Interview mit
Am 9. November 1991 gab Walter Zadek während eines Besuches in Berlin Holger Münzer ein Interview zur Situation in der Künstlerkolonie in den Jahren 1932/33 und zur Großrazzia am 15. März 1933.
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Foto: Elisabeth Kiele, 9.11.1991 im Archiv der KünstlerKolonie |
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Münzer: Ich möchte von Ihnen etwas über die Künstlerkolonie wissen.
Zadek: Ich kann Ihnen erzählen, wie ich reingekommen bin, also in die Künstlerkolonie überhaupt. Ich war ja Redakteur im "Tageblatt" gewesen, im "Berliner Tageblatt", und war einer der hochbezahlten Redakteure in Deutschland. Und das lag nicht etwa daran, weil die Leute mich hoch bezahlen wollten, sondern weil sie reingefallen waren mit mir. Ich war ein unbekannter 25jähriger Mensch, als ich als Arbeitsloser ... - ich hatte vorher bei Ullstein beim "Uhu" so eine Art Volontärstelle gehabt, und trotzdem ich hinten als verantwortlicher Redakteur stehe, hatte ich nichts damit zu tun, und mein Chef in der ersten Zeit, einen Monat, war Kurt Tucholsky, und das wechselte sehr bald. Und mich schmiß man erst spät raus, und ich lag auf der Straße. Ich saß bei mir zu Hause und machte schöne Entwürfe und bewarb mich bei Dr. Karbe, dem Generalbevollmächtigten des Hauses Mosse. Und die hatten gerade einen guten Redakteur rausschmeißen müssen, von einem Augenblick zum anderen. Ich erinnere mich nicht mehr an den Namen, einen etwas älteren Menschen schon, weil der von einer Filmgesellschaft, für einen Artikel über diese Gesellschaft, nachträglich Geld angenommen hatte. Und ein Blatt, das so honorig wie das "Berliner Tageblatt" war, das demokratische Blatt, durfte das nicht durchgehen lassen. Sie schmissen den Mann raus und hatten keinen Redakteur mehr. Nun war ich schon vorher, (durch seine Bewerbung und die Einladung zu einem Gespräch, bei dem er seine Zeitungsentwürfe vorstellte - Anm.d.Red.) den Leuten da bekannt, dem Generalbevollmächtigten, zu dem dann nachher auch Theodor Wolff zur Prüfung meines Vorschlags gekommen war. Ich war mit meinem Vorschlag abgeblitzt und bekam einige Zeit später plötzlich einen blauen Brief, in mein Kinderzimmer, in dem ich infolge meines nicht mehr Verdienens wieder bei meinen Eltern wohnte. Und da stand drin: ‘Wir stellen Ihnen anheim, uns in einer Angelegenheit aufzusuchen, die für Sie von Interesse sein dürfte.’ Nun war mir das sehr unangenehm, weil ich immer ein schlechtes Gewissen hatte. Ich produzierte sehr viel, so an der Grenze des Erlaubten, was man eigentlich anstandshalber nicht tut, und ich lökte sehr oft gegen den Stachel mit dem was ich geschrieben habe. Und ich ging also mit bangem Herzen dahin zu Mosse, und das Gegenteil war der Fall. Denn da erfuhr ich von dem Hinauswurf dieses Mannes, und die Leute wollten mit dem jungen Mann mit den vielen Ideen einen Versuch machen. ‘Aber, Herr Zadek, was Sie können wissen wir ja noch nicht. Wir können Sie nicht anstellen. Wir können keinen festen Vertrag mit Ihnen machen. Wir können nur einen Werkvertrag, sozusagen mündlich, machen. Sie bekommen für jede Seite des ersten Beiblatts - das war das Ressort dieses Mannes -, die Sie zusammenstellen, 150 Mark. Und Sie können jede Woche eine Seite machen. Das sind 600 Mark." Davon zu leben war ja allerdings auch damals schon ein bißchen schwierig, aber ich war arbeitslos, und ich sagte zu. Und die Leute waren reingefallen. Und ich war auf die Glücksseite geklettert. 1925 begann meine Arbeit bei Mosse. Ich war bei Ullstein gekündigt worden - ‘Der Kerl hat ja doch keine Ideen!’ -, und bei Mosse wurde ich wegen meiner Ideen gehalten.
