DINAH NELKEN stammt väterlicherseits aus einer alten Berliner Handwerkerfamilie, mütterlicherseits von vertriebenen Hugenotten, die in Berlin seßhaft wurden. Der Vater war Schauspieler. Dinah Nelken besuchte ein Lyzeum, bildete sich autodidaktisch weiter. In Berlin hat sie in den zwanziger Jahren auch ihre ersten Erfolge mit Kurzgeschichten und Feuilletons für die Berliner Presse, Texten für ihr politisch-literarisches Kabarett "Die Unmöglichen" (1927, siehe weiter unten), später mit Novellen, Feuilletons, Romanen, Filmstoffen und Drebbüchern. Ende der zwanziger Jahre zog sie in die Künstlerkolonie und schreibt dort 1932 ihren berühmt gewordenen Roman "Eineinhalb Zimmer Wohnung" unter dem Pseudonym (Mädchennamen) Bernhardine Schneider (vermutlich aus Angst vor faschistischer Verfolgung). Der Roman handelt von ihrer Wohnung in der Künstlerkolonie (anderthalb Zimmer ist dort die häufigste Art der Wohnungen, sämtliche Wohnungen haben jeweils ein zusätzliches halbes Zimmer). Die geschilderten Personen sind reale Personen, tragen aber andere Namen. 1936 wegen ihrer konsequent antifaschistischen Haltung freiwillige Emigration (mit ihrem Lebensgefährten und späteren Mann) Ohlenmacher nach Wien, wo sie zahlreiche Filmdrehbücher schrieb. In Zusammenarbeit mit ihrem Bruder, dem Maler Rolf Gero erscheint der heiter-ernste Briefroman "Ich an Dich" (Hamburg 1936, Gustav Weise Verlag Berlin 1938), der 1947 auch in italienisch unter dem Titel: "Io a te" erschienen ist (Edizioni d'Arte, Firenze), ein Roman in Briefen, verfilmt als "Eine Frau wie du", ein Buch, das wohl von den meisten Liebenden gelesen wurde. Auflage bisher eine halbe Million, Neuauflage in der achtziger Jahren im Bertlesmann Lesering. In Art einer losen Fortsetzung erschien das Tagebuch "ich an mich" (1952, verfilmt als Tagebuch einer Verliebten.
Nach der Annexion Österreichs durch die Hitler-Truppen Flucht auf die dalmatinische Insel Korcula (Jugoslawien), die seit 1941 von italienischen Truppen besetzt war. 1943 gelang es ihr, die Insel zu verlassen, sie ging nach Italien, wohnte zunächst in Arona am Lago Maggiore, bis Hitlertruppen nach dem Sturz Mussolinis in Nord- und Mittelitalien einmarschierten. Floh nach Mailand, einige Wochen später nach Rom (illegaler Aufenthalt während der deutschen Besetzung), wo sie sich verstecken konnte, bis 7 Monate später die Alliierten kamen. Arbeit beim Verleger Mondadori. 1950 Rückkehr mit ihrem Mann nach Berlin-West. Zwei Bücher als Frucht der Emigrationsjahre: "Geständnis einer Leidenschaft" (1954) und "Addio amore..." (1957). Ergebnis des siebenjährigen Italienaufenthaltes ist der dokumentarisch mit Fotos belegte Roman "ohne Schminke" über Glanz und Elend Italiens. Als ihr wichtigstes Werk gilt der Roman "Spring über deinen Schatten, spring!" (1954, Neufassung 1962 unter dem Titel "Geständnis einer Leidenschaft", der die eigenem Erleben nachgezeichnete Entwicklung eines bürgerlichen Menschen in Auseinandersetzung mit dem Faschismus zeigt. In dem Roman "Von ganzem Herzen" (1964/65) werden ironisch-distanziert die Abenteuer einer westdeutschen Reisegesellschaft in Italien unter ständigem kritischen Bezug auf die Wirtschaftswunderideologie geschildert. Der im Berlin der 20er Jahre spielende Familienroman "Das angstvolle Heldenleben einer gewissen Fleur Lafontaine" (1971) schildert den Weg einer jungen Frau aus kleinbürgerlichen Verhältnissen zur politischen Erkenntnis vor dem Hintergrund des Talmiglanzes und der Klassenauseinandersetzungen jener Zeit, auch dieses Alterswerk zeigt unvermindert den kritischen Scharfblick sowie das amüsant-freche Erzähltalent der Autorin. 1977 schreibt sie den Roman "Die ganze Zeit meines Lebens". In den Siebziger- und Achtzigerjahren starkes Engagement für die Initiative "Künstler für den Frieden". Sie ist vor allem als unterhaltsame Erzählerin bekannt geworden, ihre gesellschaftskritische und antifaschistische Haltung prägen vor allem ihre jüngeren Werke. Sie war auch Film-, Fernseh- und Funkautorin, schrieb Essays und Lyrik.
