Kat Kampmann, Malerin

Kat Kampmann, Malerin, Ehefrau von Walter Kampmann ("Novembergruppe" - "Entartete Kunst") war bis zu ihrem Tode am 26.2.1997 Bewohnerin der Künstlerkolonie Berlin)



Totenrede für Kat Kampmann,
vom 07. März 1997
mit freundlicher Genehmigung des Autors



Kat Kampmann
Selbstportrait 1979 - aus KünstlerKolonieKurier Nr.4 von 1995
mit frdl. Genehmigung durch Kat Kampmann und deren Erben

Totenrede vom 07. März 1997
(Holger Münzer)

"Je ne regrette rien" (Edith Piaf) - Ich habe nichts zu bereuen...

Dieses Lied war ein Lieblingslied von Kat Kampmann, ein Lied, das sie immer wieder gerne hörte, eine Zeile, die als Lebensmotto für das wechselreiche Leben von Kat Kampmann durchaus gelten kann.

1908 in Berlin-Schöneberg geboren, besuchte sie das Privatlyzeum in der Steglitzer Lindenstraße, nach dem "Einjährigen" sollte sie einen Beruf erlernen, der damals für ein Mädchen vorstellbar war: eine Handelsschule. Die Gemeinde hatte sie zwar auf ihre Fähigkeiten geprüft und festgestellt, daß nur ein künstlerischer Beruf in Frage kam. Aber an Malerin dachte damals noch niemand, Malerinnen gab es ja kaum, das war damals nicht denkbar.

Doch sie ging auf die Textil- und Modeschule der Stadt Berlin an der Warschauer Brücke, das war auch die billigste Lösung, der Vater war nicht bereit, Geld in die Ausbldung der Tochter zu investieren. Ihre Oma, die selbst sehr musisch war, war wohl die erste, die das akzeptiert hatte. Die Mutter gibt dem Drängen der Tochter nach.

Sie wollte nicht, daß Kat - Käthe, liebevoll Kathinka genannt - einen Büroberuf erlernte. Sie förderte die Amibtionen der Tochter, ohne daß der Vater etwas davon wußte. Als er es dann erfuhr, gab es eine Ohrfeige! Und auf der Schule - 18jährig - lernte sie als Lehrer Walter Kampmann kennen. Von ihm hat sie sehr viele künstlerische Eindrücke bekommen, wie sie berichtet. Sie absolvierte eine vierjährige Ausbildung und wurde Mitarbeiterin von Walter Kampmann in der Arbeitsgemeinschaft für angewandte Kunst. Sie sollte gar Lehrerin werden an dieser Schule, was sie aber nicht wahrnahm.

Wie sie es formulierte, war sie ab 1930 "frei" und arbeitete auch für Auftraggeber, sie hatte einen eigenen Raum mit Webstuhl und fertigte Stoffe an. Sie machte nicht "Handstickerei", wie das damals für Frauen üblich war, vielmehr arbeitete sie für Messen und auch für die "Große Berliner Ausstellung", wo auch Künstler wie Miro und Picasso ausstellten.

Nachdem sie Walter Kampmann bereits zehn Jahre kannte, heiratete sie ihn 1935, damals 28-jährig. Der Altersunterschied zu ihrem Mann war erheblich, das störte sie jedoch wenig. Sie - immer irgendwie kindlich aussehend - nahm den Mann, den sie bewunderte. Mit dem Mann übernahm sie drei Kinder aus erster Ehe: b>Bodo, Horst und Winnetou. Dazu kamen bald drei eigene Kinder: Rüdiger-Utz, Isa-Gabriele und Cornelia Angelika (genannt Anna), wie wir bemerken, alles Doppelnamen, die jedoch bald zu Kosenamen schrumpften. Jedenfalls waren plötzlich 6 Kinder da, eine große Familie, dazu die Schwiegermutter.

Kat Kampmann bezeichnete die Machtergreifung Hitlers als eine Katastrophe. Die kritischen Künstler hatten keine Chance, Walter Kampmann, Mitglied der "Novembergruppe", verlor seine Stellung an der Modeschule. Zwar genoß Kat Kampmann einige Zeit die Situation, in der Gruppe bewundert zu werden, es waren sonst keine Frauen dabei, es waren grandiose Abende im eigenen Lokal in der Meinekestraße.

