Alfred Kantorowicz, Schriftsteller

geb. 12.8.1899 in Berlin, gest. 27.3.1979 in Hamburg
ehem. Bewohner der Künstlerkolonie Berlin
Kreuznacher Str. 48, dort auch Gedenktafel


Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, Redakteur bei der «Vossischen Zeitung» und Mitarbeiter der «Weltbühne». Emigrierte 1933 nach Frankreich , war Offizier der Internationalen Brigade im Spanischen Bürgerkrieg, lebte danach in den USA, nach 1946 in Ost-Berlin, Professor an der Humboldt-Universität, 1947-49 Herausgeber der Zeitschrift «Ost und West», ging 1957 (überraschend) in die BRD.
Alfred Kantorowicz
Foto: mit frdl Genehmigung durch Bildarchiv preußischer Kulturbesitz

Alfred Kantorowicz ein streitbarer Humanist

(Artikel aus dem KünstlerKolonieKurier Nr. 2 1991/1992 von Waltraud Thiel)


Wenige Monate vor der Jahrhundertwende, "noch unter dem letzten Abglanz des 19. Jahrhundert" wurde Alfred Kantorowicz im kaiserlichen Berlin geboren und wuchs dort auf. Siebzehnjährig zog er in der Ersten Weltkrieg. Als er 1918 von der Westfront heimkehrte, war eine Epoche der deutschen Geschichte beendet.

Studienjahre in Freiburg, Erlangen und München folgten. Bekanntschaften und Freundschaften mit Schriftstellern, Künstlern und Literaturwissenschaftlern, darunter Lion Feuchtwanger, Bruno Frank, Klabund, Bertolt Brecht, sollten seine weitere geistige Entwicklung bestimmen.

1924, in seine Geburtsstadt zurückgekehrt, wurde Kantorowicz Mitarbeiter an der "Vossischen Zeitung". Zwei Jahre später berief ihn die "Neue Badische Landeszeitung" in Mannheim zu ihrem leitenden Kulturredakteur und Theaterkritiker. 1928 trat er als Pariser Kulturkorrespondent der »Vossischen Zeitung« und der Ullstein-Blätter eine teilweise Nachfolge Kurt Tucholskys an.

Als Kantorowicz 1929 aus Paris nach Berlin zurückkehrte, um für die "Vossische Zeitung", die "Literarische Welt" und andere Blätter literaturkritische und essayistische Beiträge über das deutsche Kulturleben zu schreiben, waren die ersten Anzeichen der Weltwirtschaftskrise bereits unübersehbar, die zunehmende Arbeitslosigkeit, das bedrohliche Wachstum des Nationalsozialismus. Trotz einer nahezu "unüberwindlichen Scheu vor gruppenmäßiger organisatorischer Bindung und Unterordnung unter Parteidisziplin" trat er im Herbst 1931 der Kommunistischen Partei bei. Sie erschien als diejenige Partei, die die Unterdrückten und Entrechteten am konsequentesten verteidigte, als einzige effektive Kraft im Kampf gegen den anwachsenden Faschismus.

Unterstützt wurde dieser Entschluß durch den Prozeß gegen Carl von Ossietzky, der vor dem Reichsgericht in Leipzig 1931 wegen Landesverrats zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Die offenbare Rechtsbeugung war nicht nur Anlaß zur Empörung, sondern wurde auch als "Vorgeschmack kommenden Unheils, als Vorbote künftiger Rechtlosigkeit" erkannt.

"s'war eine gute Gemeinschaft", schreibt Alfred Kantorowicz in seinem Deutschen Tagebuch. "Ich werde den Gefährten, an deren Seite ich damals (...) die geistigen, politischen und notfalls in Straßen- und Saalschlachten handgreiflichen Kämpfe gegen den Naziterror durchfocht, immer ein achtungsvolles Gedenken bewahren. Funktionäre, politische Geschäftemacher, Denunzianten, Spitzel waren nicht unter denen zu finden, die in den sogenannten Künstlerblocks am Laubenheimer Platz (heutiger Ludwig-Barnay-Platz Anm.d.R.) in Berlin-Wilmersdorf eine in Treu und Glauben verschworene Kampfgemeinschaft bildeten."