Münzer: Ich möchte mal zwei Jahre weiter springen, wenn ich darf. 1927 ist die Siedlung gebaut worden. Wie haben Sie von der Künstlerkolonie erfahren, wie haben Sie da Ihre Wohnung bekommen? Zadek: Ich muß es anders herum machen, d.h. ich wurde, als die Krise am höchsten war, auf eine hochanständige Art von Mosse gekündigt. 1929. Wäre ich bei Mosse noch angestellt gewesen, als hochbezahlter Mann, hätte ich niemals eine Wohnung in der Künstlerkolonie bekommen. Das war ja natürlich nicht für reiche Leute. Aber da ich gekündigt war, das war mein Glück in diesem Fall, sagte man, gut, also da Sie nichts haben, können Sie bei uns eine Dreizimmer-Wohnung - ich hatte zwei Söhne -, bekommen: Bonner Straße 3. Da sagte ich, außerdem - das entwickelte sich inzwischen beruflich -, ich will versuchen, eine Zeitungskorrespondenz aufzubauen. Alle Menschen rieten ab, denn diejenigen, die damals Zeitungskorrespondenzen machten, denen ging es hundsmiserabel. Ich würde wohl niemals durchkommen damit. Ich sagte aber, ich will versuchen, auch die Leute, die teilweise hier in der Künstlerkolonie wohnen und Literaten sind, heranzuziehen, die verdienen dann auch ein bißchen dabei. Also ließ man Gnade vor Recht ergehen und gab mir noch eine Anderthalb-Zimmer-Wohnung, in der Laubenheimer Straße 3, damit ich dort meinen Betrieb aufmache. - So bekam ich zwei Wohnungen gleichzeitig im Jahr 1929/30. Ich weiß jetzt gar nicht mehr, wann ich einzog. Neben mir wohnte Mary Tucholsky, die ich aber niemals gesprochen oder kennen gelernt habe, trotzdem sie neben mir wohnte. Und wer sonst dort noch wohnte, ist mir unbekannt. Münzer: Ich habe da ja lange Listen. Haben Sie eigentlich damals geahnt, was für großartige Leute da gewohnt haben? Zadek: Entschuldigen Sie, die waren damals nicht wichtig. Damals waren sie jung. Waren wir alle. Frau Zadek: Du wolltest sagen, daß Du unter verschiedenen Namen vorkommst, auf der Liste. Zadek: Wo haben Sie die denn her, diese Pseudonyme? Da ist ein Name drin, den ich furchtbar ungern habe: Johannes Wendelin. Münzer: Ich muß Ihnen was sagen. In meinem Hinterkopf klingt dieser Name nach Tucholsky. Zadek: Mir klingt er nach Jacob Wassermann. - Den hat mir Tucholsky für eine Geschichte gegeben, die ich für ihn schreiben sollte. Und ich habe ihm gesagt: ‘Tucho, Sie dürfen mich nicht nennen mit Namen. Da hat er Johannes Wendelin erfunden. Und ich habe den immer verschwiegen, denn er gefällt mir gar nicht. Münzer: Wie lief denn so der Alltag in der Künstlerkolonie? Hat man sich dort viel gesehen auf dem Platz? Oder gab es da gewisse Cliquen, die immer miteinander verkehrt haben?
Münzer: Ja.
Münzer: Doch, die war Redakteurin. Zadek: Wovon?
Münzer: Von der "Roten Fahne", vermute ich. Zadek: Sieh mal einer an. Münzer: Und die Hedda Zinner übrigens auch. Zadek: Die habe ich nicht da kennen gelernt. Der Sohn von Susanne Leonhard, ... Münzer: ...der Wolfgang. Zadek: ...der hieß damals Wolodja, und der war der beste Freund meines Sohnes, als Junge, als Kind. Aber davon hat er später dann nach Rußland keinen Gebrauch weiter gemacht. D.h. er hat ihn mal in New York besucht, das stimmt sogar. Münzer: Ich kann ihn ja mal grüßen von Ihnen. Zadek: Nee, so liebe ich ihn nicht, um zu grüßen. - Also, jetzt wollte ich Ihnen die Generalfrage beantworten. Wir haben mit den Menschen in der Künstlerkolonie eigentlich nicht verkehrt. Nicht