Jo Mihaly

Tänzerin, Autorin

Prof. Wolfgang Leonhard machte uns (Künstlerkolonie) bei seinem Besuch Anfang der 90er Jahre aufmerksam auf seine damalige Nachbarin Jo Mihaly (1902-1989), eine schillernde Persönlichkeit, Tänzerin, Schriftstellerin und Politikerin.

Im Februar 2005 machte das Gerhart-Hauptmann-Haus durch die Initiative von Thomas B. Schumann eine Ausstellung im Gerhart-Hauptmann-Haus für diese interessante Persönlichkeit, die wir hier dokumentieren. Leider mußten wir Folgeseiten von Jo Mihaly, die wir von der Tochter Anja Ott zur Verfügung gestellt bekommen hatten mit der Bitte um Veröffentlichung, wieder löschen wegen ungeklärter Urheberrechte seitens der Bayr. Akademie der Wissenschaften.

Im Sommer 2008 gestaltete Thomas B. Schumann eine Dokumentarausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzki (19. Juni bis 03. August 2008), die wir mit der Bitte um Veröffentlichung zugesandt bekamen durch die Tochter Anja Ott und die wir hiermit veröffentlichen.

Wir dokumentieren auch den großen Schauspieler, Regisseur und Ehemann von Jo Mihaly Leonard Steckel mit Dokumenten, Bildern und Fotos der Erbin Anja Ott.


Jo Mihaly hat u.a. auch das heute noch berühmte Kinderbuch "Michael Arpad und sein Kind" geschrieben, das auch ich als Kind begeistert gelesen habe, auch Wolfgang Leonhard hat es als Kind gelesen, seinerzeit: "als junger Pionier in der Künstlerkolonie" und Nachbar von Jo Mihaly. Sie wohnte mit Leonard Steckel in der Künstlerkolonie, eine Gedenktafel ist in Planung für 2009. So haben wir auf Hinweis von Wolfgang Leonhard der Tänzerin, Autorin und Antifaschistin Jo Mihaly nachgeforscht und ihr Buch beschafft, das es heute immer noch (bzw. wieder) gibt.

Red. Holger Münzer


Jo MihalyMihaly, Jo (Elfriede Alice Steckel, geb. Kuhr, Pseudonyme 1933-49: Jaques Michel, J. Josias, Francesco Moletta); Tänzerin, Schriftstellerin, Antifaschistin; geb. 25. Apr. 1902 in Schneidemühl (heute: Pila), Pommern, gest. 29. März 1989 in Seeshaupt (Bayern); 1927 verh. mit Leonard Steckel, Schauspieler und Regisseur, wohnhaft seinerzeit in der Künstlerkolonie; 1933 in die Schweiz geflüchtet; um 1945 gesch.; Tochter: Anja (Anja Ott), geb. 1933, Schauspielerin.

Kurzbiografie: Jo Mihaly begann ihre Ausbildung in klassischem Tanz, sie wurde Mitglied des Haas-Heye-Balletts Berlin. Von 1923-25 machte sie Tourneen in Deutschland, Auftritte in Varietés und im Zirkus. 1926/27 war sie im Engagement am Dreistädte-Theater in Königshütte-Beuthen-Gleiwitz; danach war sie in Berlin, u.a. im Juni 1927 an der Volksbühne als Anführerin der Elfen in Shakespeares Ein Sommernachtstraum (Regie: Fritz Holl). Hier lernte sie Leonard Steckel kennen, der einen der Handwerker spielte und den sie später heiratete. 1928-33 trat sie als Solotänzerin mit eigenen, sozialkritischen pantomimischen "Tanzgeschichten", u.a. "Die Verfolgung der Juden", "Vision eines Krieges", "Blume im Hinterhof". Sie schrieb seit 1927 Gedichte und hatte erste Veröffentlichungen in der Vagabunden-Zeitschrift "Der Kunde" (Gregor Gogs). Politisch engagierte sie sich besonders für die Rechte der Sinti u. Roma. 1931-33 war sie Mitglied der Rote Gewerkschafts-Opposition, der Roten Hilfe und des Freidenkerbundes. Sie lehnte das Angebot der Nazis ab, als "Nationaltänzerin" weiter zu tanzen.

