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Mein Mädchenname ist Graupe, richtiggehende Graupe, ich bin in Berlin geboren, eine Schlorrendorferin (Charlottenburg) aus der Schlüterstraße. Da bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, hab da geheiratet und denn ab in die Welt. Ne richtige Berlinerin! Wie meine ganze Familie übrigens, meine Eltern, meine Großeltern. Ne Berliner Familie, von der ich als Einzige heute noch übrig bin.
Eva Ernestine Kemlein, geborene Graupe, wird am 4.8.1909 als Tochter jüdischer Eltern, Albert und Gertrud Graupe, in Berlin geboren. Sie hat zwei Brüder, Werner und Fritz, und wächst als Tochter wohlhabender Eltern behütet und sorgenfrei auf. Sie erhält ihre Schulbildung von 1915 bis 1929 in der eher links-liberal orientierten Fürstin-Bismarckschule in Berlin. Dort werden erste Grundsteine für ihr späteres politisches Bewußtsein gelegt. Von 1927 bis 1929 macht sie eine Berufsausbildung mit anschließendem Staatsexamen als Medizinisch Technische Assistentin an der Letteschule in Berlin. Innerhalb der Ausbildung, da waren glaube ich 13 oder 14 Fächer, gab es als ein Fach die Fotografie. Es war aber die wissenschaftliche, medizinische Fotografie, und es ging darum, Veränderungen der Haut oder andere körperliche Veränderungen im Ablauf einer Krankheit festzuhalten. Ich lernte nun also die technischen Dinge der Fotografie und konnte sie später dann für die journalistische Fotografie anwenden. Nach Ende der Ausbildung unternimmt sie ihre erste größere Reise mit einer Freundin nach Italien. Dort lernt sie ihren späteren Ehemann Herbert Kemlein kennen. Er war ein, ich kann ihn nicht anders bezeichnen, er war ein ganz bunter Vogel, ein richtiger Vagabund. Der reiste damals so durch die Welt. Irgendwo lernten wir uns kennen und flogen sofort aufeinander. Das war schon eine dolle Geschichte damals. Ich ein behütetes Mädchen aus bürgerlichem Haus, erste Reise allein, und dann Kemlein, der Vagabund. Ich bin natürlich langer als geplant in Italien geblieben und hatte nicht damit gerechnet, daß ich ihn nach dem Urlaub jemals wiedersah. Aber eines Tages im September, es war einer von den hohen jüdischen Feiertagen, an denen auch die liberalste Familie zusammen blieb, rief Kemlein an, um sich mit mir zu treffen. Von dem Tag an wer meine Familie für mich nicht mehr das Wichtigste im Leben. Im Frühling sagte er, er führe jetzt los, ob ich nicht Lust hätte mitzukommen, dafür müßten wir aber heiraten. Sicher hatte ich Lust mitzufahren und ich sagte: Gut dann heiraten wir eben. 1933 heiraten Eva und Herbert und fahren mit dem Motorrad los, um nach mehreren Zwischenstationen von 1933 bis 1937 in Griechenland zu leben. Ich war durch nichts zu beeindrucken, nur dadurch, etwas Neues zu sehen und zu erleben. Ich wollte raus. Ich dachte, mein bisheriges sorgenfreies und mit Liebe umgebenes Leben konnte doch nicht alles gewesen sein. Naja, und die andere Seite des Lebens, die habe ich ja dann gründlich kennengelernt. Die Kemleins verdienen ihren Lebensunterhalt mit Reportagen über Land und Leute. Eva fotografiert und Herbert schreibt. Mit der Zeit jedoch gestaltet sich das sogenannte sorglose und glückliche Leben reichlich kompliziert. Eva bekommt als Jüdin, auf Grund der Nürnberger Rassengesetze, Berufsverbot. Kemlein, der um auf offiziellem Weg seine Artikel an Zeitungen zu verkaufen in der Reichsschrifttumskammer organisiert sein muß, findet keine Abnehmer, da er durch die Mischehe mit der Jüdin Eva belastet ist. Sie überleben eigentlich nur durch Kemleins Einfallsreichtum, dem Pfandhaus und den Geldanweisungen von Evas Vater aus Deutschland. 1937 werden beide aus Griechenland ausgewiesen. Sie müssen völlig überstürzt innerhalb von 24 Stunden das Land verlassen. Kurz darauf lassen sie sich scheiden, um den Problemen der Mischehe zu entgehen. Sie haben es aber keinesfalls leichter, und so verläßt Kemlein, der Arier, Eva, die Jüdin, um weiterhin unabhängig und uneingeschränkt seinem Leben nachgehen zu können. Ich habe den Kemlein geliebt damals. Man kann es sich ja vorstellen, wir waren jung und sind durch die Welt gezogen. Es war alles ein herrliches Leben. Plötzlich wurde mir klar, daß man mit so einem Mann das Leben nicht erzwingen kann. Er war einfach nicht in der Lage, mit mir, einer Jüdin, solche Zeiten zu durchleben.
