Steffie Spira

Schauspielerin, geb. 1908, gest. 11.5.1995
(Steffie Spira war ehem. Bewohnerin der Künstlerkolonie Berlin)
Texte und Fotos mit freundlicher Genehmigung durch Steffie Spira.

Steffie Spira stammt aus einer Schauspielerfamilie und spielte schon als Kind, mit 16 Jahren Schauspielschule, mit 17 Jahren das erste Engagement, engagierte sich mit 18 Jahren in der Gewerkschaft der Schauspieler, acht Jahre im Engagement am Berliner Theater, trat mit 23 in die KPD ein, heiratet 1931 Günter Ruschin, ist Mitbegründerin der Theatergruppe "Truppe 31" mit Gustav von Wangenheim, Hans Meyer-Hanno, Curt Trepte u.v.a. (siehe Auszüge aus ihrem Buch im Stadtteillesebuch, Kapitel "Die Bewohner der historischen Künstlerkolonie"), Steffie Spira emigriert 1933 zunächst in die Schweiz, vierzehn Jahre Exil: in Paris Arbeit mit dem SDS, Kabarett "Die Laterne", Brecht-Uraufführungen, Trennung vom Mann, Gefängnis in La Roquette, Frauenlager Rieucros, Flucht der Familie über die Pyrenäen, Weiterfahrt nach Mexiko, kehrt 1947 auf einem sowjetischen Frachter nach Deutschland zurück, spielt ab 1948 am Deutschen Theater unter Wolfgang Langhoff und vorwiegend in der Volksbühne in vielen großen Rollen (z.B. auch die Mutter Wolffen in "Der Biberpelz" von G. Hauptmann) und am Theater am Schiffbauerdamm. Sie starb am 11. Mai 1995.

Aufbauverlag Berlin und Weimar 1984


Steffie Spira am 12.11.1989 in der Ausstellung
"Die Künstlerkolonie Berlin"
Foto: Elisabeth Kiele - im Privatarchiv

Anläßlich ihres Todes schreibt DER TAGESSPIEGEL (Berlin) am 12.5.95:

Herz für das Volk

Zum Tod der Berliner Schauspielerin Steffie Spira
Ihrem Erinnerungsbuch "Trab der Schaukelpferde" stellte Steffie Spira-Ruschin zwei Hölderlinzeilen voran: "Wir, so gut es gelang / haben das unsre getan". Die Schauspielerin, die nie einen Hehl daraus machte, Kommunistin zu sein, hat das ihre getan. Mit Leidenschaft und mit Verstand, mit Güte und mit Humor, mit Tapferkeit sondergleichen. Sie lebte einen Kommunismus des Herzens vor; der Verantwortung für andere.

1908 geboren, einer Schauspielerfamilie entstammend, stand sie bereits als Kind auf der Bühne. Mitte März 1933 mußte sie emigrieren, lebte vierzehn Jahre im mexikanischen Exil. Seit 1948 spielte sie wieder in Berlin, am Deutschen Theater, am Theater am Schiffbauerdamm und an der Volksbühne in Ost-Berlin. Komische und tragische Rollen hat sie verkörpert, die Mutter Wolffen und die Frau Hassenreuther, die Teppichhändlerin in Benno Bessons lnszenierung von Brechts "Der gute Mensch von Sezuan". Sie gestaltete eigene Abende, hatte ein Herz für ,junge Dramatiker. Ihre Arbeit auf der Bühne leistete sie mit großer Klugheit mit einem scharfen, spöttischen Verstand und mit dem unbedingten Willen, Menschliches zu finden in Figuren und Vorgängen. Sie setzte sich ein für Gerechtigkeit, rückhaltlos und mit einer schönen sturen Geradlinigkeit.

Während der Protestdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1989 zitierte sie in ihrer kurzen Ansprache, von Beifall und Heiterkeit umtost, Brechts "Lob der Dialektik". Und dann sagte sie: "lch wünsche für meine Urenkel, daß sie aufwachsen ohne Fahnenappell, ohne Staatsbürgerkunde, und daß keine Blauhemden mit Fackeln an den hohen Leuten vorübergehen". Schließlich forderte Steffie Spira diese "hohen Leute" der im Todeskampf liegenden DDR zum Abtreten auf - der Jubel auf dem Platz kannte keine Grenzen mehr. Steffe Spira, die große Mütterliche, die Kämpferin, die Schauspielerin ist tot.

