WELTSPIEGEL vom 8. Juli 1990

Irrtum und Leidenschaft

Zum 100. Geburtstag des Lyrikers, Dramatikers und Prosaisten Walter Hasenclever
von Peter Urban-Halle

    Foto: Kurt Tucholsky und Hasenclever in Paris, 1926 Tucholsky und Hasenclever

Zwischen 1913 und 1932 gehörte der am 8. Juli 1890 in Aachen geborene Walter Hasenclever zu den meistgespielten Autoren in Deutschland. Kurt Pinthus, sein guter Freund, den er 1909 in Leipzig kennenlernte, zählt seine Erfolge auf: "Der Sohn" erzielte "die für ein Erstlingsstück erstaunliche Auflage von 20 000 Exemplaren, wurde in Reinhardts Kammerspielen gleich 38mal gespielt und in der nächsten Spielzeit wieder aufgenommen. Sein zweites Drama 'Antigone' erhielt 1913 den Kleist-Preis und erlebte zehn Auflagen. 'Ein besserer Herr' wurde im Berliner Staatstheater, 'Ehen werden im Himmel geschlossen' in den Kammerspielen je etwa hundertmal in je einer Spielzeit aufgeführt."

Heute ist die gesellschaftskritische Heiratsschwindler-Komödie "Ein besserer Herr" so ziemlich das einzige Stück, das noch gespielt wird. Vorzugsweise als Boulevardklamotte, in der der Hauptdarsteller wichtiger als der Autor ist. Als das Stück Anfang der 80er Jahre am Kurfürstendamm herauskam, war die übliche Frage an der Kasse: "Haben Sie noch Karten für das Stück mit Harald Juhnke?"

Nun scheint auf Initiative seiner Heimatstadt Aachen - "wo ich noch heute in Verruf bin", schrieb Hasenclever in Pinthus' expressionistischer Gedichtanthologie "Menschheitsdämmerung" - immerhin eine auf sechs Bände geplante Gesamtausgabe gesichert zu sein. Die beiden ersten Bände mit den Stücken 1924-37 sollen demnächst bei der Mainzer Akademie der Wissenschaft und der Literatur im Verlag von Hase & Köhler erscheinen. Aachen, das auch einen Walter-Hasenclever-Preis vergibt, hat neben der offenbar etwas klamaukigen Uraufführung der satirischen Miniatur "Kulissen" auch wieder "Ein besserer Herr" auf die Bühne gebracht. Für anderes fehlt der Mut, vielleicht auch die Kenntnis. Dabei gäbe es durchaus drei, vier weitere Stücke, die eine neue Interpretation lohnen würden. Was aber in jedem Fall bleibt, sind Ideen und Visionen, ein inneres Überzeugtsein - nicht unbedingt von sich, aber von dem, was seine Schriften widerspiegeln. Es bleibt die unmittelbare Übertragung seelischer Spannungen und Konflikte auf die Literatur. Hasenclever schuf authentische Werke. Das liegt auch am expressionistischen Gefühl, mit dem er groß wurde und Großes leistete, aber vor allem an seinem Wesen.

"Du hast, unter dem Deckmantel der Erziehung ein Verbrechen an mir begangen
(aus "Der Sohn")

Der Vater ist gemeint, Dr. Carl Georg Hasenclever. Er muß für seine Patienten ein aufopfernder Arzt gewesen sein und für Walter ein gewalttätiger Despot. Es geht die Rede von der Reitpeitsche, mit der der Junge vertrimmt wurde, oder vom Vokabelabhören in aller Herrgottsfrühe, wonach er sich nur noch schlotternd in die Schule quälte, Literatur und Theater waren ihm verboten. "Der Vater ist von einem fanatischen Haß gegen alles Moderne in Kunst und Wissenschaft erfüllt... dabei pedantisch streng und rücksichtslos; bewußte Unterdrückung der Entwicklung jeder Eigenart in dem Sohn, bewußte Demütigung des Sohnes bei jeder Gelegenheit", zitiert Pinthus den Hausarzt der Familie.

Das Verhältnis zum Vater taucht bis ins Detail im Drama "Der Sohn" wieder auf. Es war - zwei Jahre nach Sorges "Bettler" - das erste erfolgreiche expressionistische Stück. 1913/14 geschrieben, wurde es 1916 mitten im Krieg uraufgeführt; fünf Wochen später kam es zu der wichtigen einmaligen Vorstellung in Dresden vor geladenem Publikum, wozu der Autor sogar Fronturlaub bekam. Den Sohn spielte ein völlig unbekannter Prager namens Ernst Deutsch, der "aus sich selbst überraschend, überzeugend, überwältigend den expressiven Stil aus ekstatischem Pathos und scharfer Dialektik schuf, der für die nächsten zehn Jahre als Schauspiel-Stil das expressionistische Theater beherrschte" (Pinthus). Mit dem "Sohn" wollte sich Hasenclever seine unglückliche Jugend von der Seele schreiben. Die Mutter spielte keine Rolle, nur zur Großmutter hatte er ein inniges Verhältnis. Der Vater zwang ihn zum Jurastudium in Oxford, dann Lausanne, von wo er 1909 bis nach Leipzig floh. Es war der endgültige Bruch mit der Familie, nur die Großmutter hielt weiter zu ihm und schickte Geld.

