Prof. Wolfgang Leonhard, Schriftsteller, Ostexperte

Veröffentlichung der Texte und Bilder mit freundlicher Genehmigung durch Prof. Wolfgang Leonhard


(geb. 1921) politischer Schriftsteller, Publizist, Historiker, Ostexperte;

Er zog 1931, 10jährig, mit seiner Mutter Susanne in die Bonner Str. 12, wurde Mitglied der Jungen Pioniere, emigrierte mit seiner Mutter 1933 nach Schweden, 1935 in die UDSSR, seit 1945 Mitarbeiter Walter Ulbrichts in der sowjetischen Zone, 1949 Flucht in die Bundesrepublik. Er setzte sich in seinen Büchern vor allem kritisch mit dem Kommunismus auseinander. Am bekanntesten wurde sein Buch "Die Revolution entläßt ihre Kinder" (1955). Professor an der Yale-Universität New Haven/Conn. USA.

Wolfgang Leonhard erinnert sich an seine Kindheit in der Künstlerkolonie - und an Axel Eggebrecht:

»Im April 1931 war ich zehn Jahre alt geworden. Wenige Monate später, im September 1931, zog meine Mutter mit mir um: nach Berlin-Wilmersdorf am Laubenheimer Platz, in die berühmte "Künstlerkolonie", die für die Mitglieder der Bühnengenossenschaft und des deutschen Schriftstellerverbandes gebaut worden war.

Mir gefiel es, und ich lernte bald unsere Nachbarn kennen. Meine Mutter war bekannt mit Axel Eggebrecht (der unter uns wohnte) und einige Male besuchte ich den kommunistischen Sänger Ernst Busch. Mehrmals nahm mich meine Mutter in das gegenüberliegende Haus zu Walter Hasenclever mit; diese Besuche prägten sich tief in mein Gedächtnis ein, weil Hasenclever damals ein Fernrohr besaß und mich unterwies in der Beobachtung der gegenüberliegenden Wohnungen.«

(Wolfgang Leonhard in "Als 'Junger Pionier' in der Künstlerkolonie" in: Rolf Italiaander (Hrsg.): "Wir erlebten das Ende der Weimarer Republik - Zeitgenossen berichten" Droste Verlag Düsseldorf 1982 S. 83-85)

Nach der Verhaftung seiner Mutter in der Sowjetunion wuchs er in einem sowjetischen Heim für österreichische und deutsche Emigranten auf, studierte an der Moskauer Pädagogischen Hochschule für Fremdsprachen und trat dem Kommunistischen Jugendverband der UDSSR bei. Er erlebte den Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges in Moskau und wurde zwangsweise nach Karaganda umgesiedelt. Ein Jahr später wurde er in die Komintern-Schule einberufen, um für politische Aufgaben in Deutschland geschult zu werden. Nach Auflösung der Komintern arbeitete er im Nationalkomitee Freies Deutschland. Diese Ausbildung, politisches Interesse und Aktivität führten dazu, daß Leonhard zu jenen zehn Funktionären gehörte, die unter Führung Walter Ulbrichts im April 1945 nach Deutschland entsandt wurden. Die ihm nun zugewiesenen Aufgaben brachten es mit sich, daß er nicht nur die damaligen Repräsentanten der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR persönlich kennenlernte, sondern auch an internen Entscheidungen und Ereignissen der kommunistischen Partei und Administration beteiligt war. Nachdem Tito den Bruch mit Moskau vollzogen hatte, flüchtete Leonhard nach Jugoslawien. Nach 1950 arbeitete er in der Bundesrepublik Deutschland und in den USA als Journalist, Publizist und Hochschullehrer.

Den "Eurokommunismus" charakterisierte Leonhard in den 70er Jahren als "Herausforderung für Ost und West". Dennoch verging einige Zeit, bis seine Prognose, das stalinistische System sei historisch zum Scheitern verurteilt, eintrat. Als sich seine Prophezeiungen von einem Wandel im Realsozialismus nach dem Machtantritt Gorbatschows zu bewahrheiten begannen, erhielt er bald eine Einladung in jenes Land, in dem er zehn Jahre gelebt hatte und ausgebildet worden war.

