Hedda Zinner
geb 20.5.1905 in Lemberg, gestorben am 4.7.1994 in Berlin
Schriftstellerin, Lyrik, Romane, Filme, Hörspiele, Übersetzungen aus dem Russischen; Journalistin, Rundfunkleiterin, Nationalpreis der DDR 1954, Goethepreis 1958, Lessingpreis 1961, Lion-Feuchtwanger-Preis der Akademie der Künste (DDR) 1974. 1933 Flucht in die UDSSR (Stadt Ufa in der Baschkirischen ASSR, dort Geburt ihres Sohnes John Erpenbeck). Nach 1945 Rückkehr nach Berlin-Ost (Niederschönhausen), Spielleiterin im Hause des Rundfunks seit 1946; zum 40. Jahrestag der DDR (Okt 1989) Staatspreis der DDR. Werke: Unter den Dächern 1936; Das ist geschehen (1939); Alte Dichtung und Folklore fern und nah (1947); Caféhaus Payer (auch tschech, ungar.); Der Mann mit dem Vogel (Komödie, 1952); Der Teufelskreis (1953, auch frz., tschech., bulg. japan., chines.); Freie Völker, freie Lieder (Lyrik 1952); Alltag eines nicht alltäglichen Landes (Roman, 1952, 1953); Nur eine Frau (Roman, 1954); Was wäre wenn (Komödie 1961); Ahnen und Erben, Regina (1968); Elisabeth Trowe (Filmerz. 1969); Die Schwestern (Roman, 1970); Fini (handelt in der Künstlerkolonie, siehe Vitrine, Roman 1973); Stücke (Sammlung, 1973); fast alle Romane und Erzählungen verfilmt oder als Fernsehspiel. |
![]() Hedda Zinner mit ihrem Mann Fritz Erpenbeck (beide ehem. Bewohner der Künstlerkolonie Berlin) im Arbeitszimmer in Berlin-Niederschönhausen 1963 (Foto mit frdl. Genehmigung des Buchverlags "Der Morgen") im Archiv der KünstlerKolonie |
![]() Foto: Bernd Heinz, mit frdl. Genehmigung durch Buchverlag "Der Morgen" im Archiv der KünstlerKolonie |
Das "Neue Deutschland" hat in seiner Würdigung für Hedda Zinner einen Grundsatz ihres Freundes Johannes R. Becher zitiert: "Der Schrittsteller muß alle Möglichkeiten und Medien seiner Kunst erproben und erobern. Das etwa hat Hedda Zinner getan. Und was die Kunst dabei war: Sie ist, unternehmungslustig von Branche zu Branche, beschwingt von Ast zu Ast, immer hübsch auf dem Teppich geblieben." (s.w.)
Hedda Zinner war schon 1945 nach Berlin zurückgekommen und kam, als es soweit war, dem sozialistischen deutschen Staat gerade recht. Auch wenn sie auf etlichen Hochzeiten tanzte, ebenso zeitgenössische wie historische Romane schrieb, dazu im Stil von Friedrich Wolf Dramen mit und ohne DDR-Thematik und gelegentlich ein Opernlibretto oder eine politische Revue, war doch stets auf sie Verlaß. Ihr bevorzugter Stoff ist die Frauenemanzipation. Von der Suffragette Louise Otto-Peters handelt ihr biographischer Roman "Nur eine Frau", und von ihrer eigenen Befreiung aus den Fesseln der Wiener Beamtenfamilie und vom Komment des kaiserlich-österreichischen Milieus handelt die Roman-Trilogie "Ahnen und Erben". ( ...)
![]() Hedda Zinner am 06.10.1989 Foto: Elisabeth Kiele (im Archiv der KünstlerKolonie) |
"... Die Selbstschutzorganisation des Künstlerblocks sammelte sich bei Dunkelwerden in Wohnungen ihrer Mitglieder. In immer anderen. So lernte Fini auch parteilose und sozialdemokratische Mieter des Blocks etwas näher kennen. Einer von ihnen war der parteilose Hans Kahlen (in der Charakterisierung etwas ähnlich dem realen Fritz Erpenbeck, ihrem späteren Ehemann, Anm. d. R.). Er war Dramaturg. Bei Flugblattaktionen oder wenn Transparente geklebt und Losungen gemalt wurden, war Kahlen häufig Finis Partner. Als Liebespärchen getarnt, hatten sie beim geringsten Verdacht zu warnen: einen Schlüsselbund klirrend fallen zu lassen und sich dann, immer lauter werdend, zu zanken. Wenn die Polizei jemand beim Malen oder Kleben faßte, gab es vor dem Schnellrichter harte Strafen; beim Zusammenstoß mit den Schlägertrupps der Nazis fast immer Verletzte, wenn nicht Tote."
Sobald sich Nazitrupps näherten verschwanden die Bewohner, die die Straßen bemalten und antifaschistische Plakate klebten, in das nächstbeste Haus. Dort gingen sie durch den Hinterausgang in den großen Innenhof und kamen so ungesehen in ihre eigenen Häuser.
Über sich selbst schreibt sie: " ... Schauen Sie sich die Adjektive an: »hochgeehrte, brauchbare Schrittstellerin«, »alte Schule«, »kämpferischer Schnellverbrauch«, »makellose Genossin« usw. Genießen Sie solche Wendungen: »Kaum war sie mündig, hatte sie ihre bürgerliche Herkunft mit allem Drum und Dran abgestreift«, »war schon 1945 nach Berlin zurückgekommen und kam dem sozialistischen deutschen Staat gerade recht«; »und was die Kunst dabei war: sie ist ... immer hübsch auf dem Teppich geblieben«.
Ich kann und will alledem nicht etwa widersprechen. Im Gegenteil: Was da an Informationen gegeben wird, stimmt! Ich kann »s.w.« (dem Schreiber des besagten Artikels, Anm.d.R.) nicht einmal seine allgemeinen Frankfurter Wertungen übelnehmen, obgleich sie natürlich alle Informationen umwerten und damit entwerten.
Ja, ich bin auf dem roten Teppich geblieben, bis heute. Ich bin, und gestehe die Schande gern, nicht einmal gestolpert, obgleich sich mir die Berichterstattung der westdeutschen Zeitungen sicher mit ganz anderer und wohlwollender Aufmerksamkeit zugewandt hätte: auf dem roten Teppich stolpern, so etwas bleibt doch selten unerwähnt. Ich will meinen sicheren Gang nicht einmal als beispielhaft hinstellen. Auch geschickt zu stolpern ist eine Kunst. Eine Kunst freilich, die ich leider gar nicht beherrsche. Allerdings: Vom Teppich aus sieht man die Welt anders, als wenn man am Rande steht. Aber vielleicht ist auch das eine Weltsicht, die sich zu schildern lohnt.
Ich habe nicht die Absicht, Geschichte in ihrer Komplexität zu vermitteln, obwohl, was ich schreibe, auch Geschichte sein wird. Ich will die Abfolge der Geschehnisse auch nicht chronologisch wiedergeben, das haben genügend andere getan. Worauf es mir ankommt: einen Hauch der Atmosphäre einzufangen, wie ich sie ganz persönlich erlebte und empfand."
KünstlerKolonieKurier Nr. 4, 1995)
![]() John Erpenbeck (li) mit Holger Münzer (re) am 06.10.1989 Foto: Elisabeth Kiele (im Archiv der KünstlerKolonie) |