Biografie | Ausstellung | Fotos Ernst Busch | Blitzmädel, Heldenmutter, Kriegerwitwe | Sprengung Stadtschloß Berlin | zum Tod

BEIM LUMPENSORTIEREN UND ANDERSWO

Nach dem Bericht von Eva Kemlein
von Gerda Szepansky (Auflagen 1986/1995): "Blitzmädel, Heldenmutter, Kriegerwitwe", Frauenleben im Zweiten Weltkrieg (ISBN 3-596-23700-9))
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch Gerda Szepansky.
Die Tatsache, daß ich Jüdin bin und verurteilt war, von 1933 bis 1945 in Deutschland zu leben, hat mein Geschick weitgehend bestimmt. Ich hatte ursprünglich mein Staatsexamen als MTA (medizinisch-technische Assistentin) gemacht, bin aber durch die Ehe mit dem Schauspieler Kemlein zur Bildjournalistin umgesattelt. Mein Mann war sogenannter Arier. Er war eine kämpferische Natur und den Schwierigkeiten unserer "Mischehe" nicht gewachsen. Wir ließen uns 1937 scheiden. Ich habe später einen anderen Mann, Werner Stein, kennengernt, mit dem ich eine wunderbare Gemeinschaft hatte. Mit ihm war alles durchzukämpfen. Ich hatte zur Zeit meiner Scheidung keine Möglichkeit mehr, für die Presse zu arbeiten, und bin noch einige Zeit als Fotolaborantin irgendwo untergekommen. 1938/39 wurde ich in eine jüdische Abteilung zu Siemens zwangsverpflichtet. Das war im Werk Berlin-Jungfernheide. Ich habe kleine Teile gelötet. Wir wußten überhaupt nicht, wofür die benötigt wurden oder in welchen Zusammenhang die gehörten. Die jüdischen Abteilungen waren streng getrennt von den anderen. Wir mußten uns an einer bestimmten Stelle beim Fabriktor sammeln, wurden geschlossen in die große Halle gebracht und nachher wieder hinausgeführt. Wir waren nur Frauen, haben in Schichten gearbeitet, Frühschicht von 6 bis 14 und Spätschicht von 14 bis 22 Uhr. Die Meister waren Männer. Mein Meister war nicht bösartig, ganz freundlich. Im Grunde durfte er ja keinen Kontakt mit uns haben. Gespräche, die nicht die Arbeit betrafen, waren verboten.

Da ich gern handwerklich tätig bin, abgesehen vom Häkeln, Stricken, Stopfen, Nähen, habe ich das alles nicht als so furchtbar empfunden. Ob die Arbeit gut oder schlecht war, hat mich persönlich überhaupt nicht interessiert. Es gab für mich nur eine Perspektive: zusammen mit meinem Partner durch die Zeit hindurchzukommen. Ich zweifelte keinen Moment daran, daß der Krieg mit einer Niederlage der Nazis enden würde. Die einzige Frage war, ob wir es erleben würden. Um meinen kleinen Teil beizusteuern, die Naziherrschaft zu verkürzen, habe ich, wo ich konnte, sabotiert. Wir mußten den Akkord schaffen. In gewissen Zeitabständen wurde die Arbeitsleistung mit der Stoppuhr gemessen, und zwar bei den besten Arbeiterinnen. Nach ihrer Leistung wurde der Akkordsatz festgelegt. Natürlich gab es Frauen, die das nicht geschafft haben. Sie waren immer in Gefahr, zum Abtransport herausgegriffen zu werden. Wenn ich gestoppt wurde, was öfter der Fall war, habe ich selbstverständlich das Arbeitstempo verlangsamt.

