Georg Hermann war im ersten Jahrhundertdrittel ein international renommierter Autor, dessen Werk sich breit fächerte in Romane, Essays, Feuilletons, kulturhistorische Darstellungen und Reiseskizzen. Seine Schriften sind geprägt von historischer und vor allem kunsthistorischer Kennerschaft, gediegener Erzählkunst und politisch gesellschaftlicher Gegenwärtigkeit, von aufklärerischem Weltbürgertum und Leidenschaft für Berlin als die Metropole des frühen 20. Jahrhunderts. Einige von Hermanns Romanen, allen voran
Jettchen Gebert und
Henriette Jacoby, die die Geschichte einer jungen Frau aus dem jüdischen Berlin erzählen, waren das, was man heute
Bestseller nennt. Obgleich er ein Einzelgänger und kein Politiker im engeren Sinn war, fanden Hermanns Äußerungen zu Politik und Gesellschaft Gehör und Aufmerksamkeit - in viel zu geringem Maße allerdings, wenn man ihre kritisch-besorgte Hellsichtigkeit und Klugheit bedenkt. Als Grenzgänger zwischen Tradition und Innovation fand er Leser im Bildungsbürgertum als auch unter der Avantgarde seiner Zeit. Charakteristisch ist die Zuneigung und Hochschätzung, die Sigmund Freud seinem Werk entgegenbrachte: denn Freud stand im gleichen Spannungsfeld wie er, zwischen intellektueller Innovation und ästhetischer Traditionsvergewisserung.
Georg Hermann war sich der epochalen Schwellensituation, in der er lebte, bewußt. Es ging ihm darum, das Vergangene mit seinen schon verlöschenden Lebensspuren vor dem endgültigen Vergessen zu bewahren. Die Erinnerung an Menschen und Dinge zu bewahren ist das leitende Motiv für sein Werk nicht weniger als für sein Leben, das Leben eines Sammlers, dessen Wohnräume angefüllt waren mit Kunst- und Alltagsgegenständen verschiedener Epochen und Kulturen. Im Vorwort zu
Jettchen Gebert (1906) schlägt der Autor sein Lebensthema an: Erzählend will er dem vergangenen und so schnell vergessenen Leben
ein Denkmal und einen Namen geben:
»Warum soll nicht das Wort vom Leben Zeugnis geben? Warum soll nicht der letzte Hall von Menschen und Dingen aufgefangen werden?«
Wer war Georg Hermann? Als Georg Borchardt ist er 1871 geboren, das jüngste von sechs Kindern einer alteingesessenen Berliner jüdischen Familie, der auch Rudolf Borchardt entstammte. Später nahm er den Vornamen seines Vaters als Künstlernamen an. Aufgewachsen ist er im Alten Westen, im sogenannten Geheimratsviertel westlich des Potsdamer Platzes, auf dem heutigen Areal zwischen Kulturforum und Nollendorfplatz. Die frühe Kindheit verbrachte er in Blumeshof, der kleinen Privatstraße nahe dem Schöneberger Ufer, die berühmt geworden ist durch Walter Benjamins Darstellung der Wohnung seiner Großmutter. Als das Kind Georg fünf Jahre alt war, zog die Familie Borchardt ein Stück näher zum Tiergarten.
