Mit der Leica dem Sprengkommando immer einen Schritt vorausDie Fotografin Eva Kemlein dokumentiert 1950 die SprengungDer Tagesspiegel vom 04.09.2000 wiederentdeckte Fotos im Archiv der Brandenburger Denkmalpfleger in Wünsdorf |
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Die kleine, zierliche Frau mit dem burschikos-kurzen grauen Haar ist eine der wenigen noch lebenden
Zeugen, die das Stadtschloß vor seiner Zerstörung intensiv erlebte. "Ich war damals, 1950, bei einer Foto-Agentur, dem Illus-Bilderdienst, angestellt - es gab viel zu fotografieren im zerstörten Berlin, aber manches scheiterte an den schwierigen Materialfragen", sagt Eva Kemlein und erzählt, weshalb sie gern in jenes "wissenschaftliche Aktiv" ging, das unter der Leitung des Refereten für Denkmalpflege Gerhard Strauß mit der Sicherung von Schloßteilen vor der Sprengung des Schlüter-Baues betraut war.
Die Fotografin war der Sprengung einzelner Teilbereiche des Schlosses immer einen Schritt voraus - sie arbeitete mit ihrer altgedienten Leica und baute ihre Plattenkamera stets dort auf, wo die nächsten Sprenglöcher gebohrt werden sollten. "Unsere Aufgabe war es, jeden Trakt durchzufotografieren". Was von dem noch Erhaltenen wertvoll war, sei von Steinmetzen ausgebaut worden, ansonsten aber "war das alles total ausgebrannt": Eva Kemlein hat weder melancholische Erinnerungen noch traurige Gedanken, wenn sie an die Zerstörung des Stadtschlosses denkt: "Der überwiegende Teil der Menschen, die den Krieg überstanden hatten und die zwischen den Ruinen lebten, war dafür, daß der Rest des Schlosses verschwindet", sagt die 91-Jährige, "denn der Bau war größtenteils hinüber, und wir hatten damals andere Sorgen, als darüber zu diskutieren, ob man das Schloß erhalten solle oder nicht. Es gab genug Schutt, aber nicht genügend Wohnraum und auch kein Geld. Das Schloss war völlig unwichtig". Und die treibende Kraft zum raschen Abbruch der Trümmer seien die Russen gewesen. "Die hatten doch überall das Sagen."
Immerhin: Die Arbeit im Schloss muß für die Fotografin von besonderem Wert gewesen sein. In der Wohnung nahe dem Breitenbachplatz hängen als einzige Zeugen ihrer Profession das Schwarz-Weiß-Foto einer Probe zur Hamlet-Maschine von und mit Heiner Müller am Berliner Ensemble - und ein Bild, das die junge Frau mit ihrer auf dem Stativ ruhenden Plattenkamera vor dem Eosander-Portal im Schloß zeigt, ungeschützt und ohne Helm, "das wurde damals noch anders geregelt, da sagte der Polier nur: Vorsicht! Unter der schwebenden Last lauert der Tod". Eva Kemlein, die als Jüdin in einer "Mischehe" bis zur Befreiung 1945 unter größten Entbehrungen illegal in Berlin gelebt hatte, wurde bald nach der Arbeit im Stadtschloß Theaterfotografin. Gemeinsam mit ihrem Mann (falsch: nicht ihr Mann, der sie 1937 verlassen hat sondern gemeint ist ihr Lebenspartner Werner Stein Anm.d.R.), einem Schauspieler, war sie mit den Bühnengrößen jener Jahre vertraut und manchmal auch befreundet, von Ernst Busch bis zu Bert Brecht. Sie wohnte immer im Westen, arbeitete aber vor allem im Osten: Die sagenhafte Menge von 300.000 Negativen als Dokumente für nahezu 50 Jahre Berliner Theatergeschichte hat 1993 das Berliner Museum erworben. Die 3.000 Fotos aus dem Schloß waren lange verschollen, erst im Jahr 2000 sind sie wieder aufgetaucht - in einem Archiv der Brandenburger Denkmalpfleger in Wünsdorf. Lo. |