Von Versammlungen, Schulungen, Zellensitzungen, Thesen, Deklarationen und Beschlüssen weitgehend unbehelligt, sangen die Mitglieder der Kommunistischen Zelle unbekümmert nach der Melodie des damals weitverbreiteten Schlagers "Die Sache wird schon schiefgehen - jawohl Herr Kapitän", "Du mußt mal ins Parteihaus, die Linie frisch lackiern." Die Künstlerkolonie war damals ein verlorenes Häuflein, "auf Vorposten inmitten des schon weitgehend nazifizierten Westens Berlins". In seinen Erinnerungen beschreibt Kantorowicz die Situation.

"Tatsächlich war der Rote Block wie ein Blockhaus im Flaggenwald der Hakenkreuzfahnen. Das zeigte sich so recht in jenem hektischen Jahr 1932, in dem die Zahl der Arbeitslosen auf über sechs Millionen anschwoll, die legale preußische Regierung durch den Staatsstreich des Herrn von Papen am 20. Juli gewaltsam abgesetzt wurde und in dem eine Wahl der anderen folgte: zwei Wahlgänge zur Reichspräsidentenschaft, die den kaiserlichen Marschall von Hindenburg abermals im höchsten Amt der Republik bestätigten, zwei Reichstagswahlen und eine Wahl zum preußischen Landtag, wechselnde Regierungen, Ausschreitungen, Hungerdemonstrationen, ein bürgerkriegsähnlicher Zustand, in der nachgerade jeder seine Farben offenbarte, Schwarz-Rot-Gold, Schwarz-Weiß-Rot, Hakenkreuz, Hammer und Sichel. In den drei Künstlerblocks aber zeigte sich auch nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 bis zum Tage des Reichstagsbrandes nicht eine einzige Fahne mit dem Hakenkreuz. Wohl waren die meisten von uns Humanisten, jedoch wir waren streitbare Humanisten mit dem Akzent auf streitbar. Wir schlugen zu und schlugen zurück. Rückten die SA-Stürme an, so waren wir vorbereitet, sie zu empfangen. Vierhundert von den rund tausend Bewohnern der drei Blocks waren im antifaschistischen Kampfbund Künstlerkolonie vereinigt und wir durften dazu stets auf die Hilfe anderer militanter Gruppen in Wilmersdorf, Steglitz, Friedenau zählen. (...) An Wahltagen prangten die drei Blocks trotzig im Schmuck Hunderter von schwarz-rot-goldenen und roten Fahnen und Transparenten. Von weit her, aus Wedding, aus dem Osten Berlins pilgerten Arbeiter zu uns, um sich dies einzigartige, ermutigende Schauspiel einer völlig nazifreien Kolonie im Westen zu betrachten."

Nach dem Reichstagsbrand in der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 gehörte Kantorowicz zu den Künstlern und Intellektuellen, die der ersten Verhaftungswelle ausgesetzt waren. Bei einem Freund fand er Unterschlupf. Von dort aus unternahm er noch einige Aktionen, den Naziterror zu bekämpfen.

"In einem Keller stand noch ein Vervielfältigungsapparat, und die Genossen zogen den Text eines bereits von mir auf eine Wachsplatte getippten Flugblattes gegen die Nazis ein paar hundertmal darauf ab, und wir steckten die Blätter noch vor Morgengrauen in die Briefschlitze der Bewohner der Künstlerblocks am Laubenheimer Platz (heutiger Ludwig-Barnay-Platz Anm.d.R.) oder hefteten sie an Mauern und Bäume, verstreuten sie vor den Eingängen zur U-Bahn, neben Zeitungsständen, auch in der Nähe größerer Betriebe. Wir beschafften uns einen Eimer voll guter, schwer auslöschlicher Ölfarbe und beklierten die Häuserwände und das Straßenpflaster mit unseren Parolen: ‘Für Arbeit, Freiheit, Brot - der Künstlerblock bleibt rot!’ - Gegen Krieg und Barbarei - wählt Kommunisten, Liste drei!’ - denn es wurde ja am 5. März noch einmal, das letzte Mal zum Reichstag gewählt. Wir vereinigten uns zu kleinen, stimmkräftigen Stoßtrupps, die in den Höfen der Blocks ‘Blitzdemonstrationen’ wagten, mit kurzer, lauter Ansprache an die aufgeschreckten Bewohner, einige unisono gebrüllten Kampfparolen - nur um zu zeigen, daß wir noch da waren. Dann kamen die Polizeiflitzer und Nazistreifen und jagten uns."