CHRISTOPH FUNKE



Steffie Spira im Gespräch mit Holger Münzer
zur Eröffnung der dokumentarischen Ausstellung am 12.11.1989 in der in der Kommunalen Galerie in Berlin
Foto: Elisabeth Kiele - im Privatarchiv

Am 26.1.1990 war anläßlich der dokumentarischen Ausstellung "Die Künstlerkolonie stellt sich vor" in der Kommunalen Galerie Berlin eine Lesung mit anschließenden Interviews zum Thema: "Frauen in der Künstlerkolonie" mit der Schriftstellerin Gerda Szepanski und Steffie Spira. Sie war sehr angetan von der Ausstellung und bestätigte nochmal, daß dies ihr Mann Günter Ruschin sei (gemeint ist das Foto der Verhaftung im Völkischen Beobachter) - in der Mitte sitzend, zwischen Theodor Balk und Curt Trepte - auf dem Foto der Verhaftung am 15.3.1933 auf dem Laubenheimer Platz.

Sie berichtete dabei von ihrem Leben in der Künstlerkolonie vor 1933 und las aus ihrem Buch "Trab der Schaukelpferde". Außerdem las auch Gerda Szepanski aus ihren Werken zum Thema Frauen in der Künstlerkolonie. Anschließend war eine lebendige Diskussion auch mit der damaligen Stadträtin Hella Dunger-Loeper, welche für die KünstlerKolonie Berlin einen Artikel geschrieben hatte zum Thema "Frauen in der Künstlerkolonie" in unserer Zeitschrift "KünstlerKolonieKurier 1".

Aus dem Interview von Holger Münzer mit Steffie Spira: "Frauen in der Künstlerkolonie", 26.01.1990 in der "Kommunalen Galerie":

»Vor 33 haben wir dort gelebt, Günter Ruschin, mein Mann, und ich, in der Bonner Straße 9. Wir hatten eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung mit schönem Balkon und großer Küche. Wir sahen hinaus auf den Laubenheimer Platz. Meine Erinnerung an die Wohnung hat gute und schlechte Seiten. Die gute war, daß wir, trotzdem es nur eineinhalb Zimmer waren, immer noch einen Gast bei uns wohnen hatten. Nicht wegen dem Geld, das war meistens nicht vorhanden. Es wohnten sowohl bei uns in dem halben Zimmerchen der Theodor Balk, ein Schriftsteller, der der erste Emigrant aus Jugoslawien war, als auch der Arthur Koestler, der beim Ullstein-Verlag engagiert war. Er fuhr über den Nordpol und war zum Glück nicht zuhause, als die Razzia kam. Wir haben aber die ganze Zeit dort gelebt mit dem Gefühl, so wie es jetzt ist, bleibt es nicht.

Wir haben viel getan. Es wurde hier (beim Rundgang durch die Ausstellung "Die Künstlerkolonie Berlin" Anm. d. R.) schon gesprochen von der "Truppe 1931", die wir dann waren, die der Gustav von Wangenheim mitbegründet hat. Wir wollten mal was anderes machen als Agitprop. Als Schauspieler, die arbeitslos waren, wollten wir unsere eigene Situation spielen. Wir nannten das Stück "Mausefalle", Verfasser Heinrich Greif, und so wollten wir Mäuse einfangen. Das Stück fing so an: »Wir haben keine Kleider mehr doch Rock und Schuhe nach Maß...« - Die Frauen hatten Abendkleider an und die Männer Fräcke. Über die ganze Bühne hing ein Bildnis von Goethe, und darauf stand: »Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit.« Das ganze Spiel ging um den Angestellten Fleißig, den Mann, der alles tat, um ja nur ein normaler Bürger zu sein. Auf keinen Fall wollte er etwas mit den Arbeitern zu tun haben. Aber irgendwann merkte er, wohin er eigentlich gehörte.

Wir haben mit der "Mausefalle", die mit großen Schwierigkeiten auf die Bühne kam, einen großen Erfolg gehabt. Wir spielten im "Kleinen Theater" Unter den Linden. Es war eine tolle Leistung, die wir damals auf die Beine gestellt haben, als wir in der Künstlerkolonie wohnten. Wir hatten auch die Unterstützung von Gustav Regler und seiner Frau, der Tochter von Heinrich Vogeler.