Doch: das Kesseltreiben ging los: Mitglieder der "Novembergruppe" emigrierten oder ließen sich nicht mehr sehen. Die Familie zog bald um nach Rangsdorf, um dort autark zu leben und die eigenen Kartoffeln zu pflanzen. Auch hier waren noch großartige Treffen, Mutter kochte und versorgte die Gäste so gut, daß die Kinder fast zu kurz kamen. Es folgten Arbeitsverbot, Hausdurchsuchungen, es kamen Nazitrupps. Die Freunde blieben bald weg, die Situation spitzte sich politisch und wirtschaftlich zu. Sie versteckte Walter Kampmann im Keller, weil er diese Hausdurchsuchungen nicht mehr durchgestanden hätte, er war herzkrank. Mit dem Sohn Winnetou verbrannte sie die Akten der Novembergruppe, obwohl Walter Kampmann ja nicht etwa Vorsitzender der Gruppe war sondern nur einfaches Mitglied. An künstlerische Arbeit war damals nicht zu denken, Kat nähte und webte Stoffe, hatte auch eine Jüdin, die nähte und die sie versteckte. Man mußte einfach überleben. Aber "rausgehen", das heißt: Deutschland verlassen, das konnten sie nicht, die Familie war zu groß: 6 Kinder plus Schwiegermutter!

1945 starb Walter Kampmann, nun war Kat ganz alleine mit den 6 Kindern und mußte sie ernähren. Und das tat sie: sie webte, machte Stoffe und malte Postkarten, die sie verkaufte.

1953 zog die Familie um nach Berlin, raus aus der DDR, weg von der SED.

Fast könnte man sagen: ab hier erst begann das eigenständige künstlerische Leben der Kat Kampmann. Sie begriff, daß mehr in ihr steckte als nur Handweberei, Modezeichnungen und Postkarten. Sie begann, sich selbständig zu entwickeln.

Sie hatte ja eine gute Schulung gehabt und beherrschte großes handwerkliches Können. Aber sie hatte es sich eigentlich nie zugetraut, wohl auch unter dem fast erdrückenden Eindruck der großen Persönlichkeit von Walter Kampmann. Sie begann frei zu malen. Dabei benutzte sie zunächst ganz einfache Mittel: Kugelschreiber, Faserstifte, Aquarell, später folgten Radierungen, wenige Linolschnitte, Öl und Buntstifte.

Entgegen der modernen Zeitströmung bleibt sie zunächst gegenständlich, doch Ende der 50-er Jahre wendet sie sich der abstrakten Malerei zu, sie experimentiert mit sich selbst. Sie bezeichnete ihren Stil selbst als "lyrisch expressiv".

Erstmalig stellt sie 1958 ihre Bilder auf der Großen Berliner Kunstausstellung aus. Ihre abstrakten Motive sind der Natur und deren Strukturen abgeschaut:
Steine, Baumrinde, Strukuren aus dem Mikrokosmos. Sie greift zu kräftigen leuchtenden Farben. Immer wieder ist es die Umwelt, die Kat Kampmann beschäftigen, seien es heimische Impressionen wie auch Eindrücke von Reisen, die sie gemacht hat, z.B. nach Italien.

Dabei läßt sie ihrer träumerischen Natur freien Lauf, etwa bei den "Baumfrauen", gleichzeitig jedoch auch hier die Umwelt und das Träumerische im Menschen, das es zu schützen gilt vor den zerstörerischen Eingriffen der Menschheit.

In den 60-er Jahren - sie ist inzwischen bereits über 50 Jahre alt - entdeckt sie für sich gar die Hippiezeit und begibt sich in die Nähe der Ironie, ohne Scheu vor bürgerlichen - oder besser: spießbürgerlichen - Tabus. Man könnte fast sagen: je älter sie wurde, desto frecher und freier wurde ihre Fantasie und ihre Themenwahl. In den 70-er Jahren wendet sie sich konsequenterweise gesellschaftlichen Themen zu, es entstehen sozialkritische Bilder.

So beobachtet sie die Drogen und zeigt die Vereinsamung der Abhängigen, die der Wirklichkeit zu entrinnen suchen, um nach der Flucht in eine Traumwelt umso härter in eine trostlose Wirklichkeit zurückzufallen. Sie beschreibt aber auch das Elend der Dritten Welt: eines der Bilder, das mich am meisten gepackt hat, war etwa die Bleistiftzeichnung eines Kindes, den Kopf von Mullbinden verhüllt, das "Sevesokind".

Die stumme Anklage eines verbrannten Kindes, in dessen schmerzvollem Gesicht man einen eindringlichen Apell an die grausame Erwachsenenwelt zu lesen glaubt.

Dabei blieb sie im Herzen kindlich und zart, eigentlich zerbrechlich. Ich habe ihr mal eine Rippe gebrochen, weil ich sie in meiner Liebe allzu stark in meine Arme genommen hatte. Dabei hat sie gelacht.

Im Herzen blieb sie naiv, einige ihrer Bilder lehnen sich an die sogenannte "naive Malerei" an. Doch ganz im Gegensatz dazu bricht sie immer wieder aus mit ausgeprägten Strukturen und ausgefallenen Themen, mit Farbkraft und dem Mut zum noch nicht dagewesenen.