Irgendwie ist es mir gelungen, mich aus dieser Zwangsverpflichtung herauszuwinden. Ich konnte mir ein Attest von einem Privatarzt beschaffen über Arbeitsunfähigkeit wegen einer Augenkrankheit. Das bedeutete jedoch nur eine Atempause, ich wurde wieder vermittelt. Zu der Zeit war Herr Eichmann Leiter des jüdischen Arbeitsamtes. Er hat darüber bestimmt, wer Arbeit bekam und wer abtransportiert wurde. Später wurde er Leiter des Judenreferats bei der Gestapo. Auch für die Fabrikaktion im Februar 1943, wo viele Juden gleich von der Arbeit weg deportiert wurden, ist er verantwortlich gewesen. Ich habe Eichmann auf dem Arbeitsamt gesehen und bin durch ihn zur Firma Rose und Co. vermittelt worden. Der Rose war Lumpensortierer, ein Nazi. Er hatte klein angefangen mit dem Einkauf von Lumpen, Knochen, Papier, war mit einem Ziehhund vor dem Wagen durch die Straßen gezogen und inzwischen Grossist und Millionär geworden. Er hatte seinen Lagerschuppen und -platz in der Kolonnen- oder Monumentenstraße in Schöneberg. Von den anderen Nazibonzen bekam er waggonweise Beuteware zugeschanzt. Mit allem, was er daraus machte, verdiente er viel Geld. Die Tuchstoffe, alte Uniformen aus den eroberten Ländern, mußten wir reißen und zu wunderschönen Bündeln stapeln. Die wurden verkauft als Futterstoff für Pantoffeln oder andere Sachen, weiß der Teufel wofür alles. Einmal habe ich unter diesen Stoffsachen ein Abzeichen von einem Soldaten der Roten Armee gefunden, das habe ich bis heute als Talisman aufgehoben.

Die Arbeit dort, für die wir ganze 37 Pfennige Stundenlohn bekamen, war wirklich das letzte, was man einem Menschen zumuten kann. Rose hat riesige Mengen Papier aufgekauft. In großen Bottichen mußten wir das trockene Papier mit unseren bloßen Füßen zerstampfen. Dann wurde es in Ballen mit Eisenbändern zusammengehalten. Die Stampferei mußte im Freien vor sich gehen und die Bündelarbeit in einem offenen Schuppen mit Tischen, an denen etwa 20 Leute beschäftigt waren. Wissen Sie, was das für Temperaturen waren, bei denen wir im tiefsten Winter gearbeitet haben? Da waren natürlich Menschen dabei, die das nicht durchgehalten haben, krank wurden. Schlecht ernährt waren wir ja auch. Aber jede Krankschreibung bedeutete bei Rose Abtransport. Er hat dem Arbeitsamt sofort Meldung gemacht. Ich erinnere mich an eine bestimmte Szene. Die Ballen waren hoch gestapelt bis an die Decke, und er trieb einen ganz hinfälligen alten Mann die Leiter hoch, doch der schaffte es nicht bis oben. Da riß er ihn mit solcher Brutalität herunter, daß er hinfiel und liegenblieb. Das werde ich nie vergessen. Als alles vorbei war, habe ich ihn angezeigt. Ich weiß nicht, ob er überhaupt irgendeine Strafe bekommen hat. Ich habe ihn Jahre später getroffen, da hatte er die Stirn zu behaupten: Na, so schlimm war's doch gar nicht. Er war also gut davongekommen.

Eichmann und seinesgleichen haben auch meine Mutter auf dem Gewissen. Meine Mutter war eine bürgerliche Frau. In ihrem ganzen Leben hatte sie nur im Kreis der Familie gewirkt. Sie war inzwischen 65 - heute ist das für mich gar kein Alter mehr -, aber sie war unheimlich gebrechlich. Wir waren seit Generationen eine so in Deutschland integrierte Familie, daß sie gar nicht begreifen konnte, was sich um sie herum abspielte. Schon die Auswanderung meiner Brüder hatte sie nicht verkraftet. Ich habe trotzdem versucht, sie noch irgendwie in einen Arbeitsprozeß hineinzubekommen, um sie zu schützen. Das endete beim Kartoffelschälen für eine Großküche. Dann ging auch das nicht mehr. Es war fürchterlich. Sie bekam die Aufforderung zur Deportation. Ich war noch unterwegs, um in letzter Minute etwas für sie zu arrangieren. Als ich zurückkarn, war die Wohnung schon versiegelt. Der Transport ging nach Riga. Ich habe sie nie wiedergesehen.