Eva Kemlein geht zurück nach Berlin. Ihre ganze Familie ist schon auseinandergerissen. Die beiden Brüder sind ins Ausland geflohen und der Vater verstorben. Nur die Mutter ist als Einzige noch da. Eva bleibt in Berlin und flieht nicht vor der drohenden Judenverfolgung. Einerseits fehlt ihr das Geld und andererseits will sie ihre alleinstehende Mutter nicht im Stich lassen. In dieser Zeit lernt sie Werner Stein kennen, einen bekannten Berliner Schauspieler, der sie ihr ganzes späteres Leben begleiten wird (durch ihn - Foto rechts - kam sie 1945 auch in die Wohnung in der Künstlerkolonie Anm.d.R.).
Die letzten und schlimmsten drei Jahre des Krieges verbringen Kemlein und Stein in Berlin im Versteck. Sie verlieren alles. Das Einzige, was Eva Kemlein niemals hergibt, ist ihre Kamera, eine Leica. Ja, sehr zum Ärger von Stein. Er hat natürlich mit Recht gesagt, wir dürften nicht auffallen. Ich habe damals immer zu ihm gesagt: ich denke, ich kann damit später mal wieder ganz von vorne anfangen. Ich habe die Kamera nie mit nach draußen genommen. Es gab so viele Aufpasser, Blockwarts usw., die wußten ja genau, wer ins Haus gehört und wer nicht. Wir waren nicht nur in einem Versteck, wir haben ständig gewechselt. Wir konnten nie lange irgendwo bleiben, immer nur ein paar Tage. Später kamen die Luftangriffe, bei denen alle in den Keller mußten, aber wir konnten da nicht hin. Wir durften ja gar nicht da sein! Beide sind in dieser Zeit trotz der lebensbedrohenden Umstände im Untergrund politisch aktiv. Sie glauben an eine andere Zukunft und kämpfen mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln gegen den Faschismus. Anfang Mai 1945 werden sie von den Russen befreit und beginnen dann sehr schnell und mit großem Elan das Kulturleben in Berlin wieder mit aufzubauen. Es ist fast unbeschreiblich und heute kaum nachvollziehbar, mit welchen Gefühlen man nach den Jahren der Illegalität wieder an jede Arbeit heran ging. Man war frei. Man durfte wieder da sein und sich zeigen. Also das wer einfach doll.
Eva bekommt von russischen Offizieren ein Fahrrad. So radelt sie durch Berlin und dokumentiert, mit Hilfe der über den Krieg geretteten Leica, Berliner Nachkriegsgeschichte. Sie macht Reportagen, wie die "vom Stahlhelm zum Kochtopf" oder über Berliner Originale wie den "Puppenmacher" oder den "Strohut-Emil", auch über die Trümmerstadt und ihre Nachbarn in der Künstlerkolonie, wie sie in den großen schönen Innenhöfen Kartoffeln und Gemüse pflanzten.
