Wolfgang Leonhard war Anfang der 90er Jahre in Berlin, und wir hatten die große Freude, ein längeres Gespräch mit ihm führen zu können. Zu seinem 75. Geburtstag (1996) schenkten wir ihm das Buch "Michael Arpad und sein Kind", das auch ich als Kind begeistert gelesen habe, von Jo Mihaly - Tänzerin, Schrifstellerin und politisch sehr aktiv, verheiratet mit dem Schauspieler und Regisseur Leonard Steckel - und machte uns auf sie aufmerksam. Wir übersandten ihm auch die bisherigen "KünstlerKolonieKuriere" (Nr. 1 bis 4).
Hier sein Antwortbrief:
3. Juni 1996
Lieber Herr Münzer,
mit der Übersendung des Buches "Michael Arpad und sein Kind" von Jo Mihaly haben Sie mir ein besonders liebenswertes Geburtstagsgeschenk gemacht. Immer wieder habe ich mich an dieses Buch meiner Kindheit erinnert und hatte auch vor, nachdem ich endlich herausfand, wo Jo Mihaly lebte, sie zu besuchen. Unmittelbar vor der geplanten Reise starb sie; so konnte ich ihr leider nicht mehr sagen, wie tief mich ihr Buch als Zehnjähriger damals in der Künstlerkolonie beeindruckt hatte.
Ebenso danke ich Ihnen für die Übersendung der "Kuriere der Künstler-Kolonie". Ich freue mich außerordentlich, daß mein Wunsch, irgendwie einmal die Geschichte der Künstlerkolonie lebendig werden zu lassen, nun durch die Tätigkeit von Ihnen und Ihrer Freunde Wirklichkeit geworden ist.
Mit besonderem Interesse habe ich das Interview mit Walter Zadek gelesen, dessen Sohn Ben Zadek ich bereits in der Künstlerkolonie kennengelernt hatte und mit dem ich seit 1963, nach unserem Wiedersehen in New York, ständig in Verbindung war.
Da ich annehme, daß Sie - wie ich - der Meinung sind, daß man nicht ständig unfehlbar sein kann, darf ich beim Zadek-Interview auf zwei Dinge hinweisen: Meine Mutter war niemals Redakteurin der "Roten Fahne", da sie ja 1925 - also lange vor der Übersiedlung in die Künstlerkolonie - aus der KPD ausgetreten war und irgendeiner der damaligen KP-Oppositions-Gruppen angehörte (ich glaube, es war die von Korsch). Zadek hat auch offensichtlich nicht gewußt, daß ich mich mit Ben, nachdem wir uns 1963 in New York wiedergesehen haben, immer wieder getroffen habe.
Nochmals Dank für Buch und "Künstler-Kolonie-Kuriere".
Mit freundschaftlichen Grüßen
gez. Wolfgang Leonhard
"Die Revolution entläßt ihre Kinder" - Wolfgang Leonhards Schlüsselwerk - liefert gleichzeitig den Schlüssel für den Lebensweg des Autors, in Millionenauflagen seit 1955 erschienen, löste es noch vor dem XX. KPdSU-Parteitag eine nachhaltige Diskussion über den Stalinismus aus und begründete eine neue Qualität der Kommunismusforschung.
In die DDR gelangte das Buch vor 1961 hauptsächlich in Form einer Tarnausgabe des SPD-Ostbüros, nach dem Mauerbau nur noch vereinzelt über verschlungene Wege - und dann erst wieder 1990 in einer großen Auflage des Leipziger Reclam-Verlages.
Obwohl der am 16. April 1921 in Wien als Sohn des Schriftstellers Rudolf Leonhard und der Kommunistin Susanne Leonhard geborene Publizist immer die Nähe zum Land seiner Betrachtungen suchte, blieb ihm als "Renegat" der Zutritt zum kommunistischen Machtbereich aufgrund seiner spektakulären Flucht im Frühjahr 1949 nach Jogoslawien über Jahrzehnte versperrt.

Wolfgang Leonhard . Privatfoto
im Privatarchiv
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Nicht ostwärts, sondern immer weiter westwärts führte zunächst sein Weg. Durch Studien in Oxford (1956-58) und an der Columbia-Universität (1963/64) ergänzte er seine praktischen Erfahrungen mit theoretischen Erkenntnissen. Als Professor der Universität von Yale/USA hielt er von 1966 bis 1987, jeweils halbjährlich, Vorlesungen zur Geschichte der UdSSR und des Kommunismus.
Im Westen viel beachtet, blieb er für die Herrschenden im Osten ein ideologischer Gegner ersten Ranges. Direkte "Feindberührung" war dem gern als "Kreml-Astrologen" beschimpften allerdings selten vergönnt. Im Sommer 1959 stellte er in Wien anläßlich der dort stattfindenden Weltjugenfestspiele sein Buch "Kreml ohne Stalin" vor, welches eindrucksvoll das Funktionieren des sowjetischen unter Chruschtschow analysierte. Beim folgenden Jugendtreffen 1962 in Helsinki brachte er auf einer Pressekonderenz den Chef der Ost-CDU, Gerald Götting, aus der Fassung. Die "Komsomolskaja Prawda" verleumdete Leonhard als "Agenten", das "Neue Deutschland" behauptete, sein Buch "Die Revolution entläßt ihre Kinder" stecke "voller bewußter Unwahrheiten und Fälschungen".
Den "Eurokommunismus" charakterisierte Leonhard in den 70er Jahren als "Herausforderung für Ost und West". Dennoch verging einige Zeit, bis seine Prognose, das stalinistische System sei historisch zum Scheitern verurteilt, eintrat. Als sich seine Prophezeungen von einem Wandel des Realsozialismus nach dem Machtaustritt Gorbatschows zu bewahrheiten begannen, erhielt er bald eine Einladung in jenes Land, in dem er zehn Jahre gelebt hatte und ausgebildet worden war.
Ein Interview mit dem "führenden Vertreter der ernsthaften Sowjetologie" in der Moskauer Regierungszeitung "Iswestija" 1988 löste in Ostberlin Entrüstung bei den ZK-Oberen aus. Politbüromitglied Hermann Axen hatte persönlich in Moskau zu intervenieren. Der "Renegat und Verräter" Leonhard wäre doch als ein "notorischen Anführer antikommunistischer Hetzpropaganda hinlänglich bekannt".
Nach 1989 setzte sich Wolfgang Leonhard verstärkt für gute Beziehungen zwischen den Deutschen und Russen ein. Er fungierte bei den russischen Wahlen als offizieller Beobachter und mahnte immer wieder eine Fortsetzung des Moskauer Reformkurses an. Seine Eindrücke - Hoffnungen wie Befürchtungen - schrieb er im Band "Die Revolution entläßt ihre Väter" (1994) nieder.
Nach der Wende in der DDR besuchte er einstige Weggefährten aus der sagenumwobenen "Gruppe Ulbricht" und der Zeit zwischen 1945 und 1949 wie Stefan Doernberg, Peter Florin, Paul Wandek und Markus Wolf. Seine "Spurensuche" (1992) erreichte zwar nicht mehr die Auflagenhöhe wie sein erstes Erfolgsbuch von 1955, bleibt aber ein aufrichtiges und seriöses Zeitzeugnis.
Die Ausnahmestellung des vitalen und von einem breiten Publukum geschätzten Historikers und Publizisten Wolfgang Leonhard bleibt gewiß auch über dessen 75. Geburtstag hinaus erhalten. Au seine tägliche Lektüre der Moskauer "Prawda" wird der in Manderscheid / Eifel lebende und arbeitende Jubilar auch heute nicht verzichten.