Warschau (dpa) - Die polnische Künstler-Schickeria hat in diesem Sommer in Sopot (Zoppot), dem bekanntesten Ostseebad Polens, eine neue Adresse entdeckt. »Gehen wir mal auf einen Drink zum Kinski«, heißt der Geheimtip. Wer einen Platz an der kleinen Theke im Geburtshaus des deutschen Schauspielers Klaus Kinski erkämpft hat, kann dort nicht nur Zitate aus der Autobiographie des vor sechs Jahren verstorbenen Filmstars auf der Marmorplatte studieren, sondern dem exzentrischen Schauspieler auch zuprosten.
Denn die Wand hinter der Bar schmückt ein Gemälde, das Kinski als Helden seiner bekanntesten Filme "Fitzcarraldo", "Nosferatu" und "Woyzek" darstellt.
Erst nach jahrelangen Bemühungen war es den begeisterten Anhängern des Künstlers gelungen, aus dem Haus, in dem er am 18. Oktober 1926 als Klaus Günter Karl Nakszynski geboren wurde, eine Bier-Spelunke zu vertreiben und stattdessen die "Kinski-Galerie" mit Café zu eröffnen.
Als Klaus Kinski seine größten Filmerfolge feierte - zuerst in TV-Krimis nach Edgar Wallace, später in abenteuerlichen Produktionen von Werner Herzog -, wußten nur wenige Eingeweihte von seinem polnischen Geburtsort.
Der für seine wüsten und provozierenden Auftritte bekannte Schauspieler hatte als Vierjähriger die Stadt verlassen und sie bis zu seinem Tod kein einziges Mal besucht. Auch in seinen Büchern schenkte er Sopot keine Zeile.
Erst nach Kinskis Tod 1991 begann der Poet Wojciech Kass, ein exzellenter Kenner der Stadtgeschichte, in den Archiven nach den verwehten Spuren Kinskis in Sopot zu suchen.
Monatelange Recherchen brachten die Geburtsurkunde Kinskis an den Tag - und die belegte eindeutig: der spätere Bürgerschreck kam aus Sopot. Fortan machten es sich einige junge Künstler mit Wojciech Kass an der Spitze zur Aufgabe, die Erinnerung an den umstrittenen Mimen in Zoppot zu erhalten.
In der Stadt, die sonst im Schatten der nur einige Kilometer entfernten Ostseemetropole Danzig steht, brach ein regelrechtes Kinski-Fieber aus. 1994 wurde am Geburtshaus des Schauspielers eine Gedenktafel mit dem Zitat aus seiner Biografie "Ich kann ohne Liebe nicht leben" enthüllt.
Ein Festival mit Kinskis Filmen wurde zum Kulturereignis. Als jedoch die Verehrer des Schauspielers vorschlugen, das größte Lichtspielhaus der Stadt in Kinski-Kino umzutaufen, hatte es mit der Geduld der "anständigen Bürger" ein Ende.»Für alle Spießer, an denen es in Zoppot nicht fehlt, war das eine Herausforderung«, erinnert sich Kass an die Protestwelle.
Mit Beschwerdebriefen an alle möglichen Institutionen versuchten nationalistische und katholische Organisationen jede Erinnerung an Kinski, dem sie "unmoralischen Lebensstil" vorwarfen, aus ihrer Stadt zu tilgen.
»Gibt es nicht genug polnische anständige Künstler, die mit Sopot verbunden sind?«, heißt es in einem der vielen Protestbriefe. Als Unbekannte die Skulptur des Heiligen Adalbert vor der Kirche beschädigten, machte ein Pfarrer bei der Sonntagsmesse den "verderblichen Einfluß Kinskis" dafür verantwortlich. Sogar der Erzbischof von Danzig, Tadeusz Goclowski, griff mit einem mahnenden Brief in den Streit ein.
Doch langsam scheinen sich die Menschen in Sopot an den wohl wildesten Sohn ihrer Stadt zu gewöhnen. Die Eröffnung der "Kinski-Galerie" löste kaum noch Kontroversen aus.
Mit einem neuen Projekt sollen Sopots Bürger aber im Herbst erneut provoziert werden. Auf dem Bürgersteig vor der Galerie soll eine Skulptur aufgestellt werden, die Kinski als "Nosferatu, Phantom der Nacht" darstellt.
dpa (8.8.97)