"In meinen Augen war Jesus ein guter Jude" zitiert Helene Jacobs 1982 in einem Interview mit
Holger Münzer den jüdischen Jungen Klaus, dessen Leben sie nicht retten konnte. Nach der Erfahrung von Nazi-Diktatur und Judenverfolgung wird seine Erkenntnis in ihren Augen zum Gebot theologischer Neubesinnung: Nie wieder dürfe es geschehen, daß die Kirchen das Judentum vergessen und durch eine antijüdische Haltung einem mörderischen Rassenwahn ideellen Vorschub leisten. 1949 wird im Rahmen des amerikanischen Reeducations-Programms die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Berlin gegründet, ein Verein, dessen Ziel Ökumene heißt. Gleich im ersten Jahr gehört die Jacobs dazu. Denn der Ökumene traut sie zu, was in der Kirche so häufig und so folgenschwer versäumt wurde: verkrustete Feindbilder abzubauen und sich auf das Wesentliche eines wahren Christentums zu besinnen, und zwar die weder auf Konfessions- noch Religionszugehörigkeit reduzierbare (Mit-)Menschlichkeit. Helene Jacobs weiß, wovon sie ihrem Gegenüber erzählt. Während des Dritten Reiches hat sie, die Sekretärin eines jüdischen Patentanwaltes und seit 1934 Mitglied der Bekennenden Kirche, sich einer Gruppe um den Juristen Frank Kaufmann angeschlossen, die geheimen Widerstand gegen die braunbehemdeten Mörder leistet. Seit 1940 hilft die Gruppe jüdischen Verfolgten unterzutauchen und das Land zu verlassen. Immer wieder riskiert Frau Jacobs ihr Leben, indem sie Menschen in ihrer Wohnung versteckt und versorgt, u.a. auch den Grafiker Günther Rogoff, der hier Ausweise von Glaubensgenossen abändert, die sie ihm bringt - bis im Sommer 1943 ein anonymer Denunziant ihrer Arbeit ein böses Ende setzt. Jacobs und Rogoff überleben, Kaufmann nicht.

"Helene Jacobs", so eine Freundin, "war eine ganz normale Frau. Sie bekam nur früher mit, was passierte, reflektierte das, was sie sah und reagierte darauf." Was Frau Jacobs damals nicht erfährt, ist, daß sie an einem Ort wirkt, der schon antinazistische Tradition hat: in der Künstlerkolonie am
Laubenheimer Platz in Berlin-Wilmersdorf.
Einen monolithischen Block bilden die Bewohner der Künstlerkolonie nicht, eher eine demokratische Gemeinschaft. Das Leben ist in Gruppen organisiert, viele kennen einander nicht, selbst wenn sie Tür an Tür leben. Nicht alle sind an der Herstellung antifaschistischer Flugblätter beteiligt, nicht alle zeichnen kommunistische Parolen auf die Bürgersteige oder nehmen an geheimen Treffen teil. Doch fast überall bietet sich Schutz und Zuflucht vor den marschierenden Schreihälsen.
Der Tag der Rache läßt denn auch nicht lange auf sich warten. Knapp drei Wochen nach dem Reichstagsbrand stürmt als Schutzpolizei getarnte SA die Künstlerkolonie. Wer nicht schon zuvor geflüchtet ist wird verhaftet und interniert: jüdische Intellektuelle, Demokraten, Kommunisten. Und da Künstlern nicht zu trauen ist, besetzen nun die Nazis freigepreßte Wohnungen. Man schleust parteinahe Polizisten hier ein, zum Zwecke nationalsozialistischen Rechts und Ordnung. Deren "Wilmersdorfer Witwen" leben z.T. auch heute noch hier.
Durch Zufall erhält Helene Jacobs 1932 eine Wohnung in der Kolonie, nicht wissend, daß andere für ihr heimisches Glück bitter bezahlt haben. Aber sie zeigt sich der Umgebung würdig. Obzwar nicht unpolitisch - noch als fast 80jährige schwärmt die überzeugte Demokratin von der Weimarer Verfassung - ist ihr Handeln eher als das ihrer Vorstreiter christlich-sozial motiviert.
Neben diesem individuellen, christlich-sozial motivierten Widerstand existierte unbemerkt eine kleine Gruppe, die politisch arbeitete: Alexander Graf Stenbock-Fermor (der "Rote Graf"), Josef (Beppo) Römer (aus der sogen. "Rote Kapelle"), Willy Sachse und der Schauspieler Hans Meyer-Hanno unterhalten in ihrer Nachbarschaft eine politische Widerstandsgruppe, die Flugschriften herstellt und verteilt, bis sie Anfang 1942 von der Gestapo aufgedeckt wird. Dieses ist aber ein eigenes Kapital.
Pünktlich zum 70. Jahrestag der Grundsteinlegung der Künstlerkolonie am Laubenheimer Platz wurde jetzt auf Initiative der Berliner Geschichtswerkstatt eine Gedenktafel für die 1993 im Alter von 86 Jahren verstorbene Helene Jacobs an ihrem Haus Bonner Str. 2 angebracht - Anlaß genug sich eines Ortes zu besinnen, an dem mehrere Menschen an einem kleinen, aber tröstlichen Kapitel in der jüngeren deutschen Geschichte mitgeschrieben haben.
Kirsten Müller
KIRSTEN MÜLLER
KünstlerKolonieKurier Nr. 5 (August 1998)
Berichte über NS-Aktionen in der Künstlerkolonie 1932/33 und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie unter KüKo AKTUELL
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