"Orgasmuskönig" wurde Wilhelm Reich genannt. Er versuchte, Marxismus und Psychoanalyse miteinander zu verbinden. Ob er schizophren war, darüber streiten noch heute seine Anhänger und Gegner. Wilhelm Reich starb am 3. November 1957 in einem Gefängnis in den USA - an einem Herzversagen, in seinem sechzigsten Lebensjahr.
Als den Gipfelpunkt seines Lebenswerkes betrachtete Reich die Entdeckung der Orgonenergie - freilich ist bis heute umstritten, ob es diese Energie überhaupt gibt. Genie und Märtyrer - Reich stilisierte sich zum Heros, zum einsamen Kämpfer gegen die bösen Mächte der Welt, gegen Modju, gegen die emotionale Pest, gegen den "kleinen Mann". Sein sehnlichster Wunsch war: "Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Daseins. Sie sollten es auch regieren."
Wilhelm Reich zählt zu den umstrittensten Tiefenpsychologen. Die Psychoanalyse bestimmte wesentlich sein Lebenswerk, auch dann noch, als er sich jenseits von Freud und der Psychoanalyse wähnte. Zeit seines Lebens versuchte Reich mittels naturwissenschaftlicher Experimente, Freuds Konstrukt einer seelischen Energie, der Libido, nachzuweisen, zu messen und in neuer Begrifflichkeit zu fassen.
Wilhelm Reich gehörte zu den unkonventionellsten Schülern Sigismund Freuds. Noch stärker als sein Lehrmeister war er dem naturwissenschaftlichen Denken verpflichtet. Trotz seines vitalistischen und vermeintlich ganzheitlichen Weltbildes und seiner Frontstellung gegen mechanisches Denken muten deswegen seine Beschreibungen seelischer Vorgänge oft seelenlos, mechanisch und konstruiert an. Reich wollte sein Leben lang das metaphysische Konstrukt Freuds, die Libido-Energie, naturwissenschaftlicher Messung und Überprüfung zugänglich machen. Reich war davon überzeugt, dies geleistet zu haben. Bleibt nur noch die Frage, ob es etwas derartiges wie Freuds Libido überhaupt gibt.
Jürgen Habermas hat in "Erkenntnis und Interesse" das Schlagwort vom szientistischen (naturwissenschaftlichen) Selbstmißverständnis der Psychoanalyse geprägt. Freud habe seiner hermeneutischen (verstehenden) Praxis, seiner psychotherapeutischen Arbeit, eine unzureichende, an Traditionen naturwissenschaftlichen Denkens orientierte Theorie aufgesetzt. Dasselbe gilt für Wilhelm Reich und seine Theorien. Reich ging sogar noch weiter als Freud. Sein naturwissenschaftliches Weltbild drängte ihn am Ende zu technizistischen Methoden der Seelenbehandlung. Symbol für Reichs Seelentechnizismus ist der Orgon-Akkumulator.
Ende der Zwanziger Jahre (als Reich in der Künstlerkolonie Berlin wohnte, Anm. d. R.) gewann zeitweilig der Marxismus beherrschenden Einfluß auf Reichs Denken. Wie Erich Fromm unternahm Reich den Versuch einer Synthese aus Marxismus und Psychoanalyse. Er organisierte die Sex-Pol-Bewegung (Sexualaufklärung für Arbeiter und Jugendliche), arbeitete mit österreichischen und deutschen Kommunisten zusammen und entwickelte eine materialistisch-dialektische Sozialpsychologie. 1933 veröffentlichte Reich "Die Massenpsychologie des Faschismus", sein Meisterwerk. Trotz mancher Einseitigkeiten, die sein naturwissenschaftlich-sexualpsychologischer Ansatz mit sich brachte, wird diese Arbeit bis heute zu Recht als ein Klassiker der Sozialpsychologie gelesen. Reich war einer der wenigen Psychoanalytiker, die sich dem Faschismus und dem Nationalsozialismus offen entgegenstemmten. Reichs Pakt mit den Kommunisten war aber nicht von Dauer. Zunächst war er den Parteifunktionären willkommen, da er zahlreiche Menschen anzog und der Partei zuführte. Als er aber von den Funktionären forderte, daß hier und jetzt etwas zum (sexuellen) Glück der Menschen geleistet werden müsse, distanzierten sich diese von ihm. Er gehe von der Konsumption aus, während die Partei von der Produktion ausgehe, war der offizielle Tenor.
Reich mußte emigrieren. Die Nationalsozialisten verbrannten seine Bücher. Zunächst im skandinavischen Exil, seit den vierziger Jahren in den USA, setzte Reich seine Forschungen fort. Er konzentrierte sich auf biophysikalische Untersuchungen, immer vom Ehrgeiz besessen, Freuds Libido konkret nachzuweisen. An dieser Fiktion haftete er bis an sein Lebensende. In den USA, das Reich nach seiner Auswanderung aus Deutschland noch als das Land der Freiheit pries, kam er später nicht zur Ruhe - innerlich und äußerlich. Am Ende wurde er von einem Gericht zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, seine Publikationen wurden offiziell verbrannt. Reich, der Außenseiter und Rebell, stieß sich auch in den USA an allen Ecken und Enden wund.
