Wo Regler wohnte:
Berlins Kolonie für Künstler

Text mit freundlicher Genehmigung durch die Autorin Kirsten Müller
Foto mit freundlicher Genehmigung durch die Arbeitsstelle für Regler-Forschung im KünstlerKolonieKurier Nr. 5
Gustav Regler&Marielouise Vogeler
Gustav Regler & Marielouise Vogeler
Ein Lebensabschnitt in Berlin
Foto: Arbeitsstelle für Regler-Forschung
"Es waren billige Wohnungen, und doch bezahlte kaum einer seine Miete, weder die Gehälter noch die sogenannten Einkünfte der freien Berufe reichten aus. In den meisten Behausungen lag nur eine Matratze am Boden. Die Künstler aßen von Seifenkisten, über die sie Zeitungen gebreitet hatten, keiner verhungerte, man half sich gegenseitig und wanderte von Wohnung zu Wohnung, man roch wo einer Arbeit gehabt und etwas Speck und Käse zu finden war." Gustav Regler skizziert das Leben in der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) in Berlin-Wilmersdorf - das Leben damals, als die Katastrophe ihren Anfang nahm.

Nicht nur Arbeitslosigkeit und Hunger hatten das Zusammenrücken in der Künstlerkolonie zum Ende der Weimarer Republik befördert. Während rund um die Kolonie in Wilmersdorf und Steglitz die schwarz-weiß-roten Fahnen im politischen Sturm sich drehten, waren die Anschauungen der hier lebenden Künstler durch andere Farben vertreten: rot und schwarz-rot-gold. Kein Wunder, daß die Braunhemden die Andersdenkenden nicht mochten. Sie überfielen Kolonisten auf dem Weg zur U-Bahn, beleidigten sie, schlugen sie zusammen. Motorrad-Patrouillen zeigten nationalsozialistische Präsenz auf den Straßen, bis ab Juli '32 eine Selbstschutzorganisation (Axel Eggebrecht) der Künstler den Weg zwischen U-Bahn und Siedlung schlagkräftig absicherte.

Den "Roten Block" nannten SA und ihre Anhänger die Künstlerkolonie, in der damals viele Künstler, Politiker und Journalisten lebten: Johannes R. Becher, Ernst Bloch, Axel Eggebrecht, Walter Hasenclever, Alfred Kantorowicz, Arthur Koestler, Walter Mehring, um nur ein paar zu nennen. Die Namensgebung durch die Braunen trifft die politische Wetterlage in der Kolonie jedoch nur partiell. Denn keineswegs hatten sich hier nur Kommunisten angesiedelt. Zentrumswähler, Sozialdemokraten, parteilich nicht Gebundene lebten hier ebenfalls, spätestens seit dem Wahlsieg der NSDAP im September 1930 in einem dringenden Punkt allerdings einig: der Feind steht rechts. Das für die Zeit untypische antifaschistische Einvernehmen rund um den Laubenheimer Platz ist umso bemerkenswerter, als die Künstlerkolonie keineswegs aus einem einig Völkchen mit gemeinsamem künstlerischem Konzept bestand, sondern ein außergewöhnliches Kapitel des sozialen Wohnungsbaus darstellte. Ziemlich genau vor 70 Jahren, 1927, hatten Bühnengenossenschaft und Schriftstellerverband die Gemeinnützige Heimstätten-Gesellschaft (die heutige GEHAG) gegründet, die den Bau der Künstlerkolonie mit Hilfe städtischer Subventionen realisierte.

Der Feind stand rechts

Durchlässig gestaltete Innenhöfe, eine Parkanlage und Gemeinschaftsküchen sollten zusätzlich ein Verbundenheitsgefühl unter den Nachbarn befördern. Was durch Architektur angestrebt war, wurde durch Politik eingelöst. Solidarischer Widerstand sowohl gegen die Nazis als auch gegen die wenigen Versuche von Zwangsräumungen nichtbezahlter Wohnungen prägten das Zusammenleben hier zu Anfang der 30er Jahre.