Ich habe natürlich immer Stellen mit beispielgebenden Aktionen gesucht und bin dahin gefahren. Zum Beispiel habe ich eine ganze Truppe von Betriebsangehörigen, die Schauspieler des Deutschen Theaters, mit dem ganzen Verwaltungsapparat und ihrem Intendanten, dem Wolfgang Langhoff an der Spitze, beim Wegräumen der Trümmer fotografiert. Um gute Reportagethemen zu finden, muß man unterwegs sein, man muß Fantasie haben. Auch an der ersten Ausgabe der Berliner Zeitung, die schon wieder am 21. Mai 1945 erscheint, ist sie beteiligt. Die Zeitung bestand aus einem ganz kleinem Kreis von 5 oder 6 Leuten. Die waren sozusagen die lnitiatoren und Macher der Zeitung. In der ersten Ausgabe der BZ hatte ich auch mein erstes noch 1945 veröffentlichtes Bild. Ich kann mich noch genau erinnern, es war ein Zeitungsmann mit einem Schild um den Bauch auf dem BZ stand. Allerdings stammte das Schild noch aus der Vorkriegszeit, da hieß sie nämlich noch die BZ am MITTAG. Das Schild paßte ja auch jetzt noch gut. Von 1948 bis 1950 wird sie beim Illus Bilderdienst, dem späteren Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienst fest angestellt. Das war die einzige Zeit in meinem Leben, außer der Hitlerzeit, da mußte ich Zwangsarbeit machen, in der ich fest angestellt war. Hinterher habe ich immer nur frei gearbeitet. Ich sagte dem damaligen Leiter des Bilderdienstes: ich kann keine feste Arbeit machen, und immer diese festen Zeiten, das halte ich einfach nicht aus. Nach zwei Jahren löst sie ihre Anstellung auf und fotografiert als erste, wieder freiberufliche Arbeit, das zerstörte Berliner Stadtschloß. Jede Rosette, jedes Relief, jeder Trakt, jede Plastik wurde fotografiert und später dokumentiert. Ich habe das mit einem Kollegen zusammen gemacht ein ganzes Jahr lang. Das war eine ganz tolle Arbeit. Sie wohnt im Westen und arbeitet im Osten Berlins, kein Zufall sicherlich, denn abgesehen von der politischen Situation wird dieses Grenzgängertum auch dadurch gefördert, daß sich nach Kriegsende der kulturelle Aufbau, dem ja Evas ganzes Interesse gilt, hauptsächlich in Ostberlin abspielt. Wir waren natürlich mit Feuer dabei, wieder Kultur in Gang zu bringen, und die Russen haben des unheimlich unterstützt und forciert. Die wollten, daß das Leben wieder in reguläre Bahnen kommt. Es war aber auch die ganze politische Entwicklung im Osten. Ich wußte von Anfang an, da gehöre ich hin, da will ich mit aufbauen. Wir haben den Weg für richtig gehalten und das Ziel vor Augen gehabt. Deshalb arbeitete ich im Osten. Wo ich hin kam, begegnete ich gleichen Gedanken, das war sehr wichtig. Daß wir im Westen wohnen geblieben sind, lag daran, daß unsere Wohngruppe verlangte, daß die Kommunisten, die im Westen lebten, auch dort blieben, damit der Westen nicht ganz entblößt wurde. Durch die wieder gewonnene Selbständigkeit hat sie den Vorteil, sich in ihren Arbeiten auf Themen konzentrieren zu können, die sie schon immer interessierten. Eines der von ihr favorisierten Themen ist die Theaterfotografie. Dem Theater ist sie im täglichen Leben schon immer verbunden, nicht zuletzt durch ihr Zusammenleben mit dem Schauspieler und Autor Werner Stein. Auch früher hat mich Theater schon immer interessiert. Ich war vielleicht 17 oder 18, da habe ich mich in den kältesten Wintertagen angestellt, um Elisabeth Bergner im Kaufmann von Venedig zu sehen. In alle Premieren, in die ich gehen konnte und durfte, bin ich gegangen. Schon 1945 wurde die Dreigroschenoper im Hebbeltheater wieder aufgeführt. Ich habe sie gesehen. Werner Stein vermittelte ihr eine andere, viel intimere Sichtweise und Auseinandersetzung mit dem Theater. Sie ist zwar zu allen Zeiten von ihrem Lebenspartner finanziell und beruflich unabhängig, wenn auch manchmal sehr zu seinem Ärger, doch haben beide immer wieder lange und intensive Diskussionen über theaterwissenschaftliche Themen. Stein und bald auch Eva sind eng befreundet mit Ernst Busch, einem der berühmtesten und erfolgreichsten Schauspieler des Berliner Ensembles und Bewohner der Künstlerkolonie. Über ihn macht Eva mehrere Reportagen. Da war ich mal beim Busch in der Garderobe. Er saß da und hatte noch das Kostüm des Azdak an. Daß der sein Kostüm anbehielt, das hat er sich bei keinem anderem erlaubt, das war schon toll. Ich habe eine ganze Serie davon. Das