Tagesspiegel vom 12.8.1999

"Absprung ins Nichts"

von Stefan Berkholz

  Wie ein Blockhaus im Flaggenwald der Hakenkreuzfahnen", so schwärmte Alfred Kantorowicz von der Künstlerkolonie am Breitenbachplatz, seinem Wohnsitz von 1931 bis 1933. Es war wie eine Insel im Meer, glaubt man seinen Erinnerungen von 1964. Tür an Tür mit den Nachbarn und Freunden Ernst Bloch, Axel Eggebrecht, Peter Huchel. Dort, in der Kreuznacher Straße, begann für den damals 32-Jährigen das politische Engagement, das im Desaster endete wie für viele Intellektuelle seiner Generation.

Im August 1930 war Kantorowicz in Ossietzkys "Weltbühne" noch für seine nationalrevolutionären Töne gerüffelt worden. Ein Jahr später, im Herbst 1931, wechselte er die Fronten. Kantorowicz wurde zum Leiter der KPD-Zelle im Künstlerblock, man organisierte so etwas wie eine überparteiliche antifaschistische Gemeinschaft. Über dem Hauseingang, Kreuznacher Straße 48, ist eine Gedenktafel für Alfred Kantorowicz angebracht. Darauf ein paar seiner Lebensstationen. Seine Tätigkeit in den 20er Jahren? Fehlanzeige. Kantorowicz war unter anderem Redakteur der "Vossischen Zeitung", verfasste Buchbesprechungen für die "Literarische Welt" und die "Neue Rundschau". Aber er stand nicht in der ersten Reihe bekannter Publizisten der Weimarer Republik.

Er war Jude und Kommunist - das reichte, um heimatlos zu werden. Emigrierte 1933 über Frankreich in die USA, heißt es auf der Tafel. Begründete die Exilorganisation "Schutzverband Deutscher Schriftsteller". Lebte seit 1946 in Berlin (Ost), seit 1957 in der Bundesrepublik Deutschland.

Ein weiter Weg bis zur Abkehr, bis zum "Absprung ins Nichts", wie Kantorowicz es ausdrückte. Über zweieinhalb Jahrzehnte blieb er der Roten Fahne treu, über alle Irritationen hinweg, über verloren gegangene Freundschaften, die Moskauer Schauprozesse, den Hitler-Stalin-Pakt. Ja, Kantorowicz war, obwohl er das nicht wahrhaben wollte, lange Zeit ein gläubiger Stalinist. Erst Ungarn, 1956, gab den Ausschlag. Die sowjetischen Panzer und eine neue Eiszeit in der DDR.

Nun wurde auch Kantorowicz in die Enge getrieben, nicht nur seine privilegierte Position als Professor und Leiter des Germanistischen Instituts an der Berliner Humboldt-Universität stand auf dem Spiel. Gefängnis drohte, die Drangsalierungen nahmen zu. Im August 1957 flüchtete Kantorowicz nach West-Berlin, später ging er nach Hamburg. Aber er ließ sich nicht zum wutschnaubenden oder reumütigen Bekehrten machen, obwohl er im Osten verteufelt und totgeschwiegen wurde. Und der Westen solche Heimatlosen gut gebrauchen konnte für die eigene Propaganda.

Kantorowicz' Verdienste bleiben. Sie finden sich in den Bibliotheken. Bereits 1947 gab er zusammen mit Richard Drews den Band "verboten und verbrannt" heraus, eine erste Bestandsaufnahme zur Exilliteratur. Weitere Arbeiten zum Thema folgten. Vom Westen aus verwies er auf die politische und geistige Spaltung der Deutschen - nicht als Kalter Krieger, sondern als melancholischer Traditionalist. In der DDR hatte Kantorowicz eine 12-bändige Werkausgabe Heinrich Manns herausgegeben. Im Westen kannte kaum einer den älteren Bruder des Nationaldichters. "Das ist ganz generell eine Erscheinung des Kalten Krieges", so Kantorowicz.

Diesen ungesicherten Posten zwischen den Ideologien hatte Kantorowicz auch drei kurze Jahre nach dem Krieg eingenommen, ehe er dann, mit Lehrverträgen, in Ost-Berlin auf Linie gebracht wurde. Von 1947 bis 1949 gab Kantorowicz die ambitionierte kulturpolitische Zeitschrift "Ost und West" in der Sowjetischen Besatzungszone heraus. Ein Nachdruck erschien 1979 beim westdeutschen Athenäum Verlag. Darin kann man noch heute den Geist jener noch nicht ganz so verhärteten Zeit spüren.

Mit verschiedenen Erinnerungsbänden sorgte Kantorowicz schließlich für geschichtlichen Hintergrund aus persönlicher Sicht, freilich auch für Rechtfertigungen seiner Parteimitgliedschaft. So liegt sein "Spanisches Kriegstagebuch", die Aufzeichnungen über den Spanischen Bürgerkrieg der 30er Jahre, in einer ostdeutschen Fassung von 1948 und in einer veränderten Westfassung von 1979 vor.

Am 27. März 1979 starb Alfred Kantorowicz in Hamburg 79-jährig. Heute, zwanzig Jahre später, ist von seinem umfangreichen Werk nur noch die sogenannten "Nachtbücher" im Hamburger Christians Verlag (336 Seiten, 48 Mark) erhältlich, ordentlich ediert und erläutert, mit einem Aufsatz auch Leben und Werk skizzierend. Im Hauptteil die Tagebuchaufzeichnungen aus dem französischen Exil der dreißiger Jahre, nicht nachträglich geschönt, wie der Verlag verspricht, eine Ergänzung und Korrektur also zu Kantorowicz' nach dem Krieg angelegten Erinnerungsbüchern.

Gerade noch rechtzeitig zu seinem 100. Geburtstag ist ein Sonderheft der Zeitschrift "europäische ideen" hinzugekommen, betreut von Klaus Täubert, herausgegeben von Andreas W. Mytze. Es enthält unter anderem frühe Texte, Briefe an Bertolt Brecht, Wilhelm Pieck, Arnold Zweig, sowie Gedichte und Dokumente seines 1951 aufgeführten Schauspiels "Die Verbündeten". Eine lobenswerte Bemühung. Zu wenig allerdings, um Kantorowicz' Leben und Werk gerecht zu werden.

 
Veröffentlichung des Textes mit freundlicher Genehmigung durch den Autor Stefan Berkholz
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