Reich wird mitunter als Meister psychotherapeutischer Techniken gepriesen. Als Beleg dient sein Buch "Charakteranalyse". In der Tat lenkte Reich den Blick der Psychoanalytiker auf das Ganze des Ausdrucksverhaltens der Patienten. Aber das hatte Alfred Adler bereits vor ihm und weitaus geistreicher getan. Zweifel an den Qualitäten des Therapeuten Reich sind angebracht. Reichs vegeto-therapeutische und biophysikalische Wendung bestärkt diese Zweifel nur. Daran können auch modische Erscheinungen nichts ändern, die sich u.a. auf Reich berufen und zeitweilig großen Zulauf finden (Urschrei, Bioenergetik, usw.).
(...) Wilhelm Reich war schon fast vergessen, als ihn Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre Studenten und Verlage im Zuge der antiautoritären Bewegung wiederentdeckten. Auf lange Jahre des Stillschweigens folgten Zeiten überschwenglicher Begeisterung für den Schüler Freuds, der noch mehr als sein psychoanalytischer Lehrmeister die Sexualität in den Vordergrund seiner psychologischen Untersuchungen und Theorien stellte.
Wilhelm Reich und sein Freund A. S. Neill, der Begründer der antiautoritären Schule von Summerhill, wurden zum Idol einer jungen, rebellierenden Generation. Reich hatte die ungehinderte Befriedigung sexueller Bedürfnisse gefordert. In der Studentenbewegung wurde daraus "revolutionäre Praxis". Sexualenthemmte Erwachsene und sexualenthemmt erzogene Kinder sollen die Vorkämpfer einer herrschaftsfreien Gesellschaft werden. Dieses Experiment ist gescheitert. Lag dies an der unzureichenden Realisierung der Ideen Reichs? Oder sind manche Prämissen und Schlußfolgerungen Reichs an sich unrealistisch?
Ab Mitte der siebziger Jahre ist es wieder stiller um Reich geworden. Das hastig durchgeführte Experiment einer Gesellschaftsveränderung durch Sexualbefriedigung mißglückte, man versprach sich jetzt mehr vom "Gang durch die Institutionen". Tatsächlich sitzen inzwischen viele ehemalige ‘Revolutionäre’ in den verschiedensten Institutionen. Ob sie jemals wieder den Ausgang erreichen werden?
Ganz vergessen wurde Wilhelm Reich aber nicht. Bis heute existieren kleinere Zirkel, in denen seine Gedanken lebhaft diskutiert werden. Auch wurden viele Überlegungen Reichs in den letzten Jahren im Zug des sogenannten "Psycho-Booms" aus Amerika reimportiert und erneut zur Diskussion gestellt. Diese Zusammenhänge sind nicht immer bekannt.
Die letzten Jahrzehnte seines Lebens verbrachte Wilhelm Reich in Amerika. Dort hatte er zahlreiche Schüler um sich versammelt, die nach seinem Tod seine Arbeiten weiterführten.
Über Leben und Werk Wilhelm Reichs gibt es bereits eine stattliche Anzahl von Büchern, die von recht unterschiedlicher Qualität sind. Aufschlußreich ist die Reich-Biographie David Boadellas. Dieser Mann, Dozent für Humanistische Psychologie an der Universität London, Psychotherapeut er arbeitet nach den Methoden Reichs und Lowens) und Herausgeber der Zeitschrift "Energy and Charakter", hat eine gründliche Arbeit verfaßt, die verständlich geschrieben ist. Boadella kennt sich vor allem im Spätwerk Reichs sehr gut aus. Er war einer der zahlreichen Mitarbeiter, die Reich ständig um sich hatte. Aus seinen Ausführungen zur "Orgontheorie" Reichs geht hervor, daß auch er sie durchaus als die bahnbrechende Entdeckung betrachtet, als die Reich sie seinen Schülern vermittelt hat. Boadella weist wiederholte Male Gerüchte, unsachliche Behauptungen und üble Nachreden zurück, wonach Reich bereits zum Zeitpunkt seiner Emigration aus Deutschland paranoid gewesen sei und sich auf Abwege der Forschung begeben habe. Und in der Tat gelingt es Boadella, die Forschungen Reichs in Skandinavien und Amerika als logisch voranschreitende Überlegungen und Experimente darzustellen. Wer Reichs Befunde als "Hirngespinste" abtat, der hatte - so Boadella - "... entweder keine Experimente gemacht oder sich auf offenkundig unwissenschaftliche Deutungen verlegt." Für die einen ist Wilhelm Reich bis heute ein Genie, das den Stein der Weisen, die Orgonenergie, gefunden hat. Andere sehen in seinen Theorien nichts als den Reflex einer paranoiden Persönlichkeitsstruktur. Ist Reich in einen transpersonalen Erfahrungsbereich vorgedrungen, wie der Systemtheoretiker Fritjof Capra annimmt? Oder war er wahnsinnig? Kann uns Reich den Weg ins 21. Jahrhundert weisen? Oder hat er lediglich seine unkontrollierten Projektionen mittels naturwissenschaftlicher Experimente zu bewahrheiten versucht?
Zur Kurzbiografie von Wilhelm Reich
Zum Artikel Zirkus der Utopien
("Vor 100 Jahren wurde der Psychoanalytiker Wilhelm Reich geboren: Was von ihm übriggeblieben ist" - von Tom Peuckert, Der Tagesspiegel Berlin vom 23.3.1997)
Zum Artikel Vom "sexuellen Kampf der Jugend" zur "Rede an den kleinen Mann"
(Eine persönliche Erinnerung und Übersicht über neue Publikationen zum Phänomen Wilhelm Reich - von Reinhart Wolff, Der Tagesspiegel Berlin vom 23.3.1997)