Ein ehemaliger Student erinnert sich

von Hans - Jürgen Reinecke (Wilmersdorfer Stadtrat für Finanzen bis 1992) aus KünstlerKolonieKurier Nr. 3 (1990/91)


Vor knapp 35 Jahren lernte ich als Student im 1. Semester Alfred Kantorowicz an der Humboldt-Universität in Ostberlin kennen. Er hielt eine Vorlesung über Neue Deutsche Literatur.

Ich krame in meinen Erinnerungen: Der erste Eindruck, den wir erhielten, war ein dunkler, nur unzureichend beleuchteter großer Hörsaal in der altehrwürdigen Universität, die den Krieg einigermaßen überstanden hatte. Das Mobiliar war verbraucht. Wir saßen als Hörer eng zusammengepfercht, aber wie es damals so üblich war, herrschte große Disziplin.

Ich begann im September 1956 mein Germanistikstudium. Aus allen Teilen der DDR kamen meine Kommilitoninnen und Kommilitonen. Es begann der Prozeß des Sichkennenlernens, des Abtastens der Studienkolleginnen und -kollegen.

In einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland kann sich der "Normalbürger" nicht vorstellen, wie ein solcher Prozeß in einem diktatorischen Staat abläuft. Wie sich später herausstellte, waren fast alle, die damals mit mir das Studium anfingen, dem Regime kritisch gegenüber eingestellt; sie lehnten es als Lebensform ab. Jeder hatte eine besondere Art des doppelten Denkens und Sprechens entwickelt, sozusagen die offizielle Lesart, wenn man mit staatlichen Autoritäten sprach und die freie Rede, wenn man unter Gleichgesinnten war. Wir hatten ein Gespür entwickelt, wie man aus Andeutungen, kurzen Bemerkungen u.ä. in offiziellen Tiraden die wahre Meinung erkennen konnte.

Viele von uns hatten dies erstaunlicherweise - wie wir damals meinten - auch bei Alfred Kantorowicz entdeckt. Er war ein von der Obrigkeit unterstützter und beachteter antifaschistischer Kämpfer, ein wahrer Streiter für die "Arbeiter- und Bauernmacht". Unser hochentwickeltes Gespür hatte uns dennoch nicht betrogen.

Ein Jahr nach der ersten Vorlesung ging Alfred Kantorowicz den Weg, den er für sich als den richtigen empfinden mußte: er trennte sich vom SED-Staat. Sein Ansehen bei den Studenten, jedenfalls bei denen, die von der Diktatur des Proletariats nicht viel hielten, wuchs danach noch mehr.

Ich erinnere mich auch deutlich an die erregten Diskussionen, die wir im Herbst 1956 untereinander anläßlich der Ereignisse in Ungarn führten. Als Benutzer der englischen Seminarbibliothek hatten wir als einzige der ganz wenigen in der DDR Zugang zu den englischen Tageszeitungen, in denen über den Aufstand natürlich ausführlich berichtet wurde. Diese Diskussionen brachten sehr schnell Klarheit, wo der einzelne stand und auf wen man sich verlassen konnte.

Wie wir wissen, sind auch die Wegbereiter des Volksaufstandes in Ungarn zum Teil Weggefährten von Alfred Kantorowicz gewesen. Geschichte wiederholt sich nicht, aber heute scheint es so, daß die Geschichte manchmal merkwürdige Umwege macht, um doch zu ihrem Ziel zu kommen.

Foto: mit frdl Genehmigung durch Bildarchiv preußischer Kulturbesitz, Text mit freundlicher Genehmigung durch den Autor Hans-Jürgen Reinecke
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