etwa aus einer Absicht, sondern es hat sich einfach nicht ergeben. Wir wohnten bei uns und von den Leuten im Haus - wie gesagt, die Rosa Lichtenstein kannten wir eigentlich nur vom Trampeln, später habe ich mit ihr in Palästina nette Kontakte, aber auch lose nur, gehabt, die wurde dort auch eine weit untergeordnete Schauspielerin, aber man hatte sie gern. Also, ich hatte keine Beziehungen, außer Willi Wolfradt, an die ich mich erinnere. Und selbst der Hans Sochaczewer wohnte irgendwo in der Kreuznacher Straße, glaube ich, etwas weiter und nicht in der Künstlerkolonie. Ich wußte von Leuten die da waren. Da war ein Nazi z.B., der wohnte am Südwestkorso, ein Herr von Sowieso, der ein anständiger Kerl war. Es gab unter den damaligen Nazis, die ja Idealisten waren, teilweise sehr anständige Kerle. Selbst Otto Strasser z.B., war Redakteur bei der "Freiheit", dem Blatt der Unabhängigen Sozialdemokraten gewesen, und unter der Betonung des Sozialist in der nationalsozialistischen Partei. Münzer: Ich gehe nochmal zurück. Kantorowicz. Von dem wußten Sie, daß er da war. Zadek: Nein. Ich war in Dahlem bei Bekannten eingeladen, zu Gast, da waren Schauspielerinnen ein paar, die Sie da auf der Liste haben, und da war Kanto auch. Und er hat noch zu meiner damaligen Freundin gesagt: ‘Dein Freund ist so ulkig, kommt von den Intellektuellen und hat die Hände eines Bauern. Und das stimmt vollkommen, diese Kennzeichnung. Und daran habe ich ihn erinnert, als wir uns nach dem Krieg erst kennen lernten. Münzer: Der Theodor Balk wohnte bei der Steffie Spira, wie sie mir sagte. Zadek: Nein. Der wohnte bei mir. Münzer: Ach?! siehe Anm. Zadek: Theodor Balk hatte ein Zimmer bei mir bekommen und wurde mit mir verhaftet. Er war beleidigt darüber - er sagte mir das nachher, nachdem er verhört worden war, im Polizeipräsidium am Alex -, daß er nicht für sich verhaftet wurde, denn er war Kommunist, sondern weil er bei mir gewohnt hatte. Das hatte die Polizei als Belastung empfunden. Und er wurde sofort wieder entlassen. Ich bin der Ansicht, daß die Enquète der Nazis in der Künstlerkolonie zu einem großen Teil meinetwegen erfolgt war. Am "Tageblatt" hatte ich immerhin schon einen großen Einfluß, aber eben in einem bestimmten Blatt. Wir waren Anti-Nazi. Ich kann Ihnen Beispiele zeigen, die bei mir noch erschienen waren, von berühmten Leuten. Von Max Pechstein z.B. habe ich noch handschriftlich, wie er auf meine Veranlassung gegen die Nazis geschrieben hat und darunter mit der Hand: ‘Ist das richtig?’ Also man hatte etwas gegen mich von vornherein. Das war ‘ne anständige, natürliche Angelegenheit. Dann aber machte ich die Zeitungskorrespondenz und da hatte ich plötzlich, zwar nicht regelmäßige Abnehmer, aber ich hatte in 80 verschiedenen Blättern Abnehmer. Ich war also für die Leute mit meinen Beiträgen viel gefährlicher geworden.
Münzer: Das glaube ich auch. Aus zwei Gründen... Zadek: Ich habe auch einen Grund. Nämlich in dieser Zeit dann, im Anfang 33, wurden nachts manchmal durch die Türen geschossen, und es war unsicher, da zu wohnen. Und wir versuchten deshalb, bei verschiedenen Leuten unterzukommen. Ich ging zu einem Kollegen von mir, das war der Sohn von Walter von Molo, und der hatte ein Atelier und hätte uns unterbringen können. Münzer: Auch in der Künstlerkolonie? Zadek: Nein, nein, das war ganz wo anders. Ich wollte ja wo