Erich Weinert

(4.8.1890-20.4.1953) Schriftsteller, Lyriker
ehem. Bewohner der Künstlerkolonie Berlin)

Gedenktafel Kreuznacher Str. 34

alle Fotos von der Tochter Annemarie Lange-Weinert dem Archiv der KünstlerKolonie Berlin e.V. zur Verfügung gestellt (siehe Teil-Testament)
Schlosser- und Dreherlehre, Ausbildung zum Buchillustrator, 1912/13 als freier Maler, Grafiker, Buchillustrator tätig, Soldat von 1914-19, danach populärer Rezitator und Kabarettist (1922 im Leipziger Kabarett "Retorte", 1923 im Berliner Kabarett "KüKa". Er konnte mit seinem Vortrag von Gedichten Massen begeistern, seit 1924 Mitarbeiter kommunistischer Blätter, Veröffentlichungen in der "Weltbühne", im "Simplizissimus", "Lachen links" und im "Eulenspiegel", Prozeß wegen Gotteslästerung, Redeverbot, 1933 ging er ins Exil in der Schweiz, danach in Paris, im Saargebiet, 1935 in Moskau, 1937 im spanischen Bürgerkrieg, Internierungslager in Südfrankreich, Asyl in der Sowjetunion, 1943-45 Präsident des "Nationalkomitees Freies Deutschland" (Moskau), 1946 Rückkehr nach Berlin (Ost), Vizepräsident der Zentralverwaltung für Volksbildung in der DDR. Er schrieb engagierte, oft propagandistische Lyrik und Prosa gegen Militarismus, Restauration, Nationalismus und Faschismus. (Ausführlicher Artikel "Erich Weinert zum 100. Geburtstag" im KünstlerKolonieKurier Nr. 3 (1990/91)

Werkauswahl: "Affentheater" (Gedichte 1925), "Der Tod fürs Vaterland" (Szenen 1942), "Erziehung vor Stalingrad" (Fronttagebuch 1943), Gesammelte Werke in 10 Bänden (Berlin 1955-60).

Chansons von Erich Weinert

Gedenktafel für Erich Weinert

Erich-Weinert-Haus

Erich Weinert (vermutlich 1931)
Foto: Erich-Weinert-Haus Magdeburg Archiv


Erich Weinert zum 100. Geburtstag

von Dr. Gisala Zander (Leiterin des Erich-Weinert-Hauses in Magdeburg)
und Holger Münzer (aus KünstlerKolonieKurier Nr. 3 , 1990/91)

Der Dichter Erich Weinert (4.8.1890-20.4.1953), Bewohner der Künstlerkolonie (Kreuznacher Straße 34) von 1931 bis 1933, wäre 1990 hundert Jahre alt geworden. Wer Interesse am Lebensweg des Dichters hat, findet eine Fülle von Material in Magdeburg, seiner Geburtsstadt. Dort, im Museum im Geburtshaus Erich Weinerts in der Thiemstraße 7 (heute Literaturhaus Magdeburg), ist seit August 1990 eine Dauer-Ausstellung zu sehen, die ein differenziertes Bild des Lebensweges Weinerts aufzeigen will.

Zu seiner Geburtsstadt Magdeburg hatte der politische Dichter, Kabarettist und Satiriker Erich Weinert ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits verbrachte er als Schüler der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule herrliche Jahre in der Elbestadt, andererseits war ihm die Mentalität der Bürger, Kaufleute und reichen Industriellen schon damals fremd, obwohl er selbst aus einer bürgerlichen Familie stammte. So schrieb er böse und satirische Gedichte über Magdeburg. Die Magdeburger trugen ihm dennoch sein spöttisch grimmiges Verhältnis zur Heimatstadt nicht nach und richteten dem in der (ehemaligen) DDR zum Staatsdichter avancierten Weinert 1961 wegen seiner antifaschistischen Haltung eine Gedenkstätte ein. Hier wurden Leben und Wirken erforscht, Dokumente und Lebenszeugnisse gesammelt, jedoch entstand bislang ein vermutlich einseitiges Bild vom kommunistischen Wirken des Dichters.

Weinerts Eltern, Mitglieder der Freireligiösen Gemeinde zu Magdeburg, bemühten sich um eine aufgeklärte Erziehung. Es verwundert nicht, daß Bücher von Lessing, Freiligrath und Charles Darwin zur Lektüre im Elternhaus gehörten. Schon während der Lehre als Lokomobilbauer in der "Maschinenfabrik R. Wolf" zeigte Weinert künstlerische Ambitionen. Aus seiner Zeit in der Kunstgewerbeschule in der Klasse von Professor Rettelbusch findet man sensible Zeichnungen des später scheinbar so robusten Agitators und spürt das Aufbegehren der Jungen gegen die bürgerliche Wohlsituiertheit. Bis 1914 arbeitete er als freischaffender Maler, Grafiker und Buchillustrator.

Der Erste Weltkrieg und seine Einberufung brachte einen herben Einschnitt, Werte gerieten ins Wanken, der Fronteinsatz trennte Freunde und Liebespaare. Erhalten sind Briefe an den Jugendfreund. Nach dem Krieg beginnt die Suche nach der eigenen Identität wieder neu. Anfang der zwanziger Jahre fand sich in Magdeburg die Künstlergruppe "Die Kugel" zusammen (deren kunstgeschichtliche Bedeutung erst seit wenigen Jahren aufgearbeitet wird). Zu dem Freundeskreis um Erich Weinert gehörte auch der Maler Bruno Beye, die Malerinnen und Bildhauerinnen Annemarie und Katharina Heise, der Schriftsteller Robert Seitz (der seit 1927 auch in der Künstlerkolonie wohnte und - wie Walter Zadek im Interview 1991berichtete - regelmäßig zu seinem "Jour-fix" kam), der Maler Franz Jan Bartels und der Bildhauer Rudolf Wewerka. Über diese Freunde knüpfte Weinert Verbindungen zum Leipziger Kabarett "Retorte" unter Hans Reimann an. Er entdeckte dort seine Begabung, satirische Texte und Gedichte zu schreiben. Die Programmhefte der "Retorte" und selbstentworfene Bühnenbilder verweisen auf die Vielseitigkeit seines Talents.