Nach 1989 setzte sich Wolfgang Leonhard verstärkt für gute Beziehungen zwischen den Deutschen und Russen ein. Er fungierte bei den russischen Wahlen als offizieller Beobachter und mahnte immer wieder eine Fortsetzung des Moskauer Reformkurses an. Seine Eindrücke - Hoffnungen wie Befürchtungen - schrieb er im Band "Die Reform entläßt ihre Väter" (1994) nieder.

Nach der Wende in der DDR besuchte er einstige Weggefährten aus der sagenumwobenen "Gruppe Ulbricht" und der Zeit zwischen 1945 und 1949 wie Stefan Doernberg, Peter Florin, Paul Wandel und Markus Wolf. Seine "Spurensuche" (1992) erreichte zwar nicht mehr die Auflagenhöhe wie sein erstes Erfolgsbuch von 1955, bleibt aber ein aufrechtes und seriöses Zeitzeugnis.

Werkauswahl: "Schein und Wirklichkeit in der UDSSR" (1952), "Die Revolution entläßt ihre Kinder" (1955/1982), "Kreml ohne Stalin" (1959), "Chruschtschow, Aufstieg und Fall eines Sowjetführers" (1965), "Die Dreispaltung des Kommunismus, Ursprung und Entwicklung des Sowjetkommunismus, Maoismus, Reformkommunismus" (1970), "Am Vorabend einer neuen Revolution - Die Zukunft des Sowjetkommunismus" (1975), "Was ist Kommunismus?" (1976), "Eurokommunismus" (1978), "Völker hört die Signale" (1981), "Dämmerung im Kreml" (1984), "Der Schock des Hitler-Stalin-Paktes" (1986), Hrsg. "Europäische Zeitzeugen", Reihe seit 1986.



Wolfgang Leonhard zum 75. Geburtstag

Wolfgang Leonhard war Anfang der 90er Jahre in Berlin, und wir hatten die große Freude, ein längeres Gespräch mit ihm führen zu können. Zu seinem 75. Geburtstag (1996) schenkten wir ihm das Buch "Michael Arpad und sein Kind" von Jo Mihaly und die bisherigen "KünstlerKolonieKuriere. Hier sein Antwortbrief:

3. Juni 1996

Lieber Herr Münzer,

mit der Übersendung des Buches "Michael Arpad und sein Kind" von Jo Mihaly haben Sie mir ein besonders liebenswertes Geburtstagsgeschenk gemacht. Immer wieder habe ich mich an dieses Buch meiner Kindheit erinnert und hatte auch vor, nachdem ich endlich herausfand, wo Jo Mihaly lebte, sie zu besuchen. Unmittelbar vor der geplanten Reise starb sie; so konnte ich ihr leider nicht mehr sagen, wie tief mich ihr Buch als Zehnjähriger damals in der Künstlerkolonie beeindruckt hatte.

Ebenso danke ich Ihnen für die Übersendung der "Kuriere der Künstler-Kolonie". Ich freue mich außerordentlich, daß mein Wunsch, irgendwie einmal die Geschichte der Künstlerkolonie lebendig werden zu lassen, nun durch die Tätigkeit von Ihnen und Ihrer Freunde Wirklichkeit geworden ist. Mit besonderem Interesse habe ich das Interview mit Walter Zadek gelesen, dessen Sohn Ben Zadek ich bereits in der Künstlerkolonie kennengelernt hatte und mit dem ich seit 1963, nach unserem Wiedersehen in New York, ständig in Verbindung war.

Da ich annehme, daß Sie - wie ich - der Meinung sind, daß man nicht ständig unfehlbar sein kann, darf ich beim Zadek-Interview auf zwei Dinge hinweisen: Meine Mutter war niemals Redakteurin der "Roten Fahne", da sie ja 1925 - also lange vor der Übersiedlung in die Künstlerkolonie - aus der KPD ausgetreten war und irgendeiner der damaligen KP-Oppositions-Gruppen angehörte (ich glaube, es war die von Korsch). Zadek hat auch offensichtlich nicht gewußt, daß ich mich mit Ben, nachdem wir uns 1963 in New York wiedergesehen haben, immer wieder getroffen habe.

Nochmals Dank für Buch und "Künstler-Kolonie-Kuriere".

Mit freundschaftlichen Grüßen
(gez.) Wolfgang Leonhard


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