Greift zu, bedient euch
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.
Das Motto für seine letzten Lebensjahre hatte Hans Sahl selbst vorgegeben, damals, 1973, als er sein Gedicht "Wir sind die Letzten" verfaßte. Wie oft wurde es danach zitiert! Wie oft wurde er in den achtziger Jahren plötzlich, endlich wieder befragt und - ausgenutzt, als Zeitzeuge.
Es wurmte ihn; einerseits. Er wollte am Kulturleben dieses neuen Deutschlands teilnehmen. Mit neuen Stücken, mit Kommentaren zur Zeit, großen Essays zur enthemmten Plappergesellschaft dieser Talkshow-Ära, in der einer, der nachdenkt, bevor er redet, bestenfalls als Ouerulant gilt, mit Abrechnungen über die Intoleranz - jene Intoleranz der Intellektuellen, der Parteischreiber, einer Linken, die zu gläubig war für Utopien, die den Menschen außer acht ließen.
Natürlich schmeichelte ihm die späte Aufmerksamkeit. Doch der Wunsch, noch einmal dreißig zu sein, gefeiertes Talent mit großer, ungekannter Zukunft, schreiben, polemisiren zu können, wirklich Einfluß zu haben - dieser Wunsch blieb bis zuletzt. Er gehörte zum berühmten Jahrgang 1902. 1933 war er schon anerkannt als Kritiker inn Publikationen wie "Das Tagebuch", "Montag Morgen" oder dem "Berliner Börsen-Courier". Er lebte im Berlin der "Roaring-Twenties", jener kulturellen Blütezeit, deren Ende das leise Wandern ins Dritte Reich, wie Tucholsky sagte, begann.
Die Hurrajubler waren damals begeistert von den theatralischen Inszenierunder Nazis; die Hinausgeworfenen wollten nur an einen vorüberziehenden Spuk glauben. Wenige machten sich ernsthaft Gedanken über das wirksame Spiel der Nazis mit den Trieben des Menschen.
Dann begannen die hilflosen, ungehörten Debatten an den Literatentischen, draußen im Exil. In Zürich, in Prag, in Paris, in Amsterdam. Auch Sahl kannte sich aus. Saß nächtelang mit den Geflüchteten zusammen. Blieb so ratlos wie sie. Im April 1938 notierte Klaus Mann in seinem Tagebuch : "Der Sahl zu Tisch. Lange Unterhaltungen über amerikanische Possibilitäten... Was soll man den ratlosen Menschen raten?" - "Alle Menschen, die es ehrlich meinen, sind ratlos", schrieb Sahl in seinem großen Exilroman "Die Wenigen und die Vielen".
1937 - der Bruch mit der Partei. Mitglied war er nie gewesen, aber Sympathisant, natürllich. Wie das in jener Entweder-Oder-Zeit nun mal üblich war. Für einen Linken gab's zumeist nur diese Wahl. Als Vorstandsmitglied im "Schutzverband deutscher Schriftsteller im Exil" erhob Sahl seine Stimme gegen die parteihörigen Kollegen Becher, Kantorowicz, Kisch, Leonhard, Marchwitza, Seghers, Uhse. Er entschied sich gegen die (lebensgefährliche) Ausgrenzung von Leopold Schwarzschild und gab seine Unterschrift nicht unter eine perfide Erklärung gegen ihn.
Im Nu stand er außen vor. Nun selbst bedroht durch Intrigen. Nun selbst verleumded als Verräter. Nun selbst nicht mehr mit Parteivergünstigungen bedacht, die damals, in der Armut des Exils, überlebenswichtig sein konnten. Und? Eine Last fiel von ihm, er hatte nicht der Feigheit und Herzensträgheit nachgegeben. In seinen Erinnerungen schreibt Sahl: "Ich war meinem Gewissen gefolgt. Ich hatte getan, was ich mir schuldig war. Eins mit mir selber. Ich sah Paris mit anderen Augen, ich war wieder frei, ein Mensch wie jeder andere."
Der letzte Glaube war zerstoben, die letzte Sicherheit gewonnen. Allein auf sich selbst gestellt, gab es nun keine Entschuldigungen. Sahl wurde Schriftsteller. Internierung in Frankreich, Flucht über den Atlantik, mühsames Überleben - von einem Job zum anderen in New York.