»Während erst in Blumeshof meine Welt mit dem Kanal, seinen grünen Rasenufern und seinem Treidelweg - heute fließt er in steinernen Böschungen dahin - und mit seinen himmelhohen Rüstern abschloß ... mit der Potsdamer Brücke endete, mit der Ecke der Karlsbader Privatstraße, wo meine Spielschule war ... mit der Oblatendruckerei, die da am Square lag und deren Maschinen hinter Kellerfenstern ich rastlos sich bewegen sah, und die schönsten Bogen buntester Oblaten verschlucken und auswerfen ... schloß jetzt meine Welt mit der grünen Mauer des Tiergartens ab, in den die Bendlerstraße auslief. Mit der Konditorei von Maukert, in der man zweiunddreißig Fruchtperlen in allen Farben für einen Sechser bekam, dreißig regulär und zwei noch als Zugabe.«
In diesem Alter wird das Kind an einem jüdischen Feiertag zum erstenmal am Abend mitgenommen zur
Schul, zum jüdischen Betraum in der Spandauer Straße - bei aller religiösen Abstinenz, die Hermann zeitlebens gewahrt hat ein ihm unvergeßliches Erlebnis. In die gleiche Zeit fällt der finanzielle Zusammenbruch seines Elternhauses. Er erinnert sich an den Gerichtsvollzieher, Pfändungen, fluchtartige Abreisen des Vaters und steht als Heranwachsender
einem hoffnungslos erkrankten, seelisch und körperlich gebrochenen, früh gealterten Vater gegenüber. Indem Georg sich dessen Vornamen als Pseudonym zulegte, folgte er buchstäblich den Worten seiner Mutter, die nach dem Tod des Vaters zu den Söhnen sagte:
»Jetzt seid ihr die Träger des Namens, bringt ihn wieder zu Ehren.«
Es mag hinter der Namensübernahme noch anderes gesteckt haben als familiäre Gehorsam - vielleicht eine intime Solidarität mit dem erfolglosen Kaufmann, dem Bankrotteur, dem Versager. Als Versager hat sich Georg Hermann selbst, allem Erfolg zum Trotz, immer einmal wieder gefühlt, so tief hat ihn schulischer Mißerfolg geprägt: Er machte entgegen den Erwartungen an einen jungen Mann aus gutbürgerlichen Kreisen nicht das Abitur und betont noch in seinen Briefen aus dem Exil immer wieder seinen Mangel an systematischer Bildung. Sein Werk ist eine Hommage an die Schwachen, die Erfolglosen und Lebensuntüchtigen. Vom Protagonisten seiner fünfbändigen Romankette, dem mäßig erfolgreichen und glücklosen Fritz Eisner, hinter dem der Autor kaum verborgen ist, schreibt er:
»Er konnte solche reichen Jungen nicht leiden, solche Hochbegabten, Glücklichen, Klugen, die sicher ihren Weg nahmen. Die Schule schon hatte sie ihm gründlich verekelt. Er konnte überhaupt keine Leute ausstehen, die zu gescheit waren. Und er war auch nicht umsonst sein Lebtag gedrückt, gestupft und mittellos gewesen, um jetzt noch eine Brücke zu ihnen finden zu können. Er mochte keine Unproblematischen, keine Arrivierten, keine Menschen in Stellungen oder in Berufen; für ihn galten nur die, die draußen standen und auf ihren eigenen Wegen heute noch nicht wußten, was morgen sein könnte. Und nur kein Gelingen! Und nur keine Zufriedenheit! Weder mit sich noch mit irgendwem oder irgendwas. Und dann hatte Fritz Eisner noch eine tiefe Zuneigung zu jeglicher Gebrochenheit, für jede Schwäche, die er im Kern verstand und innerlich miterlebte; und vor der ihn selbst eigentlich nur seine Verbissenheit bewahrte: ... Das Nun-Gerade ... den Hunden es zeigen! Instinktiv aber liebte er trotzdem jene Müden, Halben und Lässigen und Unentschlossenen.«
Dieser Zuneigung für die Menschen aus der schwächer beleuchteten Seite des Lebens entspricht auch die Vorliebe des Autors für ältere Protagonisten. Jugendliche Helden gibt es bei Georg Hermann selten, so wenig wie soldatische und heroische. Die meisten sind ältere Männer, um die fünfzig oder sechzig,
unjung und nicht mehr ganz gesund, wenig selbstbewußt, schüchtern, und die Jüngeren scheinen vor der Zeit gealtert und oft passiv bis zur Trägheit. Nur dem Alter nach eine Ausnahme unter den Hermannschen Helden ist