Verschmitzte in seinem Ausdruck, er ist ja ein Gauner auf dem Foto. Das ist kein privater Ausdruck. Obwohl er in der Garderobe ist, hat er mir sofort seine Rolle gezeigt. Ein ganz großer Schauspieler war das. Persönlich war er ein in sich gefestigter, beständiger und sehr treuer Mensch, der nach außen hin aber sehr borstig und unnahbar wirken konnte. Er war ein denkender Schauspieler. Busch hat sich bei der Arbeit an einem Charakter nicht nur mit dem Inhalt sondern auch mit der ganzen Zeitgeschichte, und wie beim Galilei, mit der physikalischen Geschichte des Stückes auseinander gesetzt. Er hat alles analysiert bis zum Letzten, und daraus hat er dann seine Rolle gemacht. Den Galilei wollte er zuerst gar nicht spielen. Er glaubte, nicht der richtige Typ für die Figur zu sein. Er sagte immer: das kann ich nicht, das bin ich nicht. Erst nach langen Diskussionen mit Stein bei uns zuhause ließ sich Busch überzeugen. Der Regisseur Erich Engel tat sein Übriges. Der Galilei wurde seine wichtigste Rolle, ja sogar seine Glanzrolle. Die Kemlein fotografiert neben Inszenierungen verschiedener Ostberliner Theater auch die Inszenierungen des 1949 von Brecht gegründeten Berliner Ensembles. Von Brecht und seinem politischen Theater ist sie besonders fasziniert. Er war ein Vordenker seiner Zeit. Seine Stücke wie zum Beispiel Mutter Courage und die Dreigroschenoper sind für mich unvergeßlich bis zum heutigen Tag. Die Theaterfotografie ist Eva Kemleins große Leidenschaft. Die Eigenart einer Inszenierung festzuhalten, die Schauspieler zu zeigen mit ihrer Körperlichkeit, Gestik und Mimik, jede Inszenierung ist für sie eine lebendige Auseinandersetzung. Ich habe mit Vorliebe Porträts gemacht, weil die Studien, die man dabei machen kann, hoch interessant sind. Bei Helene Weigel zum Beispiel. Also was sich bei einer so großen Schauspielerin alles im Gesicht, in der Haltung und in der Gestik ausdrückt! Es ist eben nicht nur mechanische Wiedergabe, sondern Leben. Nicht bei allen Schauspielern ist das zu finden, bei vielen ist alles nur einstudiert, da passiert überhaupt nichts, und das sieht man sofort. So dokumentiert sie über 40 Jahre Berliner Theatergeschichte, hauptsächlich in Ostberlin. Erst in den siebziger Jahren fängt sie an, auch an den Westberliner Theatern zu arbeiten und ist bis heute auf fast allen Generalproben, ob in Ost oder West, mit ihren Kameras anzutreffen. Als reine Theaterfotografin läßt sie sich jedoch nicht gern bezeichnen, eher als Fotojournalistin, da sie während all den Jahren weiterhin Reportagen über das alltägliche Leben, politische Ereignisse und vor allem über Persönlichkeiten aus dem Berliner Kulturleben macht. Ich bin euch mal dem David Oistrach begegnet. Das war ein wunderbarer Mensch. Ich habe ein Konzert von ihm fotografiert, was im Grunde genommen unverschämt und sündhaft ist. Die Kameras sind ja leider so laut, daß man jedes Auslösen hört. Ich habe Aufnahmen gemacht und wunderbares Bildmaterial erhalten. Aber wenn man da sitzt, den Musiker beobachtet und nicht auf den Knopf drücken darf, dann platzt man einfach. Ohne die Fotografie hätte ich viele Dinge nicht kennengelernt, also das waren wirkliche Erlebnisse, nicht einfach so auf den Auslöser drücken, nein richtige Erlebnisse. Für Eva Kemlein ist die Fotografie in einem elementaren Sinn zum Lebenselixier geworden. Sie versucht, ihr ganzes Leben lang die Dinge zu ergründen, zu verstehen und dann wiederzugeben. Technisch präzise, ausdrucksstark und eindringlich beschreiben ihre Fotos den Menschen oder die eingefangene Situation. Seien es Theaterfotos oder Aufnahmen des Alltags. Sie, die heute Vierundachtzigjährige, ist eine Frau voller Lebensmut, Vitalität und Hoffnungen in die Zukunft. Sie kauft sich eine vollautomatische Spiegelreflexkamera, unternimmt weite Reisen und plant noch mehrere Ausstellungen, unter anderem eine mit Thomas Langhoff am Deutschen Theater in Berlin. Eine Zeit geht ja voran. Es ist immer alles im Fluß, und es wäre natürlich stur und dumm, wenn man sich da nicht mit entwickeln würde. Der Text beruht auf einem Intervew mit Holger Münzer |
Zur Seite: BEIM LUMPENSORTIEREN UND ANDERSWO - Nach dem Bericht von Eva Kemlein, von Gerda Szepansky (1986/1995): "Blitzmädel, Heldenmutter, Kriegerwitwe", Frauenleben im Zweiten Weltkrieg (ISBN 3-596-23700-9)