Ihm blieb die Rolle des Kulturmittlers zwischen den Welten. In den fünfziger Jahren verfaßte er Kulturberichte für die Heimat, kam mit Übersetzungen bekannter amerikanischer Bühnenautoren zu Geld. Und erinnerte in seinen eigenen Arbeiten immer wieder an die untergegnngene deutsche Epoche zwischen den Kriegen, diese weithin strahlende Ära, an deren Ende sie sich als Gescheiterte betrachten mußten. Bescheiden müsse man sich nun.
Unermüdlich schrieb er Nachrufe. Er blieb als einer der Letzten und wollte, nun endlich, Zeugnis ablegen. Wurde auf einmal tatsächlich bekannt mit dem ersten Band seiner Erinnerungen, einer geschickten Zusammenfassung seiner publizistischen Tätigkeit über die Jahrzehnte hinweg. Gedankensplitter, Erinnerungsfetzen, Bilder des Menschen: zu einem Mosaik gefügt. Aber längst nicht so einheitlich und durchdrungen wie sein Roman "Die Wenigen und die Vielen".
"Erfolg ist Mißverständnis", hatte Tucholsky geschrieben. Das galt nun auch für Sahl.Für ein paar Auftritte kam er ins Rampenlicht der Nachgeborenen. Er wurde gedruckt, seit 1990 endlich auch in einem Verlag. Allerlei wurde nun nach und nach publiziert, was in der Vergangenheit in den Schubladen liegen geblieben war. Aber Hans Sahl schüttelte doch immer wieder seinen Kopf über die Fahrigkeit der Nachgeborenen. Er hielt die Mißachtung des Worts, das Zerreden von Tatsachen für einen späten Sieg Hitlers. Befriedigt registrierte er, daß sein Werk im Literaturarchiv in Marbach bereits in Pappschachteln lag, in "Grabschatullen der Literatur", aufbereitet für die Nachwelt. Er war anerkannt. Und ein wenig Eitelkeit war da natürlich auch im Spiel.
In einem Leseraum ließ sich Hans Sahl von seiner Frau Fundstücke geben, Lebensschnipsel. Sie las ihm vor aus den Dokumenten, er kramte in seinen Erinnerungen. Hatte immer noch vieles parat, nach fünfzig, sechzig Jahren noch. Seine Frau wunderte sich über seine Einfälle, er strahlte, wie er sich nun noch einmal alles vor die schwach werdenden Augen hielt.
Sein Theaterstück "Rubinstein" wurde endlich, im Oktober 1991, in Tübingen aufgeführt und fiel bei der Kritik durch. Er wollte noch mehr in aktuellen Debatten eingreifen. Verfaßte den einen oder anderen Artikel, mischte sich mit Leserbriefen in den großen Magazinen ein.
Hans Sahl konnte sich bis zuletzt nicht abfinden mit der Denkfaulheit des Menschen. Doch obwohl er allerlei von den korrupten Vernetzungen einer Informationsmaschinerie wußte, durchschaute er die wahren Verhältnisse zu wenig. "Ich kenn mich ja nicht aus", sagte er dann hilflos. Und wieder blieb er der Einzelgänger. Er war einer der Letzten aus einer verangenen Welt, aus dem jüdischen Berlin, das noch Ironie und Selbstironie kannte, Witz und Schlagfertigkeit, die Lust an der Debatte und die Anerkennung der Persönlichkeit. Die Zeit zur Muße und den unbändigen Glauben an das Wort. Wirkliche Verantwortung für das eigene Tun und Denken. Grundsätze, die in dieser bleiernen Zeit nach und nach verlorengegangen sind. Zurückgekehrt in das Land seiner Vertreibung, blieb er der Rolle des Beobachters treu.
"Eigentlich", sagte Hans Sahl einmal, "eigentlich müßten die Menschen sich jetzt zusammenkauern wie Tiere vor einer großen Gefahr." Das Gegenteil ist der Fall. Hans Sahls aufmunterndes, neugieriges, fragendes und immer ganz heiteres "Na, mein Lieber?!" zu jeder Begrüßung fehlt nun. Ein paar sehr schöne Gedichte bleiben im Ohr. Die Bücher stehen im Regal. Und vielleicht gibt es doch die Wenigen", die sein Denken weitertragen helfen.