Bonner Straße Nr. 2

Text und Bild mit freundlicher Genehmigung durch Klaus Schütz

Beitrag von Dr. Klaus Schütz, geb. 17. 09. 1926 in Heidelberg, ehem. Bewohner der Künstlerkolonie Berlin in den 60er Jahren und ehem. Reg. Bürgermeister von Berlin (19. 10. 1967 bis 02. 05. 1977).

Künstlerkolonie, das war schon immer eine besondere Adresse. Damals, als wir dort wohnten, ebenso wie davor und wie heute. Wir wohnten im 1. Stock von Bonner Straße Nr.2. Von 1960 bis 1964, nur wenige Jahre also. Aber für meine Frau und mich war es doch eine Zeit, an die wir uns besonders gern erinnern.

Und was für eine Erinnerung? Unsere Kinder: Sebastian wurde im November 1960 geboren, Christiane war im Kindergarten der Lindenkirche und ging dann am Rüdesheimer Platz in die Grundschule. Ich war Mitglied des Deutschen Bundestages und später Senator für Bundesangelegenheiten. Und meine Frau mußte das alles so ordnen, daß jeder von uns dann seinen Platz hatte in der Familie.

Selbst in der kurzen Zeit, in der wir dort wohnten, hat sich schon so manches verändert. Gemessen an den späteren Veränderungen waren es sicherlich Kleinigkeiten, aber doch nicht unwichtige. Als wir einzogen, gab es noch eine "Zeitungsbude", genau vor unserer Tür. Da war für manchen von uns eine Gesprächspartnerin mit besonderem Überblick. Oft aber war dort auch der Platz, an dem Mitteilungen für Familienangehörige und andere Verwandte deponiert werden konnten. Eines Tages war dieses Häuschen verschwunden. Uns aber fehlte irgendwie ein fester Punkt, noch für lange Zeit.

Genau vor unserer Haustür gab es noch einen Briefkasten. Eines Tages verschwand auch er. Denn: damals schon hat die Post rationalisiert. Und auch damals ärgerten sich viele darüber.

Einige hielten mich für die richtige Adresse, um sich zu beschweren: Schließlich war ich doch auch Berliner Senator für das Post- und Fernmeldewesen. Nur: das war eine Art Aushängeschild, das die Westmächte gefordert hatten, gestützt auf den Status von Berlin. Aber hinter diesem Schild tat die Bundespost nach deutschem Recht all das, was sie für nötig hielt. Und sie tat es selbstverständlich ohne Berlin zu fragen, wie im übrigen Bundesgebiet auch.

Spätestens, als wir in die Wohnung in der Bonner Straße einzogen, habe ich mehr von dem erfahren, was früher die Künstlerkolonie war. Auch: was im Jahre 1933 geschehen ist. Später habe ich dann interessiert die Erinnerungen von Arthur Koestler gelesen. Wie er dort gelebt (und geliebt) hat, und wer sonst noch dort wohnte. In der Tat: viele Namen bedeutender Künstler. Unter ihnen viele, die nicht vergessen werden dürfen.

Im Abstand von dreißig Jahren verändern sich zwangsläufig die Dimensionen, in denen wir Ereignisse von früher sehen. Aber ich meine, allgemein politisch gesehen waren doch auch die Jahre von 1960 bis 1964 bedeutungsvoll. Nur: seitdem ist auch viel geschehen. Nicht nur in Deutschland und in Berlin. Auch in der Künstlerkolonie und ihrer unmittelbaren Umgebung.

Aber irgendwie bleibt dieses kleine Areal um den Ludwig-Barnay-Platz immer etwas Besonderes. Sicherlich für uns, die wir früher dort gewohnt haben, und wohl auch für die, die heute dort leben. Das hat, zum einen, seinen Grund in der persönlich privaten Erinnerung von vielen. Aber wohl auch darin, daß sich die Künstlerkolonie ihren eigenen Charakter bewahrt hat. In guten und in bitter-bösen Jahren.

KünstlerKolonieKurier Nr. 4

Mehr zur Vita von Klaus Schütz über http://www.luise-berlin.de/Historie/Spitze/zukap5/KlausSchuetz.htm
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