"Von Firmamenten steigt der neue Dichter herab zu irdischen und größern Taten."
(aus "Der politische Dichter")

Zwei Städte waren für Hasenclever Etappen persönlicher Befreiung. Zunächst Leipzig. Hier schloß er in den literarischen Kreisen der Stadt teilweise lebenslange Freundschaften mit Kurt Pinthus, Franz Werfel, Kurt Wolff, Ernst Rowohlt, Rudolf Leonhard (Vater von Wolfgang Leonhard - Anm.d.R.). Hier entstanden und erschienen sein Gedichtband "Der Jüngling", den er bis zum Schluß schätzte, und "Der Sohn".

1914 meldete sich Hasenclever wie jedermann freiwillig und wurde ebenso rasch zum militanten Kriegsgegner. Kurt Hiller bekehrte ihn zum "Aktivismus" und erklãrte den freien Geist zur Waffe gegen die dumpfe Innerlichkeit. Hasenclever wurde zum "politischen Dichter". wie er ein langes, berauschtes Gedicht nannt, in dem es über den Dichter heißt: "Sein Haupt erhebt sich, Völker zu begleiten. // Er wird ihr Führer sein. Er wird verkünden. / Die Flamme seines Wortes wird Musik. / Er wird den großen Bund der Staaten gründen. / Das Recht des Menschentums. Die Republik." Er schrieb auch die große politische Tragödie, die er selbst gefordert hatte, das Antikriegsstück "Antigone", eine Umdichtung des Sophokles-Themas. Urchristentum und der alte Tolstoj haben ihn beeinflußt. Bernhard Kellermann sprach dem Drama 1913 den Kleist-Preis zu.

Aber im Grunde lag Hasenclever die Politik fern. Im Ersten Weltkrieg fühlte er sich zwar beinah verpflichtet, ein "politischer Dichter" zu sein. Schon im "Sohn " ging es um nichts weniger als die Veränderung der Welt. Aber eben auf Hasencleversche Weise. Der heiße Protest gegen den Vater konnte 1916 nur als Protest gegen die Generale aufgefaßt werden. Aber im Programmheft schrieb Hasenclever auch: "Deshalb ist der Sinn des Lebens nicht die Tat, sondern die Frage des Sittengesetzes, und das höchste Ziel ein Zustand, wo beide, Gesetz und Tun, zusammenfallen in dem Reiche Gottes."

"Es gibt keinen Zufall."
(aus "Irrtum und Leidenschaft")

1918 lernte er Paul Wegener kennen. Der massige Mann spielte damals den Vater in der Berliner Aufführung des "Sohnes". Er war ein Buddha-Typ, der sich selber sammelte; er besaß eine beeindruckende Kollektion von Statuen des ostasiatischen Erlösers. Er führte den 30jährigen Autor, der an den Euphorien der Jugend zu zweifeln begann, in die Ideen des Buddhismus ein. Immer noch der komprimierten, beschwörenden Diktion des Expressionismus verpflichtet, wurde er zum politisch abstinenten Mystiker. Pinthus: "Gerade zu der Zeit, als Hasenclever, der politische Dichter, gefeiert, gelesen und aufgeführt wurde, hatte er sich von der politischen Dichtung völlig losgesagt; er schrieb weder die Revolutionsgedichte, noch hielt er die Reden, die man von ihm forderte."

Eben noch verfaßte er jugendliche Proteststücke gegen verknöcherte Autoritäten und flammende Anklagen gegen Krieg und Tyrannei. Und nun das. In seinem autobiographisch geprägten Schlüsselroman "Irrtum und Leidenschaft", der erst 1969 erscheinen konnte, spricht er von einem Tag in Kiel, Anfang 1920, an dem er für ihn sinnlose Schlägereien zwischen Rot und Weiß miterlebte: "Seitdem hatte ich keinen politischen Ehrgeiz mehr. Ich war vom Bazillus des Volksbeglückers geheilt." Offenbar brauchte er den konkreten Anlaß, um seine schon seit 1913 gärenden Zweifel an der politischen Wirksamkeit des Schriftstellers zu rechtfertigen. Die Enttäuschung über die Sinnlosigkeit seiner engagierten Dramen hatte diese Zweifel genährt, ein einjähriger Sanatoriumsaufenthalt in Dresden bot ihm Gelegenheit, sich von der Umwelt abzuschließen und zu meditieren.

