Leonard Steckel

Schauspieler, Regisseur (08.01.1901 - 09.02.1971)

Durch die Veröffentlichung der Seiten von Jo Mihaly im Kultur-Netz wurden die Tochter Anja Ott und die Witwe Steckel aufmerksam auf die KünstlerKolonie Berlin und das Kultur-Netz und gaben uns dieses ausführliche Material zu Leonard Steckel, worüber wir sehr dankbar sind. Weiteres Material zu Leonard Steckel ist zu finden im Archiv der Akademie der Künste Berlin.
Diese Vita stammt von der Tochter Anja, zugeschickt am 23.04.2001, Veröffentlichung der Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung durch die Erbin Anja Ott


Leonard Steckel, 60er Jahre - Foto: Ruth Schramm, München

Geboren am 8. Januar 1901 in Knihinin, damals Kaiserreich Österreich-Ungarn.
Vater Markus Steckel, cand jur. Verwalter bei der Eisenbahn, mit 28 Jahren an einem Blinddarmdurchbruch gestorben.
Mutter Eva Bazar, brachte das Kind zu ihren Eltern nach Berlin.
Großvater Abraham Bazar und Großmutter Deborah.

Nach der Volksschule besuchte Steckel das Köllnische Gymnasium in Berlin. Bereits als Schüler Protagonist bei Schüler-Theater-Aufführungen. Sein Deutschlehrer empfahl ihn nach dem Abitur an den Schauspieler Paul Bildt, durch den er 19-jährig sein erstes Engagement am "Neuen Volkstheater an der Köpenickerstraße" bekam. Von da an führte Steckel ein Rollenbüchlein, in dem er jede Rolle oder Regie, Stücktitel, Autor, Regisseur, Datum und Theater eintrug und das er bis zu seinem Tod bei sich trug.

Steckel hat von 1920 bis 1933 bereits an fast allen Berliner Bühnen gespielt. Seine Regisseure waren Jürgen Fehling, Leopold Jessner, Heinz Hilpert, Paul Henkels, Karl-Heinz Martin, Erich Engel, Max Reinhardt und Erwin Piscator.

1927 heiratete er Elfriede Kuhr, die sich als Tänzerin und später als Schriftstellerin Jo Mihaly nannte.
1928 führte er zum ersten Mal Regie: "Heimweh" von Franz Jung auf der Studiobühne im Piscatortheater.
1929 spielte und sang er in Aribert Wäschers und Rosa Valettis Kabarett "Larifari".
1933 arrangierten die Gebrüder Rotter ein Gastspiel der Operette "Madame Dubarry" in Skandinavien, um die gefährdeten jüdischen Schauspieler aus der Schußlinie der Nazis zu entfernen. Steckel spielte neben Gitta Alpar, der Frau seines besten Freundes Gustav Fröhlich.
Im Februar 1933 kam Steckels Tochter Anja auf die Welt, im Berliner Künstlerblock am Breitenbachplatz ("Künstlerkolonie": im Stadtplan), wo viele Kollegen wohnten, deren linke politische Ausrichtung den Nationalsozialisten verdächtig war, sodaß dort immer wieder polizeiliche Razzien stattfanden.
Im Mai 1933 erhielt Steckel ein Engagement ans Zürcher Schauspielhaus und konnte sich so mit Frau und Kind in die Schweiz retten.
In der Zeit des Exils und danach bis zu seinem tragischen Tod 1971 hat er 280 Rollen gespielt und 247 mal Regie geführt.
Einige der Rollen, die er neben seinen Inszenierungen ab 1933 gespielt hat: Argan ("Der eingebildete Kranke"), Rappelkopf ("Alpenkönig und Menschenfeind"), Gessler ("Wilhelm Tell"), der alte Miller ("Kabale und Liebe"), Medina Sidonia ("Don Carlos") Philipp II., zwei mal den Mephisto (auch schon vor 1933 in Wien), Napoleon I., Thersites ("Troilus und Cressida"), Puck ("Sommernachtstraum"), Thersias ("Ödipus"), Richard III., Heinrich VIII., Galileo Galilei (zugleich auch Regie der Uraufführung), Puntila (Uraufführung in Zürich, später in Berlin), Big Daddy ("Katze auf dem heissen Blechdach"), Willy Loman ("Tod des Handelsreisenden"), Schigolch ("Lulu"), Einstein ("Die Physiker"), Mammon ("Jedermann" in Salzburg), Julius Cäsar, Schwitter ("Der Meteor"), Greg Salomon ("Der Preis"), Harry ("Unter der Treppe").

Am Zürcher Schauspielhaus hat Steckel ab 1935 insgesamt 122 Erst- und Uraufführungen von Autoren inszeniert, die als Juden oder 'feindliche Ausländer' in Deutschland nicht mehr gespielt werden durften. Darunter: Werfel, Giraudoux, Shaw, T.S.Eliot, Thornton Wilder, Brecht, Schnitzler, O'Neill, Pagnol und Steinbeck.

Nach dem Krieg wurde er aus bis heute nicht geklärten Gründen durch ein Einreiseverbot an der Rückkehr nach Deutschland gehindert. In dieser Zeit inszenierte er in Zürich das Musical "Der schwarze Hecht", das später unter dem Titel "Feuerwerk" in Steckels Regiekonzeption einen Siegeszug durch Deutschland antrat.

Er war ein Experte für italienische, spanische und französische Autoren wie Goldoni, Lorca, Lope de Vega, Calderon, Giraudoux und Pagnol. Die strenge Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung bescheinigte ihm, "daß sich seine Goldoni-Inszenierungen mit denen Strehlers messen können."

Als die ominöse Sperrung für Deutschland ausgesprochen wurde, schrieb Kurt Hirschfeld (Dramaturg und später Direktor des Zürcher Schauspielhauses) an die verantwortlichen Behörden:"Steckel ist heute der beste deutsche-Regisseur". Später bekundeten dasselbe die Intendanten Hans Schweikart in München, Boleslaw Barlog in Berlin und Kurt Horwitz in München. Aber erst als Ernst Reuter in Berlin und Bundespräsident Theodor Heuss intervenierten, bekam Steckel endlich die ersehnte Einreisegenehmigung und seinen deutschen Pass.

Nach der Rückkehr in die alte Heimat spielte er noch 28 Filmrollen, 30 Fernsehrollen und inszenierte einen Film. Am Funk sprach er 28 Rollen und inszenierte ein Hörspiel.
1952 war er der erste, der ein amerikanisches Musical "Kiss me Kate" am "Theater am Kurfürstendamm" herausbrachte. Der grosse Kritiker Friedrich Luft schrieb begeistert, er hätte dieses Musical weder in New York noch in London so ausgezeichnet, beschwingt und mitreissend gespielt gesehen.

Einen Monat nach seinem 70.Geburtstag, den Steckel zuhause in Berlin feierte und zu dem das ZDF ein 'Porträt' sendete, stieg er in den verhängnisvollen Zug nach Zürich. Die Zugkatastrophe bei Aitrang im Allgäu beendete am 9. Februar 1971 sein Leben.
Im Juni 1971 sollte er mit Brechts "Puntila" eine Welttournee durch 16 Länder für vier Monate beginnen, mit einer 14-tägigen Performance im New Yorker Lincoln Center. Dieser Höhepunkt seiner Karriere war ihm leider nicht mehr vergönnt.

Kurzbiografie
Portraits von Steckel
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