Zitty Nr. 12/89

Autoren als Zeitzeugen

In der kleinen literarischen Reihe "Autoren als Zeitzeugen" im 3. Fernsehprogramm des SFB werden Schriftsteller vorgestellt, die über ein bestimmtes Kapitel deutscher Geschichte berichten, das ihr Leben maßgeblich beeinflußte.

Die von Bernd Schauer redaktionell betreute Reihe begann 1988 mit einem Film vori Karin Reiss über Ödön von Horvath. Es folgten Berichte über Harry Mulisch, Stefan Heym (Marlinde Krebs) und Tankred Dorst. Im Mittelpunkt dieses Jahres stehen Ernst Toller, Siegfried Kracauer und Walter Benjamin.

Am 4. Juni 1989 wird der einzige Film über eine Frau gezeigt: Dieser Ansturm von Welt: Die Schriftstellerin Dinah Nelken. Es ist ein ausgezeichnet recherchierter Film, ein emotionaler, ein persönlicher Film, dessen besonderer Reiz in der Komposition historischer Bilder mit Filmausschnitten und Interviews liegt. Der Autor: Hasso Bräuer.

Es ist ein informativer Film, der Sympathien weckt und neugierig auf das literarische Werk einer Schriftstellerin macht, die in der Bundesrepublik erst in den 80er Jahren wiederentdeckt wurde.

Dinah Nelken war unbequem, Partisanin, Sozialistin, Antitaschistin. Engagiert und emanzipiert. Von hugenottischer Abstammung, am 16. Mai 1900 in Berlin geboren. Mit 17 Jahren Heirat, mit 19 Jahren Scheidung, dann alleinerziehende Mutter.

In den frühen 20er Jahren begann ihre Karriere als Journalistin und Schriftstellerin. Der erste Romanerfolg, die in Collage-Form geschriebene Liebesgeschichte "Ich an Dich". Sie nahm an politischen Arbeitskreisen teil und gründete zusammen mit ihrem Bruder Rolf Gero das politische Kabarett "Die Unmöglichen" (hier hatte Werner Finck sein Debüt).

Der Film "Dieser Ansturm von Welt" zeigt eine unprätentiöse alte Dame. Wie nebensächlich erzählt Dinah Nelken über Höhen und Tiefen, über dramatische Stationen ihres Lebens, die Flucht vor den Nazis, die Exiljahre, erst in Wien, dann auf der jugoslawischen Inse Korcula, schließlich in Rom. Sie erzähit über Arbeitsverbot und die Tatsache, daß ihr literarisches Werk in der Bundesrepublik nach dem 2. Weltkrieg weitgehend ignoriert wurde. Im Gegensatz zur DDR. Dort erschienen ihre Romane, dort war sie eine humane und gesellschaftskritische Autorin, eine legitime Nachfahrin Theodor Fontanes.

Ihr bedeutendstes Werk, der Roman "Das angstvolle Heldenleben einer gewissen Fleur Lafontaine" wurde 1976 vom Fernsehen der DDR verfilmt mit Angelika Domröse, damals noch drüben, als Fleur.

Bis zu ihrem Tode war diese außergewöhnliche Frau Dinah Nelken politisch aktiv und arbeitete hauptsächlich für die Initiative 'Künstler für den Frieden'. Über ihr Leben resümierend stellt sie am Ende des Films fest: "Na ja, das war schon alles ganz ordentlich..."

M.M.
Sendung am 6. Juni 1989 um 19.15 Uhr in Nord III (SFB)
Adresse von Hasso Bräuer im Privatarchiv


Presseberichte: (teilweise noch in Arbeit)
  1. "Die Wahrheit" 15.5.1980: Politik und Liebe - Ein Jahrhundert und seine Menschen (in Arbeit)
  2. Frankfurter Rundschau 16.5.1980: Politik und Liebe (in Arbeit)
  3. "Die Wahrheit" 22.8.1981: Wir müssen uns wehren - wir werden uns wehren (Brief Dinah Nelkens an die Kulturschaffenden)
  4. "Die Wahrheit" 25.5.1985: Dinah Nelkens "addio amore" jetzt als Taschenbuch - ihre Hauptwerke erreichen eine breite Leserschaft (in Arbeit)
  5. "Emma" 8/87: Addio Amore (in Arbeit)
  6. "Die Wahrheit", 28./29.1.1989: Vom schweren Leben der Dinah N. (in Arbeit)
  7. "Die Wahrheit", 6.6.1989: Leben und Zeit
  8. Zitty Nr. 12/89: Autoren als Zeitzeugen (diese Datei)

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