnte leider der berüchtigte "Schriftsteller" und im Nebenberuf als Feld- Wald- und Wiesenredner tätige Jude Weinert, ferner die Genossen Altmann und Buchmann. Jedoch ist die Polizei mit ihrem Fang außerordentlich zufrieden. Es hat sich so mancher Wachtmeister über diese "Führer" der Kommune gewundert, die in ihren Schandblättern von Hunger, Hinterhäusern und sozialem Elend schrieben, während sie in Neubauten am Südwestkorso in pompösen Wohnungen praßten und schlemmten. Die vielen Kognak- und Sektflaschen, die in den Speisekammern zu sehen sind, legen Zeugnis dafür ab. So saßen diese roten Bluthunde in Sicherheit und Wohlleben und putschten ihre armen verhetzten Opfer in den Kolonien am Felseneck und in den verfallenen Wohnvierteln des Ostens und Nordens auf. Nun ist ein Ende gemacht worden mit ihnen - die schönen Tage sind vorbei. Beim Abmarsch der Bereitschaft sangen die Polizeibeamten mit erhobener Rechten das Horst-Wessel-Lied. |
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Daß es sich bei der "Schutzpolizei" in Wirklichkeit um SA-Trupps handelte, wurde schon erwähnt. Daß die Wohnungen der Künstlerkolonie keineswegs "luxuriös" sind, davon kann man sich heute noch überzeugen. Daß die "eisenbeschlagenen Türen" keinen Schutz boten, das belegt der Artikel selbst und ist auf dem Bild rechts zu sehen, wo die SA mit Feuerwehrleitern über die Fenster in die Wohnungen einsteigt, daneben die verängstigten Bürger zu sehen. Vor allem die Ausfälle gegen den Nachrichtenredakteur Walter Zadek sind nur noch barbarisch zu nennen. In seinem Interview äußerte Zadek, daß die Razzia hauptsächlich wegen ihm veranstaltet wurde. Dieses erscheint gemäß diesem Artikel im "Völkischen Beobachter" auch durchaus zutreffend. |
![]() Foto: "Völkischer Beobachter" am 15.3.1933 |
Zusammenfassend läßt sich demnach sagen, daß die Personen auf dem Foto folgende sind (v.l.n.r.): Walter Zadek, Theodor Balk, Günter Ruschin, Curt Trepte, ein "namentlich nicht bekannter Ausländer".
Später kam (nicht auf dem Foto) wohl noch Manès Sperber mit anderen auf den Lastwagen auf die vordere Bank. Von Manès Sperber, den er kannte, berichtet wiederum Zadek in seinem "Kein Utopia" und im Interview am 9.11.1991.
(Holger Münzer 1994)