Die Provinz wird zu eng, 1923 ging Weinert nach Berlin. Er schloß sich politisch erst der SPD, 1929 der KPD an. Der "rote Feuerwehrmann" - wie er nach einem seiner Gedichte auch genannt wurde - fand seinen ersten Verleger, Leon Hirsch, unter dessen Leitung er auch bei den Berliner "Wespen" wieder Kabarett spielte, 1923 im Berliner Kabarett "Kü-Ka" (Künstler-Kabarett). Er veröffentlichte in der "Weltbühne", im "Simplizissimus", in "Lachen links" und im "Eulenspiegel". Große Auftritte vor Tausenden von Zuschauern im Sportpalast machten ihn berühmt, aber die Auftritte wurden immer gefährlicher. Seine Verse vom Postbeamten Emil Pelle, das kämpferische "Lied vom roten Wedding" und "Der heimliche Aufmarsch" wurden so bekannt, daß es den Honoratioren der Weimarer Republik bald notwendig erschien, ihm Auftritts- und Redeverbot zu erteilen und seine Schallplatten zu verbieten, wegen seines Gedichtes "Gasangriff" wurde ein Prozeß wegen ‘Gotteslästerung’ gegen ihn geführt. In seiner Wohnung im "Roten Block" (so wurde die Künstlerkolonie genannt) war Weinert mit Frau und Tochter (siehe Foto: Li und Erich Weinert mit Tochter Marianne - diese ist heute Mitglied der KünstlerKolonie Berlin eV - 1928 in Berlin - Foto aus dem Archiv Erich-Weinert-Haus Magdeburg) den unzähligen Polizeiaktionen besonders ausgesetzt. Nach der Großrazzia in der Künstlerkolonie am 15. März 1933 und endgültig nach dem Reichstagsbrand mußte er als Emigrant in der Schweiz Zuflucht suchen. Er wurde offiziell aus Deutschland ausgebürgert. Nach wenigen Monaten mußte er auch Zürich wegen politischer Tätigkeit verlassen. Über Frankreich und das Saarland gelangte er 1935 auf Einladung des sowjetischen Schriftstellerverbandes mit seiner Familie in die Sowjetunion. Seine Beteiligung im Kampf gegen die Faschisten im spanischen Bürgerkrieg (1937-38), wo er zusammen mit seinen Freunden Ernst Busch und Ludwig Renn war - beide auch wohnhaft in der Künstlerkolonie bis 1933 - betrachtet er später als kurzes, aber wichtiges Zwischenspiel. Nach dem Internierungslager in Südfrankreich erhält er Asyl in der Sowjetunion. Wieder in Moskau zurück, arbeitet er für die KP Deutschlands im Exil und war von 1943 bis 1945 Präsident des Nationalkommitees Freies Deutschland in der UDSSR (vgl. Wolfgang Leonhard: "Die Revolution entläßt ihre Kinder"). Einerseits übernahm er hier auch die Übersetzung und Nachdichtung der "Lobpreisungen für Stalin", jedoch gab es damals für kämpferische und sozialistische Antifaschisten keine denkbare Alternative zum Stalinistischen System in der UDSSR. Andererseits war er mit Gregor Gog (der in der Verbannung starb) und dem tschechischen Autor Lysohorsky und auch dem Worpsweder Maler Heinrich Vogeler befreundet, die vom stalinistischen System verfolgt wurden. Fotos und Dokumente belegen die Freundschaft zu Vogeler, der Weinert 1940 mehrmals portraitierte. Der Dichter vergaß den Maler nicht, als dieser 1941 in das Gebiet Karaganda verbannt wurde. Noch 1942 überwies Weinert dem greisen Freund Geld für den Unterhalt, welches Vogeler leider nie erhielt. Auf dem Abschnitt der Postanweisung steht ein handschriftlicher letzter Gruß von Weinert. In der bereits erwähnten Ausstellung ist auch die vermutlich letzte Lebensäußerung Vogelers zu sehen, eine Postkarte, die der Maler kurz vor seinem Tode an das Ehepaar Weinert in Moskau sandte. Der Literat setzte dem Maler ein Denkmal - er gab 1952 Vogelers Erinnerungen heraus. Der Sohn Heinrich Vogelers, Professor in Moskau, war einer der außenpolitischen Berater Gorbatschows, berichtete Wolfgang Leonhard (gesprächsweise).

Schon als Weinert 1946 nach Berlin zurückkehrte, war er von schwerer Krankheit gezeichnet. Die Jahre in den Schützengräben vor Stalingrad waren nicht spurlos an ihm vorbeigegangen, er hatte Anteil genommen an den Leiden der sowjetischen Bevölkerung, er hatte die militärische Grausamkeit der deutschen Landsleute (auf der russischen Seite) selbst erleben müssen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte er helfen, ein neues, antifaschistisches Deutschland aufzubauen. Erich Weinert starb im April 1953 an Tuberkulose - hochgeehrt, aber auch umstritten.


Hier können Sie Lieder aus dem Zyklus "Bei Dichters" (Texte: Erich Weinert, Musik: Holger Münzer,) hören.

Gehe zu: Bewohner | KünstlerKolonie | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































Sie sind Besucher