August 1942 ging ich mit meinem Mann (gemeint ist ihr Lebenspartner Werner Stein Anm.d.R.) in die Illegalität. Freunde halfen uns, nahmen uns auf, doch blieben wir nicht länger als zwei bis drei Nächte, um nicht bekannt zu werden, und gingen bei Fliegeralarm nie in den Keller, um unsere Quartiergeber nicht zu gefährden. Wir haben von Riesenschüsseln von Krautsalat gelebt. Einen Kohlkopf konnte man kaufen, den gab's. Der wurde geschnitzelt und ein bißchen mit Essig gewürzt. Wir hatten nur den Willen, durchzukommen, ganz egal wie. Ich muß sagen, daß ich auch von dieser schrecklichen Arbeit bei dem Lumpensortierer in meinem tiefsten Innern nicht betroffen war. Ich habe immer gedacht: Diese Menschen können mich doch nicht kaputtmachen. Für mich war es bei Ausbruch des Krieges Gewißheit, daß Hitler ihn nicht gewinnen würde. Ich sah das als Anfang vom Ende dieses ganzen Nazispuks. Bei jedem Bombenangriff auf Berlin dachten wir: Wieder ein Stück dem Kriegsende nähergerückt! So furchtbar das alles war, wir mußten es überstehen. Als die Hitlertruppen vor Moskau ihre erste entscheidende Niederlage erlitten, wußten wir, nun kann es nicht mehr lange dauern. Wir haben auch Flugblätter gegen die Naziherrschaft, gegen den Krieg gemacht. Wir waren nur eine Gruppe von drei Leuten, weil wir fanden, je größer die Gruppe, desto größer die Gefahr der Entdeckung.

Von meinem Mann (gemeint ist ihr Lebenspartner Werner Stein Anm.d.R.) kann ich eine herrliche Geschichte erzählen. Wir hatten in den allerletzten Kriegstagen ein Flugblatt gemacht mit der Aufforderung an die Arbeiterinnen und Arbeiter im Rüstungsbetrieb, die Produktion einzustellen, weil es keinen Sinn mehr hatte. Diese Flugblätter hat er per Rad zur Fabrik gefahren. Berlin lag schon unter Beschuß, auf den Straßen gingen SS-Posten. Einer hat ihn vom Rad gerissen: "Mann, wollen Sie nicht Ihre Pflicht im Volkssturm tun?" Da hat er das Kuvert mit den Flugblättern vorgezeigt, darauf stand: "Kurierdienst. Auf Befehl des Führers." - "Wollen Sie mich hindern, das zu befördern?" Die beiden SS-Männer haben Haltung angenommen und ihn durchgelassen. Er hat die Flugblätter in den Betrieb gebracht. Einige Arbeiter haben sie an bestimmten Stellen für ihre Kolleginnen und Kollegen hingelegt. Mut und Phantasie mußte man haben.

Das Kriegsende war für uns eine wirkliche Befreiung, es bedeutete: wieder da sein dürfen, wieder leben, wieder arbeiten dürfen! So wie ich damals nur vorwärts gelebt habe, so bin ich bis heute geblieben. Ich denke gar nicht zurück. Ich bin heute noch mit Freude aktiv, um etwas für die Zukunft zu tun.


Gehe zu: Bewohner | KünstlerKolonie | Kultur-Netz

Programmierung und Design: © Kultur-Netz-Service




































Sie sind Besucher