am 15. März 1988 am Mahnmal auf dem Ludwig-Barnay-Platz Einweihung des Mahnmals in der Künstlerkolonie, Gedenkrede von Alexander Longolius, Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Berlin - aus KünstlerKolonieKurier" Nr. 1 (1988) Fotos: Marianne Peitz, Marlis Pöppel, Katharine Blomberg-Moore Text auf der Bronzetafel: ![]() |
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Im weiteren ging Präsident Alexander Longolius in einer langen Passage der Frage nach der Aktualität faschistischen Gedankenguts und dessen Überwindung nach.
Longolius:
"Der Angriff vom 15. März 1933 auf die Künstlerkolonie war nicht nur ein Angriff auf Kunst und Künstler, die Siegesmeldungen nicht nur die Erleichterung über die Beseitigung des "Roten Loches". Der 15. März war auch allgemein ein Gewaltschlag gegen den hier praktizierten Widerstand. Widerstand von etwa 1.000 Bürgerinnen und Bürgem. Sie waren ziemlich allein - und haben dennoch so viel Wirkung und soviel Angst erzeugt. Was hätten 10.000 bewirkt? 100.000? (...)
Wir denken heute auch über die Leichtigkeit nach, mit der sich der Naziterror ausbreiten konnte, und wir fragen uns, wie immun wir heute gegen Wiederholungen sind. Lange habe ich ein Fragezeichen hinter die Überlegungen gesetzt, ob wir die deutsche Vergangenheit ernst genug durchdacht haben. Heute bin ich sicher, daß es das falsche Satzzeichen ist. Das Klima einer sozialen Akzeptanz von rechtsradikalem Denken war in Teilen unserer Gesellschaft immer da, und dies waren leider auch einflußreiche und mächtige Teile. Wie sollte es auch anders sein, wenn doch für manche unserer Landsleute der Übergang von der Nazizeit zur Republik so überaus nahtlos war.
Wir enthüllen heute eine Mahntafel. An vielen Orten wird jetzt nach der Vergangenheit gesucht, der Vergangenheit von Personen, Orten und ihrer Verstrickung in die faschistische Unterdrückung von Menschen und Ideen.Die Unlust an diesen Aktivitäten ist dabei stärker verbreitet als das Engagement der häufig jugenSpurensucher.
Die Aufarbeitung der braunen Jahre ist 1988 nicht nur Aufgabe für Hostoriker, sie ist immer noch ein Auftrag an unseren politischen Alltag, denn sie ist bisher nicht gelungen.
Das heißt zunächst, Kenntnisse zu ermöglichen. Wenn Abiturienten nicht sagen können, wann der 2. Weltkrieg war, werden sie wohl auch das Jahr 1933 nicht richtig einordnen können. Wenn Lehrer keine Zeit haben, ausführlich über den Nationalsozialismus zu reden, Ausstellungen zu besuchen oder auf aktuelle neonazistische Vorfälle an ihrer Schule einzugehen, wird man die Schüler verstehen müssen, die allzu spielerisch mit den traurigen Fakten dieser Zeit umgehen.
Das heißt weiter, die Ursachen für einen neuen Nazismus zu verhindern. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen ist mehr als ein Problem des Arbeitsmarktes. Die Verweigerung einer Lebensperspektive, diese Absage unserer Gesellschaft an junge Bürger ist auch die Einldaung an sie, politischen Verführern nachzulaufen.
Und das heißt drittens, daß die Hoffähigkeit von antidemokratischen und rechtsextremen Gedanken und Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft endlich verschwinden muß. Der Skandal des Majdanek-Prozesses, die Einstellung der Verfahren gegen die beamteten Mörder am Volksgerichtshof, Pensionszahlungen an aktive Förderer der Nazidiktatur - das sind Zeichen für ein Klima, in dem Nazis leben konnten. Warum dann nicht auch Neonazis? (... )
Vieles aber können wir tun: Wissen vermitteln, Betroffenheit dauerhaft erzeugen, Demokratie vorleben, Toleranz einüben und die Freiräume schaffen, die Menschen zur Verwirklichung ihrer Würde brauchen, auf die sie einen Anspruch haben. Für Kunst und Künstler gilt dies in besonderem Maße. Freiraum. Beide Wortteile begründen die Möglichkeit für Kunst zu wirken, überhaupt tätig zu sein. Der Vorbildcharakter der Künstlerkolonie ist auch heute ungebrochen. (... )
Vieles wäre in der Geschichte unseres Volkes anders verlaufen, wenn das Beispiel der Künstlerkolonie Nachahmer gefunden hätte. Vieles wäre anders gekommen, wenn die politische Aufmerksamkeit ihrer Bewohner mehr Echo bei Zuhörern, Zuschauem und Lesem gehabt hätte. Und vieles wäre anders geworden selbst nach der Befreiung 1945, wenn die Generation vor uns, 1948 hier diese Tafel enthüllt hätte. ( ... )
Unsere Lektion heißt, Versäumtes nachzuholen, in Freiräumen, in Nischen unserer Gesellschaft nicht gleich Subversives zu sehen, die natrnotwendige Rebellion der Kunst anzuerkennen und zu wünschen und so der dummen Engstimigkeit jeglicher Intoleranz entgegenzutreten."