Sie erhielt zahlreiche Preise, u.a. Viktor Scheffel (1920), P.E.N. (1954), Literatur-Preis des Kulturministers der DDR (1954).
Was noch nicht nachgewiesen ist, aber vermutet werden kann: In den Sechzigerjahren schrieb sie Feuilletonistisches, so z.B. in der Berliner Morgenpost vom 23./24. Mai 1963: Dienen lerne beizeiten das Weib nach seiner Bestimmung...? In ihrem Buch Ich an Dich aus ihrem eigenen Besitz lag dieser Zeitungsartikel bei, Stil und Inhalt weisen auf Dinah Nelken hin, es ist gibt kaum eine andere Begründung dafür, warum dieser Zeitungsartikel beilag, dies wäre jedoch eine Aufgabe für Literaturwissenschaftler, es ausfindig zu machen. Buchausgabe und Zeitungsartikel sind im Archiv der KünstlerkKolonie Berlin e.V.)
Werke:
Die Erwachenden (Roman, 1925), Eineinhalb Zimmer Wohnung (Roman aus der Künstlerkolonie, 1932 und Leipzig 1933), Ich an dich (Roman, Hamburg 1936, 1938, verfilmt unter dem Titel Eine Frau wie du 1939, neu: 1965), Ich an mich, ein Tagebuch (Roman, 1951, verfilmt 1952 als Tagebuch einer Verliebten, Caprifuoco (Caprifucco) (Hörspiel 1959, als Fernsehspiel 1959/60: Engel küssen keine fremden Herren, Bühnenfassung unter dem Titel: Der Engel mit dem Schießgewehr), Spring über deinen Schatten, spring! (Roman, Berlin DDR 1954, neu unter dem Titel: Geständnis einer Leidenschaft (Berlin DDR 1955, 1962, Frankfurt/M. 1983), Addio amore (Roman, Berlin DDR 1957, Berlin-West 1959, 1985), Von ganzem Herzen, ein heiter-ironischer Roman (Berlin DDR 1964, 1981, Frankfurt/M. 1983) Das angstvolle Heldenleben einer gewissen Fleur Lafontaine (Roman, Berlin DDR 1971, Berlin-West 1971, Frankfurt/M. 1983), Die ganze Zeit meines Lebens, Geschichten, Gedichte, Berichte (Berlin DDR 1977/78, Frankfurt/M. 1983), Lyrischer Lebenslauf einer dichtenden Dame (Roman, 1988)
Weitere Filmdrehbücher: Das Abenteuer geht weiter, Stärker als Paragraphe, Mutter, Der junge Graf, Hilde Petersen postlagerndLiebe ohne Illusion, Corinna Schmidt, 1953 (nach Th. Fontane: Frau
Jenny Treibel, Fleur Lafontaine.
(Quellen: Literatur-Kürschner 1988, Berliner Autoren-Stadtbuch, Akademie der Künste Band 17, Berlin 1985, Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller, Scripter-Verlag 1974)
Zum Kabarett "Die Unmöglichen":
Literarisch-politisches Kabarett in Berlin, eröffnet am 13.4.1928 von Rolf Gero, seiner Schwester Dinah Nelken und dem Journalisten Paul Markus (Pam) im "Topp-Keller", dem Vereinslokal eines "Ringvereins", Schwerinstraße. Regie führte Axel Arheus. Darsteller: WowgliSussmann, Ernst Morgan, die Gründer und - später - Georgia Lind und Werner Finck, der einzige Schauspieler des Ensembles. Nach ihrer behördlichen Exmittierung aus dem "Topp-Keller" übersiedelten sie in einen Theatersaal in der Lutherstraße 31, wo ihnen im November 1928 mit noch schärferen Programm das "Anti" folgte. - "Die Unmöglichen" waren scharf, witzig, unkonventionell, spielten ohne Gagen und gehörten (wie das "Anti" und das "Larifari") zu den Vorreitern der Brettlrenaissance, die 1929 in der Gründung der "Katakombe" (Werner Finck) gipfelte.
Presseberichte: (teilweise noch in Arbeit)