Wir trauern hier, weil eine Mutter gestorben ist, Großmutter, Urgroßmutter. Wir trauern aber auch, weil eine große Künstlerin gestorben ist. Und wir trauern, weil ein großartiger Mensch gestorben ist: klein und zierlich gebaut, kindlich im Wesen und doch so tapfer und so stark.

Sie hatte ein relativ langes Leben. Wir dürfen nicht zürnen. Es war ein erfülltes Leben. Die Natur des Menschen ist nicht für die Ewigkeit bestimmt. Wir kommen aus der Erde, wir alle gehen in die Erde zurück. Zum Schluß bleibt keine Frage, der Tod ist die endgültige Antwort auf das Leben. Nach dem Frühling kommt der Sommer, nach dem Sommer kommt der Herbst, nach dem Herbst kommt der Winter, wo alles abstirbt. Das ist der Lauf der Welt.

Liebe Kat,
wir danken Dir, daß Du uns so reich beschenkt hast,
wir danken Dir, daß Du uns so sehr geliebt hast,
wir danken Dir, daß Du uns so große Freude bereitet hast,
wir können Dir wenig anderes mitgeben auf diesem letzten Weg als diesen unseren Dank, unsere Liebe
und unser Erinnern.

Ruhe
in Ewigkeit.

So sei es.


Nachruf aus KünstlerKolonieKurier Nr.5 (1998)


Kat Kampmann in der KünstlerKolonie (1991) - Foto: Elisabeth Kiele

Die Malerin Kat Kampmann, die wir im vorigen Kurier Nr. 4 mit einem kleinen, teils farbigen Katalogteil ausführlich dargestellt haben, ist 88jährig am 26.2.97 verstorben. "Je ne regrette rien" (Edith Piaf) - Ich habe nichts zu bereuen, ein Lied, das Kat Kampmann immer wieder gerne hörte, eine Zeile, die als Lebensmotto für das wechselreiche Leben von Kat Kampmann durchaus gelten kann, wurde zu ihrer Beerdigung gespielt, die Totenrede hielt Holger Münzer.

1908 in Berlin-Schöneberg geboren, besuchte sie das Privatlyzeum in der Steglitzer Lindenstraße. An den Beruf als Malerin dachte damals noch niemand, Malerinnen gab es ja kaum, das war damals nicht denkbar.Soging sie auf die Textil- und Modeschule der Stadt Berlin, das war auch die billigste Lösung. Und auf der Schule - 18jährig - lernte sie als Lehrer Walter Kampmann kennen. Nachdem sie Walter Kampmann ("Novembergruppe") bereits zehn Jahre kannte, heiratete sie ihn 1935, damals 28-jährig. Doch: das Kesseltreiben ging los: Mitglieder der "Novembergruppe" emigrierten oder ließen sich nicht mehr sehen. Die Novembergruppe stand für die sogen. "Entartete Kunst". 1953 zog die Familie um nach Berlin, raus aus der DDR, weg von der SED.

Erst begann das eigenständige künstlerische Leben der Kat Kampmann. Sie begriff, daß mehr in ihr steckte als nur Handweberei, Modezeichnungen und Postkarten. Sie begann, sich selbständig zu entwickeln. Sie hatte es sich eigentlich nie zugetraut, wohl auch unter dem fast erdrückenden Eindruck der großen Persönlichkeit von Walter Kampmann. Jetzt begann sie, frei zu malen. Ende der 50er Jahre wendet sie sich der abstrakten Malerei zu, sie experimentiert mit sich selbst. Man könnte fast sagen: je älter sie wurde, desto frecher und freier wurde ihre Fantasie und ihre Themenwahl, ihre Malerei.

Wir trauern um einen großartigen Menschen, klein und zierlich gebaut, kindlich im Wesen und doch so tapfer und so stark.

Veröffentlichung von Texten und Bildern mit freundlicher Genehmigung durch Kat Kampmann und deren Erben als auch den Autor und die KünstlerKolonie Berlin e.V.
Bilder und Texte im Archiv der KünstlerKolonie Berlin eV

Personenverzeichnis:
Pfarrer Rieger
Kinder aus erster Ehe (Walter Kampmann):
Bodo, Horst, Winnetou sr.
Kinder aus zweiter Ehe (Kat):
Rüdiger-Utz, Isa-Gabriele, Cornelia-Angelika (Anna)
Kinder von Utz: Paco + Kecia
Kinder von Isa: Malco, Morissa (anwesend) - mit Ehemann Marc
Kind von Anna (und Joachim Tennstedt - genannt: "Hacki", anwesend): Robinson
Kinder von Bodo: Caroline, Susanne (genannt Puze), Olivia, Nils (gestorben), Pamela
Kind von Horst: Gundula (Kanada)
Kinder von Winnetou: Winnetou jr. (anwesend)
Frau von Winnetou (anwesend): Gilda
Urenkel + Kinder von Winnetou jr.jr: Jil (Mädchen)
Holger Münzer, am 7. März 1997


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