
Das gilt für viele in meiner Generation. Nach Nazidiktatur, Weltkrieg und langsamen demokratischen Aufbaujahren war bis in dle 60er Jahre die Psychoanalyse nach wie vor im Exil. lhre Reste, die es da und dort noch gab, versuchten - unter weitgehender Verleugnung der Vergangenheit und verstrickt in fraktionelle Abgrenzungskämpfe - einen Neuanfang im Abseits. Um so aufregender war es, als wir in der Studentenbevvegung und antiautoritären Protestbewegung die verbrannten und versteckten Texte wieder ans Licht brachten, in erster Linie freilich die Werke der Linksfreudianer vor allem Wilhelm Reichs und Siegfried Bernfelds. Und dann lasen wir oft erst Sigmund Freud. Ich erinnere mich noch genau, daß der erste Text, den ich mit Begeisterung las die Aufsatzreihe Wilhelm Reichs in der Zeitschrift für psychoanalytische Pädagogik "Eltern als Erzieher" war, die uns den elterlichen Erziehungszwang und die Stellung der Eltern zur kindlichen Onanie vor Augen führte: Dann folgten schnell die politischen Schriften "Was ist Klassenbewußtsein?", "Massenpsychologiee des Faschismus" und "Der sexuelle Kampf der Jugend". Schließlich aber ttrat der Kliniker Reich immer mehr in den Vordergrund, nicht zuletzt mit "Der masochistische Charakter. Eine sexualökonomische Widerlegung des Todestriebes und des Wiederholungszwanges" und dann "Charakteranalyse" und "Die Funktion des Orgasmus", was für viele so etwas wie eine Programmschríft war, wie überhaupt Reich weniger klinisch und psychoanalyse-theoretisch, sondem hauptsächlich sexualpolitisch gelesen wurde. Erst Jahre später begegnete ich dem späten Reich: "Menschen im Staat", "Christusmord", "Rede an den kleinen Mann" und im Raubdruck K. R. Eislers Interview mit Reich über Sigmund Freud, ein ganz außerordentlicher Text, in dem sich das schließliche Zugeständnis der Kraft der Zerstörung findet, der tödlichen Orgon-Energie. "Freuds Denken arbeitete mit dem Begiff des Triebes. Und deshalb wählte er den Begriff Todestrieb. Das war falsch. 'Tod' war richtig. 'Trieb' war falsch. Denn der Organismus will den Tod nicht. Er ist etwas, das dem Organismus zustößt. Deshalb ist es kein 'Trieb'. Freud hat hier sehr viel gesehen.
Zeit seines Lebens hatte Reich dagegen angekämpft. Er wollte die Libidokenzeption Freuds gegen Freud retten. Er wollte erfüllen, was Freud von jung an gefordert hatte ("...versprechen Sie mir, nie die Sexualtheorie aufzugeben. Das ist das Wesentliche. Sehen Sie, wir müssen daraus ein Dogma machen, ein unerschütterliches Bollwerk"). Nach der Katastrophe des "Oranur-Experiments" mit radioaktivem Material (1951), das von der angeblich erwiesenen und gemessenen Orgon-Energie neutralisiert werden sollte, räumte Reich (in dunkler alchimistischer Rede) ein, wie Mulisch zitiert: "»Das organische OR [orgon energy] rebelliert gegen NR [nuclear radiation], als ob sie selber NR sei, das heißt tödlich. Das sonst heilende OR spaltet gleichsam einen tödlichen Teil von sich ab (DOR), etwa so wie ein Gewitter sich aus der orgonotischen Herrlichkeit eines sonnigen Tages entwickelt." Wie ein Donnerschlag bei klarem Himmel wurde hier der Tod in die Lebenskraft gepflanzt - genauso wie Freud in "Jenseits des Lustprinzips" den Todestrieb mit dem Eros verbunden hatte.
Mulisch rekonstruiert diese Geschichte des unermüdlichen Versuchs der Rettung der Liebe gegen den Tod auf der Folie des zentralen lebengeschichtlichen Konfliktes Reichs, daß er nämlich das Liebesverhältnis seiner Mutter mit dem Hauslehrer dem Vater verriet und damit ein Eifersuchts- und Mißhandlungsdrama in Gang setzte, das mit beider Selbstmord endete (beschrieben in "Leidenschaft der Jugend. Eine Autobiographie 1897-1922", Köln 1994).
Ganz anders setzt ein anderer Beitrag zum 100. Geburtstag an: Karl Fallend / Bernd Nitzschke (Hg.), "Der Fall Wilhelm Reich. Beiträge zum Verhältnis von Psychoanalyse und Politik", Suhrkamp Verlag. An der hier vorliegenden kritischen Würdigung wird man in der weiteren Diskussion um Reich nicht vorbeikommen. Vor allem wird man den Psychoanalytikern aller Richtungen das Buch zur Lektüre empfehlen können, handelt es sich doch um Analysen gegen die Verdrängung der eigenen Geschichte: der Rolle der sogenannten "Linksfreudianer" und der Begleitumstände des Ausschlusses Wilhelm Reichs aus der DPG/IPV in den Jahren 1933/34. Ulrich Geuter und Norbert Schrauth skizzieren die klinischen Grundlagen, auf denen die Nachfolger Reichs aufbauten: die Bioenergetik Alexander Lowens ebenso wie die Biodynamik Gerda Boyesens oder David Boadellas Biosynthese. Sebastian Hartmann und Siegfried Zepf kritisieren mit Recht die verkürzten gesellschaftswissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Positionen Reichs, die ja nicht von ungefähr in der Ablehnung jeglicher Politik endeten. Einen noch weiteren Horizont zielen Wolfgang Dreßen und Emilio Modena an. Der eine warnt zivilisationstheoretisch und anthropologisch mit Foucault. Gehlen und Adorno vor der eitlen Hoffnung auf Überwindung repressiver Kultur durch Befreiung menschlicher Natur ("Glauben wir nicht, daß man zur Macht Nein sagt, indem man zum Sex Ja sagt". Foucault).
Wilhelm Reich war, wie seine letzte Ehefrau Ilse Ollendorff Reich erinnerte, "immer sehr gewissenhaft, wenn es darum ging, sich an wichtige Daten zu erinner, etwa an Geburtstage von Familienmitgliedern. Er liebte es, bei solchen Gelegenheiten Blumen zu schenken und geschenkt zu bekommen besonders rosa Nelken." Hundert rosa Nelken also sollen es sein.
Zur Kurzbiografie von Wilhelm Reich
Zum Artikel Enfant Terrible der Psychoanalyse
(von Dr. Thomas Kornbichler aus KünstlerKolonieKurier Nr. 3 - 1990/91)
Zum Artikel Zirkus der Utopien
("Vor 100 Jahren wurde der Psychoanalytiker Wilhelm Reich geboren: Was von ihm übriggeblieben ist" - von Tom Peuckert, Der Tagesspiegel Berlin vom 23.3.1997)