Emil Kubinke, der junge Friseurgehilfe aus dem 1910 erschienenen gleichnamigen Roman. Diesem unglückseligen neuen Paris spielt das Schicksal sogar einen goldenen Apfel in die Hand - nur daß der nichts anderes ist als eine Apfelsine vom Obstkarren am Amtsgericht; und seine drei Göttinnen sind schlicht lebenslustige, dralle Dienstmädchen, die es mit der Wahrheit und der Treue nicht so genau nehmen. Der melancholische Blick des Autors auf seine Personen ist zugleich ein radikal desillusionierender. Kubinke mit der Apfelsine ist ein Nachfahre jenes Kindes im Märchen von Georg Büchner, das bei seinem Gang durch den Himmel die Sonne als verwelkte Sonnenblume findet und den Mond als ein Stück faules Holz. Mit der Desillusionierung als philosophischer Grundhaltung wie als Erzählprinzip ist Georg Hermanns Kunst dem 19. Jahrhundert verpflichtet - dort, wo es am entschiedensten modern ist. Andersen, Tschechow, Jens Peter Jacobsen, Fontane, der späte Raabe - sie bilden die internationale literarische Gesellschaft, der er sich zugehörig fühlte. Viele Züge seines Werks, die Passivität seiner männlichen Protagonisten, das Interesse am Alltäglichen, die Sensibilität für die Nuancen der Großstadtatmosphäre wie der Seelenregungen, die Vorliebe für Abschweifungen und nur lose verknüpfte Assoziationsnetze - teilt er mit der impressionistischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts und der Jahrhundertwende. Ihre Autoren, vor allem Edouard Dujardin und Arthur Schnitzler, entwickelten das literarische Verfahren des inneren Monologs. Er gehört zu den wichtigsten Gestaltungsprinzipien Georg Hermanns. In seinen späteren Romanen tritt der allwissende Erzähler von
Jettchen Gebert und
Kubinke immer mehr zurück zugunsten der Ein-Personen-Perspektive. Der innere Monolog erlaubt dem Autor, die meist geringfügigen Handlungskerne mit einem Geflecht von ausschweifenden Reflexionen zu überziehen.
Vor allem in den Romanen der
Kette, wie er seinen autobiographisch gefärbten Epochenzyklus nannte, dessen fünf Bände zwischen 1917 und 1934 entstanden, tritt das Erzählerische zurück hinter einer ausgeprägten Neigung zum Essayistischen. Dieser Tendenz entsprechend gewinnt vom 1. Weltkrieg an zunehmend der Essayist Profil neben dem Romancier, dem er manches voraus hat an gedanklicher Konzentration und stilistischer Präzision. Wie die Romane der
Kette kreisen die Essays um den Epochenwandel, den der Einschnitt 1914 markiert. Georg Hermann war einer der sehr wenigen Autoren, die nie in die Kriegseuphorie einstimmten. In seinen zwischen 1924 und 1927 entstandenen
Randbemerkungen, antimilitaristischen und pazifistischen Aphorismen und Reflexionen, schreibt er:
»Die ganze Grausamkeit des Krieges sieht man an dem einen Wort, das wir sinnlos hinsprechen: Dem Wort Schlachtfeld !« 1918 steht er auf der Seite der Revolutionäre und der Münchener Räterepublik. Scharf kritisiert er im
Weltabschied von 1935 die damalige sozialdemokratische Politik:
»Wenn ich heute außer Landes mußte, so ist das letzten Endes nichts anderes als die Folge dieses Verrats der Revolution (...) Schon damals und in München 1919 sah ich, daß diesem Deutschland und diesen Deutschen nicht zu helfen sei.«
Immer hat Georg Hermann seine Sympathie für die Linke deutlich artikuliert; über sein Engagement für die soziale und gewerkschaftliche Organisation von Autoren hinaus - er gehörte 1909 zu den Gründern des
Schriftsteller-Schutzverbandes und arbeitete damals und noch einmal zwischen 1931 und 1933 in seinem Vorstand - ist er ein politischer Aktivist und Parteimensch indes nie gewesen. Dem standen sein tief- eingewurzelter Pessimismus, sein ausgeprägter Individualismus und seine Liebe zum bürgerlichen Lebensstil entgegen. Rußland und den Kommunismus hielt er in den dreißiger Jahren für den einzigen zukunftsweisenden Weg, allerdings mit charakteristischen Einschränkungen:
»Meine Sympathie und mein Zukunftsglaube gehören heute einem abgestuften und temperierten Kommunismus. Aber ohne einen bevorzugten Stand, die Vergottung der trivialen Arbeit oder gar einen Proletkult. Prolet ist ein Durchgangsstadium zum Bürger, nicht mehr. (...)
