Die Wahrheit 22.8.81
mit freundlicher Genehmigung durch den Verlag DIE WAHRHEIT

Wir müssen uns wehren - wir werden uns wehren

Wortlaut des Briefes Dinah Nelkens an die Kulturschaffenden

(DW) Die Westberliner Schriftstellerin Dinah Nelken hat sich, wie "Die Wahrheit" bereits gestern berichtete, in einem eindringlichen Brief an die Kunstschaffenden gewandt, in dem sie zum Kampf für den Frieden auffordert. Hier der Wortlaut des Schreibens:

Liebe Kollegen, in diesen Jahrestagen des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki hat Präsident Reagan den Bau der Neutronenwaffe bewilligt und verkündet. Der seit langem von Hunderttausenden geführte Kampf hat also nicht genügt, der Frieden ist stärker denn je in Gefahr, trotz unzähliger Friedensinitiaven wie dem Friedensmarsch der Frauen, dem Zusammenschluß von über hundert Organisationen zu Demonstratìonen, bei denen fünfzigtausend und mehr Menschen ihre Angst vor einem dritten, dem letzten Krieg und ihrem unabringbaren Willen zum Frieden bezeugt haben.

Es gilt also weiter und mit noch stärkerern persönlichen Einsatz zu kämpfen. Denn wir, die wir gelernt haben, auf Menschen einzuwirken mit unseren Mitteln, denen der Kunst, wir, die wir mit unseren Namen für die Ehrlichkeit unserer Bemühungen bürgen, wir, die mittels der Medien und Presse die Öffentlichkeit erreichen können, wir haben die Pflicht, diese Öffentlichkeit immer wieder zum Kampf gegen den Krieg und für den Frieden aufzurufen. Besonders auch unsere Berufsorganisationen und Verbände, deren Sache es ist, für unsere Sache einzustehen: Wie sollen wir mit unseren Schriften, mit unseren Bildern, unserer Musik in Gegenwart und Zukunft wirken, wenn es diese Zukunft nicht gibt? Und wo sollen wir schreiben und malen und zu neuen Erkenntnissen neuer Zeiten gelangen? In Gräbern, aus Gräbern?

Nein, wir müssen versuchen, die Welt zu erhalten, indem wir den Frieden erhalten. Für ihn müssen wir kämpfen, für ihn und für unser gutes Gewissen. Oder sollen wir uns später von unseren Kindern und Enkeln fragen lassen - falls noch jemand zum Fragen da ist! -, warum wir uns nicht gewehrt haben, als Präsident Reagan eine Waffe baute, die von der Menschheit in ihrem - doch wohl deutschen - Umkreis nichts überleben ließe als ihre vermutlich dann recht überflüssigen Behausungen.

Wir müssen uns wehren! Wir werden uns wehren. Und es soll uns eine Ehre sein, mit unseren Mitteln der Kunst, der friedlichsten Waffe der Welt, zu kämpfen. Für die beste Sache der Welt, den Frieden. Damit rufe ich alle Freunde und Kollegen.

Dinah Nelken

Für Anregungen und Vorschläge an die Initiative "Künstler für den Frieden" wäre ich Ihnen dankbar, und unterstützen Sie bitte, wenn Sie es noch nicht getan haben, die beiliegende Friedenserklärung der Initiative mit Ihrer Unterschrift.

Initiative "Künstler fúr den Frieden" - Sieglindestraße 4, 1000 Berlin 41


Presseberichte: (teilweise noch in Arbeit)
  1. "Die Wahrheit" 15.5.1980: Politik und Liebe - Ein Jahrhundert und seine Menschen (in Arbeit)
  2. Frankfurter Rundschau 16.5.1980: Politik und Liebe (in Arbeit)
  3. "Die Wahrheit" 22.8.1981: Wir müssen uns wehren - wir werden uns wehren (diese Datei)
  4. "Die Wahrheit" 25.5.1985: Dinah Nelkens "addio amore" jetzt als Taschenbuch - ihre Hauptwerke erreichen eine breite Leserschaft (in Arbeit)
  5. "Emma" 8/87: Addio Amore (in Arbeit)
  6. "Die Wahrheit", 28./29.1.1989: Vom schweren Leben der Dinah N. (in Arbeit)
  7. "Die Wahrheit", 6.6.1989: Leben und Zeit
  8. Zitty Nr. 12/89: Autoren als Zeitzeugen

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