Mit der Flucht nach Paris im März 1933 begann Kantorowicz’ langes Exil. Im Herbst 1936 ging er nach Spanien, um in den Internationalen Brigaden gegen die Truppen Francos zu kämpfen. Zurückgekehrt nach Frankreich, wurde er bei Ausbruch des Krieges in verschiedenen französischen Lagern interniert. 1941 gelang es ihm, in die Vereinigten Staaten zu flüchten, wo er nach langwierigen bürokratischen Prozeduren 1946 ein Einreisevisum erhielt - zu einem Zeitpunkt, als er bereits seine Rückkehr nach Deutschland beschlossen hatte. Im Dezember 1946 traf er in Bremerhaven ein und gelangte Anfang 1947 endlich nach Berlin, wo er jahrelang sowohl im Westteil als auch im Ostteil der Stadt seinen Wohnsitz hatte.

Mit der Zeitschrift "Ost und West", für die er von der sowjetischen und der amerikanischen Besatzungsmacht eine Lizenz erhalten hatte, versuchte er, "eine Brücke der Verständigung zwischen den Deutschen aller Zonen zu schlagen". Ein Unternehmen, das zum Scheitern verurteilt war. 1950 wurde das Erscheinen der Zeitschrift, die sich jeglicher Einflußnahme widersetzt hatte, eingestellt. Fast zur gleichen Zeit wurde er Professor für Neueste Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität. Er begründete und leitete das Heinrich-Mann-Archiv bei der Akademie der Wissenschaften in Berlin-Ost.

Auf Grund seiner kritischen Haltung, seines Widerwillens gegen die Eingriffe von Funktionären in wissenschaftliche und literarische Arbeit, geriet er immer mehr in Gegensatz zum Staat.

1957 entschloß er sich zur Flucht in den Westen. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel. Er wußte, daß er in der Zeit des Kalten Krieges als vorbelasteter Flüchtling kam, "ohne Rückendeckung". Als vormaliger Kommunist, Spanienkämpfer, Emigrant, linker Schriftsteller und Jude dazu, trug er eine Hypothek, die es ihm schwer machte, Fuß zu fassen in einer Bundesrepublik, in der ehemalige größere und kleinere Nazis wieder in Ämtern und Ministerien saßen und Macht ausübten. Bis 1962 lebte er in München. Danach ging er nach Hamburg. Er mußte um seine Anerkennung als politischer Flüchtling aus der DDR kämpfen, bis das Bundesverwaltungsgericht 1966 seine endgültige Entscheidung fällte.

In Hamburg wurde er Mitglied der "Freien Akademie der Künste" und fand noch späte Anerkennung. Er erhielt 1969 den Thomas-Dehler-Preis des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen.

Engagiert und kritisch focht Kantorowicz stets gegen Behördenwillkür und tendenzielle Kulturpolitik der jeweils Herrschenden - in beiden deutschen Staaten. Am 27. März 1979 ist er gestorben.

(Zitate aus Alfred Kantorowicz, Deutsches Tagebuch, erster und zweiter Teil, Berlin 1978 und 1979 im zweiten Teil seiner "Deutschen Tagebücher" berichtet Kantorowicz über seine Lehrtätigkeit an der Humboldt-Universität.



Berichte über NS-Aktionen in der Künstlerkolonie 1932/33 und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie unter KüKo AKTUELL

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