Rußland muß eine gute Sache sein, aber nur für den Russen, nicht für den Europäer und nicht für einen Menschen, der sein ganzes Leben aus einer westlichen Kultur gesogen hat und ein im Kern rein bürgerlicher und kein proletarischer Mensch ist, ein Individualist und kein Massenwesen. Ich würde nach wie vor eine gut durchgegliederte Demokratie mit individueller Freiheit, die alle Probleme des Staates dem einzelnen gegenüber gelöst hat und ein Teil jenes (...)
übernationalen Überstaats ist, als Lebensplatz vorziehen. Eine Vergottung der Arbeit, der Fabrik, der Produktion des Arbeiters liegt mir nicht.«
Georg Hermann lag der politische Dogmatismus so fern wie jeder religiöse. Er war einer anderen Tradition verpflichtet als dem puritanischen, auf Arbeit und Askese gerichteten dogmatischen Kommunismus: dem von Heinrich Heine und später von Paul Lafargue, dem Schwiegersohn von Karl Marx, formulierten Programm einer zukünftigen Welt, in der alle Menschen das Recht auf den Genuß der irdischen Güter und auf Müßiggang haben würden. Die poetische Devise hat Heine in
Deutschland, Ein Wintermärchen formuliert:
»Ein neues Lied, ein beßres Lied,
O Freunde, will ich dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten. (...)
Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.
Ja Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.«
Heinrich Heine war das eine Zentralgestirn des gebildeten deutschen Judentums, das zweite war Goethe. Seine Gedichte gehen Hermanns Romanhelden so selbstverständlich von den gesprächigen Lippen wie Heines Verse und Wendungen. Das Nebeneinander dieser beiden Zentralsonnen, deren reale historische Zeitgenossenschaft, nebenbei bemerkt, keineswegs so harmonisch gewesen war wie ihr Nachleben im jüdisch-deutschen Bürgertum, kann als Symbol gelten für die
geeinte Zwienatur der großen jüdischen Kultur in Deutschland, die die Nationalsozialisten vernichtet haben und deren Zerstörung bis heute ein nicht aufzufüllendes Vakuum hinterlassen hat.
Georg Hermanns Stimme klingt liebenswert, subtil nuanciert - und heutiger Redeweise fremd - aus dieser unwiederbringlichen Vergangenheit herüber. Mehrfach hat er zum Judentum in Deutschland Stellung bezogen, ausführlich und prägnant vor allem im Essay
Der doppelte Spiegel von 1926, in dem er sich mit dem lauter werdenden Antisemitismus auseinandersetzt. Gegen das übliche und auch in sogenannten
philosemitischen Schriften vorgetragene Argument, die Juden seien ein Fremdkörper in Deutschland, weist er hin auf die 1900 Jahre alte jüdische Tradition, die sich mit der Römerkultur südlich des Limes deckt, auf die jüngere nördlich des Mains und östlich des Rheins, auf ihre große Bedeutung im kulturellen Leben vor allem des ausgehenden 18. Jahrhunderts:
»Ihre Salons, ihre klugen Frauen sind der erste Nährboden für die deutsche Literatur, und sogar der Weltruf eines Goethe wurde hier geschaffen.«
Mit leichter Ironie schreibt er an anderer Stelle:
»In deutsche Kunst und deutsche Kultur war er (der deutsche Jude) ohne Zweifel verliebter als die anderen Deutschen und setzte sie durch Anteilnahme reichlicher in Nahrung; oder es war im Verhältnis zum mindesten ein größerer Prozentsatz Juden, der das tat, als bei den Ariern der gleichen sozialen Stufe. All das sind Dinge, denen der deutsche Jude sich weder zu rühmen hat noch zu schämen braucht.«
Indes geht es Hermann nicht um eine Rechtfertigung der jüdischen Existenz in Deutschland mit Hilfe der unbezweifelbaren Leistungen jüdischer Intelligenz, auch wenn er immer wieder Gefahr läuft, in der Auseinandersetzung mit den stereotypen Leitsätzen seiner Kontrahenten in diese problematische Argumentation abzudriften. Dagegen betont er das Lebensrecht jedes Menschen gleich wo auf dieser Erde. Mit entschiedenem Selbstbewußtsein lehnt er die Phrasen von den angeblichen jüdischen Minderwertigkeitsgefühlen ab. Sehr genau erkennt er die größte Gabe der Juden an Deutschland - ihr Weltbürgertum:
»Ja, ist denn der Jude kein Deutscher, weil er kosmopolitischer ist, nicht so engstirnig, enghorizontig wie die Arier ... ? Weil er das Gute liebt, wo immer es zu finden ist. Wenn wir deutschen Juden mehr international und kosmopolitisch betont sind, so wollen wir noch lange nicht unser Deutschtum aufgeben, sondern wollen weiter nichts tun, als die Fenster aufmachen, um in ein Zimmer, in dem die Luft dumpf und muffig geworden ist, neue Luft hereinzulassen.«
Der jüdische Internationalismus ist auch Hermanns heftigstes Argument gegen den Zionismus, ein Thema, das in seinen Exilbriefen öfter auftaucht. Für ihn waren die Juden gerade durch ihren Kosmopolitismus das
Salz der Erde.