anders wohnen. Ich wollte raus aus der Künstlerkolonie, um mich zu schützen. Also, er lehnte ab, und es war ihm furchtbar peinlich, aber er lehnte ab, und da ging ich zu einem Journalistenehepaar, Kurt Zielisch und Li Zielisch, die wohnten auch ganz wo anders, und die sagten, ‘Gott, natürlich könnt Ihr jetzt bei uns wohnen’. Wir machten das und nach drei Tagen hatten wir so das Empfinden, die halten unsere Befürchtungen für maßlos übertrieben. Und wir gingen zurück. Und wie ich zurück ging, sah ich auf dem Laubenheimer Platz einzelne Leute sitzen, wenige, die waren vorher nie da gewesen. Menschen so im Alter zwischen dreißig vielleicht oder fünfunddreißig. Ich bemerkte diese Leute. Ich bezog das aber nicht in irgend einer Weise auf eine Aufgabe dieser Leute. Da saßen eben andere Leute, wie sonst, auf den Bänken. Und am nächsten Morgen war die Sache abgeriegelt. Also, ich glaube, daß die festgestellt haben, der Kerl ist zurück, jetzt können wir losgehen. Entschuldigen Sie, daß soll keine Überheblichkeit sein, daß ich meine Wichtigkeit dabei herausstelle, sondern lediglich, das war der Auslöser der Razzia, glaube ich. Münzer: ...Sie waren ja irgendwie ein Protagonist. Erstens als Redakteur und zweitens als Jude... Zadek: ...und drittens als roter Mann. Wir hatten z.B. immer bei Wahlen zwei rote Fahnen raushängen. Ich war nie in meinem Leben in einer politischen Partei gewesen, überhaupt nicht eingeschriebenes Mitglied irgendwo, weil ich zu sehr ein Einzelgänger bin. Aber die Fahnen hing ich aus Sympathie - zur Wahl eine Solidarität zeigen -, dort aus dem Fenster heraus. Und das wußten die natürlich genau. (...) Münzer: Noch mal ein kleines bißchen zurück. Da waren ja auch viele kleinere Aktionen der SA, wie Eggebrecht schreibt. Man kam und schlug mit Gewehren an die Türen. Hat da mal ‘ne Wohnung durchsucht und dort mal ... Zadek: ... was Sie jetzt sagen ist mir unbekannt. Ich wußte von Durchschießungen und ich wußte von der allgemeinen Gefährdung, die da ist. Münzer: Ich habe mich gefragt: wenn da so kleine Razzien waren und man wußte, da ist was gefährlich, da hätte man doch erwarten können, daß irgendwann ‘ne Großrazzia kommt? Zadek: Also, ich weiß nichts davon. Ihr Vorspruch sozusagen läuft an mir glatt vorüber. Ich kenne nur die Konsequenz. Wie die Verhaftung vor sich ging, praktisch, kann ich Ihnen auch erzählen. - Das ist sehr komisch. Ich wurde also damals noch mit blutigem Gesicht raufgestoßen auf den Wagen, auf dem die anderen schon saßen, und dieser Entenschnabelige, der auf der rechten Seite da steht, rief mir noch zu: ‘Hast wohl Neesebluten jehabt, wa, wisch Dir mal det Jesichte ab", d.h. es blutete ein bißchen. Und neben dem Wagen stand ein sehr gut aussehender Sturmbannführer, Obersturmbannführer, ich weiß nicht was, von den Nazis, intelligent aussehend usw., und da sagt plötzlich neben ihm ein Zivilist, d.h. ein Journalist, der schreiben sollte: ‘Aber das ist doch der Zadek vom "Berliner Tageblatt".’ Da sagte der, so ungefähr: ‘Geht uns nichts an!’ D.h. also, ich war schon bekannt da in den Kreisen. Aber das interessierte sie gar nicht, wo der Betreffende hingehörte, auch welche Ehren er hatte. Münzer: Das hat man dann ja auch gelesen, in diesem Artikel in "Völkischen Beobachter" der noch am gleichen Abend herauskam und dann vierzehn Tage später noch einmal im "Illustrierten Beobachter".
