Zuletzt ist er General der Kosmischen Ingenieure gewesen. Sie zertrümmerten Wolken und machten Wüsten wieder fruchtbar. Neugierige Ufos kreisten über den Himmeln, die sie zuvor gereinigt hatten. Präsident Eisenhower schickte Flugzeuge, um ihre Arbeit zu beschützen. Doktor Reich wußte, wie man Seelen heilt und Regen macht, die Folgen der Atomstrahlung lindert und Außerirdische aus dem Feld schlägt.
"Natürlich hatten sie recht, natürlich / war er verrückt, ein Krüppel, der um sich schlug, schlug / seine Freunde allesamt in die Flucht." So unbarmherzig porträtiert ihn der Dichter Enzensberger, 20 Jahre nach seinem Tod im US-Bundesgefängnis von Lewisburg. Eine Figur aus dem Horrorkabinett der europäischen Spätaufklärung, dieser Doktor Reich. Ein trauriger Clown im Zirkus der Utopien. Der Gelehrte als Idiot, der Gute Mensch als Versager.
Und wirklich: am Ende ist es nur noch ein Narrenspiel gewesen. Reich in der Rolle des alten Faust, dessen Tollheiten noch immer genialisches Format haben, der aber von den Vernünftigen sicherheitshalber ins Gefängnis gesteckt wird. In einer einsamen Nacht stirbt der verurteilte europäische Scharlatan an gebrochenem Herzen. Die Wärter fnden ihn morgens, bekleidet auf dem Zellenbett, nur die Schuhe hat der Sechzigjährige ausgezogen, um seinen Tod zu erwarten.
Er kannte die einfachsten und tiefsten Sehnsüchte der Menschen: in schönen, fruchtbaren Landschaften zu leben, sich im eigenen Körper wohlzufühlen, sexuell nicht frustriert zu sein. Sein eigener Beitrag zur Erfüllung dieser Sehnsüchte schien ihm selbst immer größer zu werden. Hätte man rechtzeitig auf ihn gehört, wären Auschwitz, Stalingrad, Hiroshima vielleicht zu vermeiden gewiesen. Allen Verleumdungen zum Trotz: er wollte der Menschheit nur ein Geschenk machen. Er träumte von weichen, warmen, gut durchbluteten Körpern - und fand eine Menge übereugender Gründe, warum die Körper meist anders aussehen.
Vor einem Dreivierteljahrhundert lobte Freud das phänomenale diagnostische Gespür seines Lieblingsschülers. Dieser Reich braucht einen Patienten bloß anzusehen, und so ein Neurotiker-Schitksal liegt offen vor ihm. Sprühender Witz, Liebenswürdigkeit, im nächsten Augenblick Tyrannenwut, Neigung zum Dogma, Eifersucht, so haben die Wiener Kollegen ihn erlebt. Freud warnt vor zuviel therapeutischem Ehrgeiz, da ist Reich schon Wortführer im "Technischen Seminar". Die Psychoanalyse wird ja von vielen noch immer als eine Gattung der Poesie betrachtet, als irgendwie heilsames Ausspinnen bürgerlicher Seelenromane, die Kunst der Analyse, sagt man. Reich, Sohn eines deutsch-jüdischen Großagrariers aus dem hintersten Galizien, will endlich Naturwissenschaft daraus machen, exakt und greifbar. Sein Weg führt zur Entdeckung des Körpers als eines Seismographen seelischer Spannungen, später definiert er den zivilisierten Charakter als bloße Maske des Unglücks. Freuds orthodox-autklärerische Hoffnungen lassen ihn kalt. Der geglückte Orgasmus scheint der einzige Punkt, an dem sich die kranke Welt aus den Angeln heben läßt: gewitterhafte Entladung von Bioelektrizität beim Koitus, heilendes Eintauchen in den Strom eines nun in Voltzahlen nachweisbaren élan vital. Immer heftiger berennt er das Furchzentrum der alten Welt: alles sexuell gestört, denkt er, alles krank. Selbst die revolutionären Marxisten, zu denen er eine Zeitlang gehört, wirken bald nur noch verspießert, feige eingebaut in ihre Körperpanzer. Kleine, faschistoide Männer, denen er mit der Standpauke aufspielt.
Die bürgerlichen Kollegen halten genügend biographisches Material in den Händen, um Reichs immer träumerischer wirkende Rebellion als traumatische Reaktion zu deuten. Reichs Kindheit endet, nachdem der Knabe den Ehebruch der geliebten Mutter mit einem Hauslehrer beobachtet hat. Er offenbart sich dem Vater, die Eifersucht des Patriarchen treibt die Mutter bald in den Selbstmord. Der pater familias stellt sich, nach Abschluß einer Lebensversicherung, in einen winterkalten Teich zum Fischen. Seine Tuberkulose wird rasch tödlich, mit siebzehn ist Reich Vollwaise. Das Trauma der Schuld vergräbt er in den Abgründen seiner Seele, von wo es sich zurückmeldet als lebenslanges Ekzem auf der Haut, Neigung zu Jähzorn und Irrationalität. So zumindest diagnostizieren wir Nachgeborenen es mit kühlem psychoanalytischen Scharfblick, den wir goßen Entdeckern wie Reich doch erst verdanken.
Der Ruch des Wahnsinns begleitet ihn auf seiner Odyssee durch Europa und Amerika, die schließlich in der Gefängniszelle endet. Er schreibt Bücher über die Massenpsychologie des Faschismus, erforscht den Krebs und die Bildung von Wolken. Überall vermischt er fruchtbarste Einsichten mit paranoiden Schlußfolgerungen. Immer bizarrer werden seine Weltbilder, immer poetischer. Immer wahnsinniger, so urteilen die Zeitgenossen. Der Streit, wo genau in Reichs Werk die Grenze zwischen Genialität und Wahn liegt, dauert bis heute an. Auch an seinem 100. Geburtstag werden die einen auf frühe Schizophrenie plädieren und die anderen auf lebenslange Hellsicht.
Für die rebellischen Studenten der sechziger und siebziger Jahre ist er vor allem eines gewesen: Prophet der sexuellen Befreiung. Radikal antibürgerlicher Seelenanatom, bei dem verklemmten Körper des Establishments, die Pestbeulen aufstach. Für eine kurze, sonnige Zeit hatte niemand Mühe damit, das Werk des großen Träumers als wunderbares Geschenk anzunehmen.
Zur Kurzbiografie von Wilhelm Reich
Zum Artikel Enfant Terrible der Psychoanalyse
(von Dr. Thomas Kornbichler aus KünstlerKolonieKurier Nr. 3 - 1990/91)
Zum Artikel Vom "sexuellen Kampf der Jugend" zur "Rede an den kleinen Mann"
(Eine persönliche Erinnerung und Übersicht über neue Publikationen zum Phänomen Wilhelm Reich - von Reinhart Wolff, Der Tagesspiegel Berlin vom 23.3.1997)