Foto: Elisabeth Kiele
Ich habe gern in der Künstlerkolonie gewohnt. Morgens früh gingen wir in die ‘Meierei’, kauften Milch und Brötchen, und ich mußte immer lachen, weil Alfred Kantorowicz und Max Schroeder immer in ihren Morgenröcken kamen. Die da verkauften, fielen aus allen Wolken. Also, so etwas konnte natürlich nur in der Künstlerkolonie passieren. Sonst gab es sowas überhaupt nicht, sowas ‘Verkommenes’. Uns störte das eigentlich nicht, wenn ich auch dachte, sie hätten sich ein bißchen mehr Mühe geben können damit. Aber das machte ja nichts. - Ich will damit sagen: natürlich war die Künstlerkolonie immer ein bißchen das rote Tuch. Aber es war auch etwas Wunderbares zum Beispiel, wenn ich im Frühjahr und Sommer auf meinem schönen Balkon war. Dann guckte ich hinunter - wir wohnten im 3. Stock, guckte hinunter auf die Ecke von Straße und Platz, und im Parterre waren die Fenster ganz weit auf, und ein großer Flügel stand dort, und es spielte der später bekannte, sehr gute Pianist Franz Osborn und begleitete Ernst Busch. Und die Stimme von Busch hallte über den Platz, und es war wunderschön.

Überhaupt konnte man sehen, was für Menschen dort lebten, es war nicht so langweilig. Es wohnten dort viel, viel mehr Künstler, als ich aufzählen kann. Ich bin hellhörig und wach geworden bei den Bildern von Eva Kemlein (in der Ausstellung waren in einem Raum Bühnenfotos und Zeitfotos von Eva Kemlein aus der Künstlerkolonie und ganz Berlin von 1945 bis heute ausgestellt, Anm. d. R.) und freue mich, daß ich das alles nochmal gesehen habe. Ilse Trautschold wohnte dort auch und kam abends oft schwankend an. Jeder hat jeden verstanden, wir waren wirklich eine erfreuliche Gemeinschaft, und jeder hat jeden respektiert, soweit er es konnte und man sich kannte. Niemand hat je den anderen verdächtigt. Da wohnte Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck, es war alles da, alle waren vorhanden, jeder Typ hatte Platz.

Günter und ich, wir haben geheiratet 1931 im Standesamt Steglitz und hatten als Trauzeugen Gustav von Wangenheim und Jürgen von Alten, und der Standesbeamte war ganz geklatscht und fragte: »Wollen Sie nicht bloß ‘Ja’ sagen?«, weil der sich genierte. »Sie haben doch diese Szene sicher im Theater schon so oft gespielt, sagen Sie doch einfach ‘Ja’!« - Ich will damit sagen, daß die Extravaganz, die wir sicherlich genossen, von den Menschen anerkannt wurde.

Damals, 1932, haben wir nie in unserem Block Nazis gesehen, nicht einer hat sich gezeigt. Aber wir sind in einem Lastwagen nach Steglitz gefahren, das war die Hochburg der Nazis. Wir sind da zu einem Lokal, wir haben auch Rabatz gemacht, wir sind ja nicht harmlos gewesen, wir haben da ganz schön ein Liedchen losgelassen, das war aber nicht von so zarten Eltern. Ich weiß heute die Worte genau nicht mehr. Und dann kamen die raus und brüllten, und wir brüllten von unserem Lastwagen runter. Dann fuhren wir wieder weg und klebten nachts als Pärchen in Steglitz so besonders große Plakate, die wir von der Kommunistischen Partei hatten. Ich bin 1931 in die Partei eingetreten, in die kommunistische, und wir haben uns richtig ins Zeug gelegt. Wir waren jung. Wir wollten etwas anstellen. Ich war damals 23 Jahre alt. Diese langweilige Gesellschaft, diese langweilige Welt wollten wir verändern. Wir hatten absolut das Bedürfnis, etwas zu verändern.

Alles, was wir gespielt haben 1931, haben wir in dieser "Truppe 1931" gespielt. Das zweite Stück hieß: "Da liegt der Hund begraben". Es war ein wenig die Geschichte davon, was der Adel eigentlich nützt. Es war natürlich von Gustav von Wangenheim etwas beeinflußt. Er hat das Stück etwas umgearbeitet für die "Truppe". In der "Truppe" war ein so wunderbarer Mann wie Hans Meyer-Hanno, der dann schrecklich umgekommen ist durch die Nazis. Dann hat Heinrich Greif mitgespielt und Inge Franke, die später die Frau von Wangenheim wurde, und die Charlotte Jacoby. Im ganzen waren wir zwölf Menschen. Die zwölf hielten zusammen, davon war auch eine in der SPD. Das machte garnichts, hat überhaupt nicht gestört. Wir haben zusammen gearbeitet, und unser Musiker war Stefan Wolpe (1902-1972, Komponist, später Prof. Hochschule „Hanns Eisler“ Anm.d.R.), der nachher in Amerika ein großer Musiker geworden ist. Bühnenbildner waren wir selber. Der Theo Otto hat uns immer geholfen. Aus Pappe und Papier haben wir die Bühnenbilder gemacht.