Das Leben hier war in Gruppen organisiert, viele kannten einander nicht, selbst wenn sie Tür an Tür lebten. "Es ging das Gerücht, daß unser Block als Festung organisiert sei. In Wirklichkeit hätte ein Unteroffizier mit vier Mann jede Wohnung ausheben können", schreibt Regler.

Von 1929, als die ersten Wohnungen fertiggestellt waren, bis Ende Februar 1933 lebte Regler hier, und als Organisationsleiter der Künstlerzelle der Kommunistischen Partei hatte er wohl die Oberaufsicht über die Herstellung antifaschistischer Flugblätter, über die Zeichnung kommunistischer Parolen auf die Bürgersteige und die Absicherung der Vorgänge durch Wachposten. Nicht zuletzt seine Arbeit rief die Großrazzia der Nazis nach dem Reichstagsbrand im März '33 auf den Plan. Da allerdings war Regler schon nicht mehr hier. In seiner Autobiographie "Das Ohr des Malchus" sind dem Ort nur wenige Seiten gewidmet. Regler scheint es mulmig zumute, wenn er sich an seine rote Vergangenheit erinnert. Aus jedem zweiten Satz springt einem sein Bedürfnis nach Rechtfertigung an, so etwa wenn er sich seiner damaligen Naivität anklagt.

Regler hätte mit mehr Stolz an jene Jahre in Berlin zurückdenken dürfen, an jene Jahre, als in der Künstlerkolonie Konsens darüber herrschte, wo der Feind steht. Axel Eggebrecht hat es getan: "...dennoch wage ich die Vermutung, daß unser "Roter Block" ein Beispiel dafür gab, wie das braune Unheil möglicherweise hätte abgewendet werden können. Mich erfüllt immer noch ein, wie ich meine, berechtigter Stolz darauf, daß wir in der Kolonie, wenige hundert Verschworene, standhielten bis zuletzt." (Eggebrecht: Der halbe Weg) Also durchaus ein Anlaß, sich an ein kleines, aber tröstliches Kapitel in der deutschen Geschichte zu erinnern.

KIRSTEN MÜLLER
KünstlerKolonieKurier Nr. 5 (August 1998)


Stichpunkte zur Biografie:

Gustav Regler und seine Pseudonyme Thomas Michael, Thomas Michel, Gustav Saarländer, geb. 25. 5. 1898 in Merzig im Saarland, gest. am 14. 4. 1963 während einer Reise in Neu Dehli. Vater Buchhändler, 1916 Abitur, danach Kriegsfreiwilliger, 1917 schwer verwundet, ab 1918 Studium (Germanistik) in Heidelberg und München, während der Novemberrevolution und der Münchner Räterepublik immer dabei, 1923 Promotion bei Friedrich Gundolf mit einer Arbeit über Goethe, Heirat, Arbeit im Konzern seines Schwiegervaters, dann Direktor einer Wäschefabrik, Scheidung, 1928 Übersiedelung nach Berlin in die Künstlerkolonie, Verbindung mit Marielouise Vogeler, Eintritt in die KPD, Parteifunktionär, nach dem Reichstagsbrand 1933 Flucht ins Saarland, dann nach Paris, politische Arbeit im Saarland (Saar-Abstimmung), 1934-37 Delegierter der internationalen Schriftstellerkongresse in Moskau, Paris und Madrid, 1936-37 Politkommissar der Internationalen Brigaden in Spanien, dann Paris, 1940 Internierung im Lager Le Vernet, Bruch mit der KPD, 1940 Emigration über die USA nach Mexico, dort Vorstandsmitglied der Liga für deutsche Kultur, 1942 offizieller Austritt aus der KPD, von Mexiko aus Veröffentlichungen über den Stalinismus. Regler über sich selbst in seinem autobiographischen Roman "Das Ohr des Malchus" (1958).
[nach: Lexikon sozialistischer Literatur. Ihre Geschichte in Deutschland bis 1945, Metzler-Verlag 1994; dort auch Ausführliches zu Reglers Gesamtwerk]

Weiteres Material zu Regler finden Sie im Internetz unter


Berichte über NS-Aktionen in der Künstlerkolonie 1932/33 und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie unter KüKo AKTUELL

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