Es kam, wie es kommen mußte - dieser Satz kommentiert und rhythmisiert die Geschehnisse in Hermanns Romanen, die fast immer auf ein düsteres Ende zutreiben. Kam es, wie es kommen mußte? Für Hermann, der 1914, dann 1918/19 als die entscheidenden Wendepunkte in der fortschreitenden Zerstörung seiner geliebten kultivierten bürgerlichen Welt ansah, kam 1933
wie es kommen mußte.
Der prominente Autor, gegen den der
Völkische Beobachter schon lange gehetzt hatte, kam einer drohenden Verhaftung zuvor und ging am
15. März 1933 nach Holland. Dort hat er gelebt wie so viele andere Exilierte: von Geldsorgen bedrängt, oft zu demütigenden Bettelbriefen gezwungen und - schlimmer noch als diese Bitternis - dem Schmerz ausgeliefert, ungehört zu bleiben, zur Stummheit verdammt zu sein auf einem Boden, der, wie er klar sah, immer enger wurde:
»Eine Scholle nach der anderen bröckelt von der kleinen Insel in das Meer des Faschismus (...).«
1943 war der Boden endgültig fort unter seinen Füßen. Am 16. November wurde er aus dem von den Deutschen eingerichteten niederländischen Internierungslager Westerbork nach Auschwitz deportiert. Wenn der herz- und zuckerkranke Zweiundsiebzigjährige überhaupt den Transport überlebt hat, wurde er gleich bei der Ankunft nach der Selektion vergast.
Im Vorwort zu seinem Roman
Der etruskische Spiegel hat Georg Hermann 1934 über Romanschlüsse geschrieben:
»Es gibt auch solche, die in Nichts münden, sich verflüchtigen wie Gas. Die in den leeren Raum verwehen. Ohne Bestand, ohne Hoffnung, ohne Spuren. (...)«
»Vielleicht ist da noch ein alter Metallspiegel, in einem schlichten Lackschrein bewahrt, blank und silbern. Er nimmt kaum einen Hauch an, wirft dir dein Bild zurück, sodaß du nicht mehr sagen kannst, ob du das Bild bist, oder das Bild du, und dir Schein und Wirklichkeit ganz ineinander fließen. Sonst aber wirst du nichts mehr in dieser letzten, windzerrissenen Einsamkeit finden; keine Gegenwart, keine Zukunft, keine Erinnerung, kein Lachen mehr, und was schlimmer ist ... keine Tränen. Und sobald der Spiegel wieder in seinen Lackschrein zurücktaucht, so wird dein Bild darin verloschen sein, sich gelöst haben, wie dieser Wolkenfetzen da oben im Blau, der einen Augenblick dahintrieb und nun in Licht und Sonne inmitten seiner Bahn in regenbogenschillernde Atome zerspellte, unerbittlich sich löste, verschwand und dem Auge spurlos wie Salz im Wasser zerging.«
Die Initiative, Georg Hermanns Schriften wieder, zum Teil auch erstmals, Lesern zugänglich zu machen, ist eine Bemühung, die Erinnerung gegen den Sog des Vergessens zu wahren, und sie ist ein Geschenk an ein Lesepublikum, das diesen Autor und sein reiches, nuanciertes und vielschichtiges Werk noch zu entdecken hat.
Gert und Gundel Mattenklott (Hrsg.)
© Verlag Das Neue Berlin
Erscheinen im Frühjahr 1999, Gesamtpreis ça.