Wir spielten hauptsächlich im "Kleinen Theater" Unter den Linden, das gehörte Herrn Treuger. Vorher spielten da Schnulzen. Endlich wurde das Theater literarisch und kam in die Presse. Wir brauchten darum nur wenig zu zahlen. Der Püßberg von IG-Farben, den wir mächtig angriffen in dem Stück, der saß mit seiner ganzen Kolonne in der ersten Reihe und wollte das mal sehen und amüsierte sich dabei, denn es war ja gescheit gemacht. - Ich wollte damit nur erzählen, wie wir waren und was wir gemacht haben. Und das haben dann mein Mann und ich in unserem ganzen Leben fortgesetzt.

Und dann kam diese schreckliche Geschichte, daß an diesem 15. März 1933 diese Razzia war. Wir hatten schon ein bißchen bei meinen Eltern und bei Freunden geschlafen (aus Angst vor Entdeckung bzw. Verfolgung durch die Nazis, Anm. d. R.), aber wir wollten unbedingt auch mal wieder zu Hause sein. Wir kamen von einer großen Tournee, Danzig, Saarbrücken und waren dann in die Schweiz gefahren. Nun kamen wir nach Hause und wollten endlich zuhause sein. Morgens, ganz früh, es war vielleicht 6 Uhr, es war der 15. März, gerade wurde es hell, da brüllte es unten: »Fenster zu, Fenster zu!« Ich guckte runter und sah, da war der ganze Block umstellt von SA-Leuten. Das war nun wirklich nicht sehr schön. Ich wußte schon, das endet nicht gut, aber wir konnten garnichts mehr machen. Es klopfte gleich an die Tür, so ein Gebumse, und zu meiner großen Überraschung: ein SA-Mann davor und ein Polizist, was mich wunderte, und: »Rein, los, los! - Na, außer Büchern hab’n Sie wohl nichts? Na, das sind die Richtigen!« Wir hatten wirklich wenig Möbel, aber reichlich Bücher, und die schmissen sie gleich auf die Erde, und dann sahen sie unter’s Bett, und da lag unsere rote Fahne, und die war mit Hammer und Sichel. Da waren sie ganz glücklich, daß sie das gefunden hatten. »Naja, wir wissen ja, wer hier wohnt!« Und der SA-Mann griff meinen Mann und, ohne daß er noch etwas zu mir sagen konnte, seh’ ich ihn die Treppen runterrutschen. »Na los, steh auf!« - und dann kam der SA-Mann gleich wieder rauf und wollte Keller und Bodenkammer sehen.

Es waren keine Keller da, aber eine Bodenkammer, und ich wußte, daß die KP - es waren ja auch Wahlen gewesen - den ganzen Boden mit Material belegt hatte. Niemand hatte es weggeräumt. »Wir haben keine Bodenkammer, da ist nichts drin, ich hab auch keinen Schlüssel!« Dann bin ich mit dem rauf und hatte unendliches Glück: da war nämlich gleich eine Kammer, und niemand und nichts war drin. Da schubste der mich runter: »Los, los, mitkommen!«, aber der Polizist sagte: »Das mach’ ich schon mit der Frau, geh’n Sie doch lieber woanders hin.« Und dann schmiß er die Wohnungstür zu und sagte drinnen: »Haben Sie denn wenigstens einen Paß?« Da wir in Danzig und so waren, hatte ich einen gültigen Paß. »Stecken Sie den ein und kommen Sie mit! Ich habe einen Haftbefehl, aber den brauchen wir jetzt nicht. Den steck’ ich in die Tasche.« Und dann fragte er noch: »Sie sind doch die Schwester von der Camilla?« - »Ja, ja!« - »Na, dann los doch! Ich bin nämlich hier vom Revier.«

Das war selten, daß ein Polizist vom Revier mitkam. Es war nämlich eine reine SPD-Regierung in diesem Kiez. Das war wirklich ein mutiger Mann, dem ich mein Leben verdanke, der mich durch das Spalier der SA-Leute geführt und gesagt hat: »Ist schon erledigt, ist schon erledigt, die muß zur Probe!« Es war 8 Uhr. Kein Mensch geht um 8 Uhr zur Probe. Ich war glücklich und habe durch meine Freundschaften und Verwandtschaften die Möglichkeit gehabt, abends im Zug nach Zürich auf dem Anhalter Bahnhof zu stehen. Und da war der "Völkische Beobachter", und auf der ersten Seite ein riesiges Bild: »Die intellektuellen Rädelsführer«, wo auf dem Lastwagen sitzen mein Mann, Theo Balk, Zadek und - ich glaube - der Osborn (laut Interview mit Walter Zadek handelt es sich nicht um Osborn sondern um einen "namentlich nicht bekannten Ausländer", Anm. d. R.), ein wirklich guter Musiker.