1933 emigrierte sie mit ihrem Mann Leonard Steckel in die Schweiz und lebte in Zürich bis 1949. Zunächst ohne Arbeitsbewilligung, veröffentlichte sie Feuilletons und Artikel unter Pseudonymen in Schweizer Zeitungen, u.a. in den "Basler Nachrichten", "Luzerner Neueste Nachrichten", "Neue Zürcher Zeitung", "St. Galler Tagblatt", "Tages-Anzeiger" Zürich, sowie im Exilblatt "Über die Grenzen". Sie gab Tanz-Solodarbietungen in Zürich (u.a. im April 1935 im Zürcher Volkshaus) und in Paris, hatte Auftritte zusammen mit Ernst Busch. 1934-38 war sie Gründerin und Leiterin der Gruppe "Neuer Chor" Zürich, sie entwickelte mit den vorwiegend Schweizer Mitgliedern pantomimische Szenen und Agitprop-Montagen über soziale Probleme in der Schweiz und die Lage der Exilanten, u.a. die antifaschistische Szenen-Montage "Vorsicht, Kinder!". 1938-39 Teilnahme an illegalen Veranstaltungen der KPD, sie schrieb fünf Pamphlete der "Bundschuh-Flugschriften" sowie drei der Serie "Eltern und Kinder", die illegal in Nazi-Deutschland verteilt werden sollten. Sie organisierte kulturelle Veranstaltungen mit deutschen Flüchtlingen in schweizer Internierungslagern und hatte Kontakt zu Widerstandsgruppen in Deutschland. 1943 wurde sie Mitgründerin und Vorsitzende der Kulturgesellschaft der Emigranten innerhalb der israelischen Flüchtlingshilfe in Zürich. Weiterhin war sie Mitgründerin der Freien Deutschen Bewegung in der Schweiz. 1945 wurde sie Gründerin und Sekretärin des SDS. Von Oktober 1945 bis Juli 1946 arbeitete sie in Frankfurt/M., wurde von den US-Behörden aber an der Rückkehr in die Schweiz gehindert. Sie gründete die Freie Deutsche Kulturgesellschaft in Frankfurt/M. und war Mitglied der dortigen städtischen Kulturkommission. Ab 1949 arbeitete sie als freie Schriftstellerin in Ascona; schrieb Romane, Erzählungen, Gedichte und Jugendbücher. Mitglied: Union of Free Thinkers (1932-33); süddeutscher Kulturbund ( seit ca. 1946 Vizepräsidentin).

Auszeichnungen: Ehrenpreis der Stadt Zürich (1948, 1958, 1960).

Bibliografie: "Hüter des Bruders", Roman (Zürich 1942),
"...da gibt's ein Wiedersehn! - Kriegstagebuch eines Mädchens - 1914-1918", Verlag F. H. Kerle, Freiburg/Heidelberg 1982
"Gedichte in der Fremde" (Zürich, Posen 1945, Beitrag in: "Wir verstummen nicht")
Beitrag in: "Gesang auf dem Wege", Anthologie (Affoltern 1945); andere.
Weitere Beiträge und Werke u.a.: "Ballade vom Elend", 1927 (Epos, mit Scherenschnitten v. Vf.); "Kasperltheater", 1929 (Kinderbuch mit Zeichnungen v. Vf.), "Wir verstummen nicht", Gedichte, "In der Fremde", 1945 (mit L. Ajchenrand und Stefan Hermlin); "Die Steine", 1945 (Emigrationsroman); "Das Leben ist hart", "Drei Geschichten aus dem Tessin", 1954; "Der weiße Zug", 1957 (Tier-Novellen), "Weihnachten auf der Hallig", 1957; "Bedenke, Mensch" -, 1958 (Epos, mit 25 Fotografien barocker Darstellungen des ländlichen Todes im Tessin v. R.Jenny); "Ländlliche Madonnen im Tessin", 1958 (zu Fotos von dems.); "Gib mir noch Zeit zu lieben", 1970; "Was die alte Anna Petrowna erzählt", 1970 (Erz. aus dem alten Rußland); "Der verzauberte Hase", 1971 (Erz.); "Drei Weihnachtsgeschichten", 1984 (mit Lebensbericht in Stichworten, Werkeverz.).
Lit: BHb; Archiv HH; Karina / Kant: Tanz unterm Hakenkreuz; Aufbau; DBJ; STS.

Literatur: Literatur: H. Teubner, Exilland Schweiz, Dokumentar. Ber. über d. Kampf emigrierter dt. Kommunisten 1933-45, 1975; W.Mittenzwei, Exil in d. Schweiz, 1978; K.Siebig, Ich geh mit dem Jahrhundert mit, Ernst Busch, 1980; K.Trappmann (Hrsg.), Landstraße, Kunden, Vagabunden, 1980; Künstlerhaus Bethanien (Hrsg.), Wohnsitz: Nirgendwo, Ausst.kat. Berlin 1982 (P); W.Sternfeld u. E.Tiedemann, Dt. Exillit. 1933-45, 1970; BHdE II, 2: Kosch, Lit.Lex.; Kürschner, Lit.-Kal. 1988; Killy.

Quellen:

  • "KünstlerKolonieKurier" Nr. 5 - August 1998
  • "Lexikon verfolgter und exilierter Theaterkünstler 1933 bis 1945" (Schauspiel, Kabarett, Tanz, Operette, Puppentheater u.a.)
    Hg. Frithjof Trapp (Leiter), Arbeitsstelle für Deutsche Exilliteratur Universität Hamburg, Herbst 1998 im Saur-Verlag
    Mitverfasserin: Dr. Bärbel Schrader, Mitglied im Vorstand der KünstlerKolonie Berlin

  • Foto und Textgrundlagen mit freundlicher Genehmigung der Tochter Anja Ott
    Siehe auf den Folgeseiten: Ausstellung Jo Mihaly 2008 und Jo Mihaly in: Neue Deutsche Biografie

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