Kein Mensch hat jemals die Entwicklung des Nationalsozialismus für möglich gehalten, auch die Nazis nicht in dieser Form. Noch nicht mal einen Monat vorher. Noch nicht mal als sie an die Macht kamen. Das war ein Aufmarsch von welchen, denen das Marschieren Spaß machte usw., Prügeleien auf der Straße Spaß machten, Horst-Wessel-Typen und so etwas. Das wird in der ganzen Überlegung immer, wenn ich mit Schulen gesprochen habe, es fragten mich die Gymnasiasten z.B.: ’Herr Zadek, warum sind denn die Juden nicht früher geflohen?’ und da sagte ich, ‘weil keiner daran geglaubt hat, es könnte sich in dieser furchtbaren Form entwickeln. Die Judenverfolgung hat keiner ernst genommen, das Programm der Judenverfolgung hat keiner ernst genommen. Die Leute haben doch ihr Eisernes Kreuz. (...) Münzer: Juden, Kommunisten, Sozialisten wurden auf der Straße verprügelt, an der U-Bahn verprügelt... Zadek: Leute, die man für Juden gehalten hat, auch. Münzer: ... hat man daraus nicht irgend eine Gefährlichkeit gesehen, weil, die Polizei hat das doch geschützt irgendwie oder ging der Sache nicht so nach? Zadek: Die ganze Atmosphäre war nazistisch. Aber das sagt nichts über den Grad, den extremen Grad der Handlungsweise. Es war in der Form. Man sah auf dem Kurfürstendamm, da sah ein Trupp von Nazis in Uniform, also S.A. damals noch, acht Leute, einen Menschen, der ein Jude war, offenbar. Und dann machten sie sich so breit, und gingen auf den Menschen zu und ließen ihn nicht durch. Und der schimpfte irgend etwas, und dann schlugen sie ihn nieder. Darauf ist der Mann zum Gericht gegangen und hat Anklage gegen diese Leute, entweder gegen Unbekannt, dann hat man sie festgestellt usw., erhoben. Und vor Gericht kam er dann und alle die Leute, diese acht, sagten dann, ‘alles was der Mann erzählt sind Märchen, nichts davon hat tatsächlich stattgefunden. Wir sahen ihn und haben und haben ihn vielleicht irgendwie angeguckt oder so etwas, aber wir sind glatt an ihm vorüber gegangen.’ Also der Mann sagte, ‘entschuldigen Sie, Sie sehen doch meine blauen Flecken’, ‘Ja, das ist kein Beweis’, sagte der Richter dabei, ‘und wissen Sie, Sie haben hier acht ehrenwerte Menschen, die aussagen, was Sie sagen hat nicht stattgefunden, und Ihre Aussage steht dagegen. Da kann ich Ihnen nur sagen, ziehen Sie Ihre Aussage zurück. Sonst müßte ich Sie wegen Verleumdung verhaften lassen.’ Also das war die Stellung der Richter damals. Münzer: Man hat aber doch gewußt, daß die Jurisprudenz, also die Richter, die Rechtsprechung sehr auf Seiten der Nazis war. Hat das nicht zur Gefährlichkeit der Situation beigetragen, hat man nicht gesehen, wie gefährlich die Situation ist? Zadek: Sagen wir mal, der Hannoversche Anzeiger, oder welches der Hannoverschen Blätter das war, schickt mir einen Artikel zurück und dazu einen Begleitbrief: ‘Wir sind empört darüber’ - da waren sie nämlich schon nazistisch geworden - ‘daß Sie solches Material noch verschicken!’ Er hat aber die Beziehung zu mir nicht abgebrochen damit. D.h. überall steckte das drin. Wenn ich dem Mann erzählt hätte, was kommen wird, das hätte der für unmöglich gehalten, so etwas kommt doch nicht vor in Deutschland, trotzdem er nazistisch eingestellt war in der Presse. Münzer: Der hätte das nicht geglaubt? Zadek: Kein Mensch. Die Nazis haben’s nicht geglaubt. Und nicht nur das. Hitler hat es nicht geglaubt. Das sage ich, das kann ich Ihnen ja nicht beweisen. Und der hat ja jede zukünftige Aktion, wenn er sie selbst vor hatte, ja erst mal geleugnet und ist schrittweise vorgegangen. Und wissen Sie, den Verfall des Volkes, den moralischen Verfall des Volkes, die Brutalisierung, die sie dann in Polen usw. und bei den Juden gemacht haben, die hat ja doch auch keiner vorausgesehen. Hätten Sie einer Frau gesagt, ‘Ihr Mann wird mal einen Juden an den Galgen hängen, der nichts getan hat.’ Dann hätte die Frau gesagt, ‘hören Sie mal, ich verklage Sie wegen Verleumdung’ -, so ungefähr. (...) Also, ich habe Ihnen gesagt, wie so eine Runde bei uns saß, und ich habe Ihnen gesagt, wie diese Runde verrät, daß sie keine Ahnung von der Gegenseite hatte, sich überhaupt nicht darum kümmerte. Und das passiert immer wieder. Ist doch natürlich. Jeder Mensch verkehrt mit den Leuten, zu denen er Sympathien hat und mit den anderen verkehrt er eben nicht, und da weiß er aber auch nichts davon. Und so ein Mensch wie Herr Dr. Stöcker vom "Dortmunder Generalanzeiger", der hatte ein Gefühl über die Zukunft des Nationalsozialismus.
(...) Also zurück zu der Künstlerkolonie. Münzer: Hat man gesagt Roter Block? Zadek: Das hat man gesagt, aber auch nicht unter uns. Da hätten wir sozusagen geglaubt, wir sollten damit beschimpft werden. Was ja wohl auch die Ursache war, daß man es so nannte. |
Holger Münzer, 9.11.1991