Ich bin also abgefahren vom Anhalter Bahnhof, habe mir eine Erster-Klasse-Fahrkarte gekauft - ich war ja eine reiche Frau -und sah mir die Zeitung an, als ginge sie mich nichts an und zitterte und hatte das Gefühl, das wird eine lange Zeit sein, bis ich Deutschland wiedersehe. Ich hatte noch mit Freunden aus der "Truppe" gesprochen, denn ich wollte nur nach Rahnsdorf bei Berlin, mich dort verstecken, um dazubleiben für meinen Mann und erstmal zu sehen, was draus wird. Aber die sagten: »Nein, nein! Wenn ein Haftbefehl läuft, und die Leute kennen dich, sehen dich, und zeigen dich an? - Das hat gar keinen Zweck.« Und da ich wirklich Freunde gefunden hatte in der Schweiz, dachte ich, wenn, dann weit, dann in die Schweiz! Das waren wohlhabende Leute, die könnten dann, wenn’s möglich ist, auch meinen Mann mit aufnehmen. So hab’ ich es gemacht und bin in die Schweiz.

Und mein Mann ist in den Keller gekommen am Alexanderplatz. Und in der ganzen Nacht, die dann kam - es war dunkel im Keller, sie wußten nicht, welche Uhrzeit es war - wurde immer jemand rausgeholt und kam dann zerschlagen wieder zurück. Die Menschen kannten Günter vom Theater her und haben sich immer vor ihn gestellt,daß er nicht rausgeholt und geschlagen würde. Nach etwa anderthalb Tagen kam er in Einzelhaft in Moabit. Es hat niemand mit ihm gesprochen, keiner wollte etwas von ihm wissen. Er war verzweifelt, er bekam keine Post, rein garnichts. Ein Schweizer aus unserer "Truppe" besuchte mich in Zürich und sagte mir, daß Günter in Moabit ist. Natürlich habe ich versucht, zu schreiben, aber er hat nie ein Wort bekommen. Nur ein einziges Mal wurde ein Paket abgegeben, in dem ein anderer Anzug und Wäsche war, aber kein Zettel, kein Brief, nichts dabei. Um nicht verrückt zu werden, hat er jeden Tag die Zelle, so drei mal zwei Meter, durchgangen. Er hat später erzählt: »Weißt du, was ich gemacht habe? Ich bin richtig die Treppe runter zum Bahnhof Heidelberger Platz (oder Breitenbachplatz?) gegangen, bin mit der U-Bahn bis Thielplatz gefahren, und dann hab’ ich geamtet den schönen Wald und hab’ die Vögel singen hören. Und dann hab’ ich selbst ein Gedicht aufgesagt, das ich kannte. Ich hab’ mir jeden Tag eingeteilt, was ich jeden Tag machen wollte. Ich hatte kein Schreibzeug, nichts, garnichts, nur mich selbst. Ich durfte nichts machen, wurde allein ausgeführt, alle zwei Tage durfte ich mal hinaus.«

Und eines Tages, ohne daß er je verhört wurde, machte der Wärter nur die Zelle auf und sagte: »Raus! Nehmen Sie Ihre Sachen und gehen Sie nach Haus!« Aber er ging nicht direkt nach Haus, denn das konnte er nicht ertragen, sondern zu seinen Eltern. Aber vorher war er in der Wohnung und holte seinen Paß, den er noch hatte. Es war Ende Mai. Er hatte etwa drei Monate gesessen. Er kam mit dem Paß und mit dem gleichen Zug wie ich völlig unbehelligt nach Zürich. Seine Eltern wurden noch in der Nacht von SA-Leuten geweckt mit Gebumse: »Wo ist Ihr Sohn - der muß doch bei Ihnen sein!« Der wußte doch, daß er in Schutzhaft ist. Er sollte nur seine Sachen holen. Es kann doch nicht sein, daß man ihm das nicht gesagt hat!

So sind wir wieder zusammengekommen. Das ist mein Erlebnis mit der Künstlerkolonie.«

(Abschrift vom Tonband durch Elisabeth Kiele)



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