Auf literarischem Gebiet hat er diese Isolierung bis auf wenige Ausnahmen nie aufgegeben. Schon als Jurastudent in Oxford 1968 hatte er ja das zwischen Buddha und Nietzsche schwankende "Nirwana" verfaßt, dessen Druckkosten er übrigens vom Kartenspiel finanzierte. Später übersetzte er aus dem Lateinischen den schwedischen Mystiker und Theosophen Emanuel Swedenborg, der am besten zeige, so Ernst Bloch, "welch wunderlicher, zu Wundereien offener Hintergrund der Ratio noch geblieben war". Das Buch erschien 1925 mit dem Titel "Himmel, Hölle, Geisterwelt" im kleinen Berliner Verlag "Die Schmiede". Und in "Irrtum und Leidenschaft" heißt es: "Nach welchen Gesetzen verläuft unsere Gegenwart? Damals begriff ich zum ersten Mal, daß diese Gesetze auf eine vergangene Existenz zurückgreifen müssen, in der wir durch unsere Taten unser künftiges Schicksal bestimmen. Das Leben ist unser Zwangsvollstrecker."

Die Annahme der Swedenborgschen Mystik und des buddhistischen Karmas war Hasenclevers exotische Antwort auf die alltägliche Frage nach dem Sinn des Lebens.

"Wir müssen aufhören zu debattieren. Wir müssen wieder leben."
(aus einem Feuilleton)

Die zweite Stadt, die ihm persönliche Freiheit brachte, war Paris. Es war Pinthus' Verdienst, daß Hasenclever zwischen 1924 und 1928 als Korrespondent oder eher: Feuilletonist für das Berliner "8-Uhr-Abendblatt" (wo Pinthus Kritiker war) in die franzõsische Hauptstadt gehen konnte. Hier traf er neben Toller, Sieburg u. a. auch Kurt Tucholsky, der aus Paris für die "Vossische Zeitung" und die "Weltbühne" berichtete. Es wurde eine treue Freundschaft. Die beiden verfaßten sogar eine Komödie zusammen, "Christoph Kolumbus oder Die Entdeckung Amerikas", die übrigens erst 1985 gedruckt erschien (Verlag Das Arsenal, Berlin). Ihre ausführliche Korrespondenz ist nur zur Hälfte erhalten. Tucholskys Briefe sind gerettet. Aber Hasenclevers Briefe hat Tucholsky gewissenhaft zerstört. So war es ja auch abgemacht zwischen ihnen; leider hat Tucholsky sich daran gehalten.

Das quirlige Leben der Franzosen (und Französinnen!) hält Hasenclever in kunstvollen Feuilletons fest, die er allwöchentlich nach Berlin schickt. Das Pariser savoir-vivre und die Beschäftigung mit Courteline und Molière wiesen ihm den "Weg zur Komõdie", wie er ein programmatisches Essay nannte. Hier schrieb er die Komödien "Ehen werden im Himmel geschlossen" und "Ein besserer Herr". Der eben noch so verdüsterte Grübler kann nun plötzlich sagen: "Wenn ich die Wahl hätte, ein Stück von Racine oder eine Revue zu sehen, ich würde das letztere vorziehen."

"Räumen wir langsam ab. Entstehung, Entwicklung, Entscheidung."
(aus "Irrtum und Leidenschaft")

Die Pariser Jahre waren eine freiwillige Flucht aus Deutschland, eine Art Exil auf Probe. Es folgten ein paar Jahre in Berlin, wo er am Laubenheimer Platz (heute Ludwig-Barnay-Platz) in Friedenau wohnte. Er reiste viel. Er schrieb die Komõdie "Napoleon greift ein", die die weltpolitischen Konstellationen kritisch unter die Lupe nimmt, dann mit Tucholsky den erwähnten "Klumbumbus" und schließlich eine dramatische Dichtung, der er nach einem Vers aus Schillers Gedicht "Das Ideal und das Leben" den Titel "Sinnenglück und Seelenfrieden" gab. Vielleicht die Wende im Januar '33 ahnend, hatte er 1932 Geld auf ausländische Konten eingezahlt und seine Wohnung in Friedenau einer schwedischen Bekannten überlassen. Sie schrieb ihren schönen arischen Namen, Sigrid Engström, auf das Türschild, was seine Bibliothek vor dem Zugriff der Nazis rettete. Das befreundete Ehepaar Schairer hat seine Wohnungseinrichtung später nach London gebracht.

Im Januar '33 war Hasenclever in Frankreich. Ein Jahr später sprach er in Nizza eine junge Deutsche an, die über den Boulevard Carnot schlenderte: Edith Schäfer, die seine Lebensgefährtin und spätere Frau wird. Ich besuchte sie ein halbes Jahrhundert später in einem mittelalterlich-kuriosen Örtchen nicht weit von Nizza. Dort wohnt sie in ihrem kleinen Häuschen inmitten der geretteten Bibliothek. Die Augen machen ihr zu schaffen, und das Archiv, das sie jahnehntelang betreute, hat sie erst vor wenigen Jahren dem Literaturarchiv in Marbach übergeben. Sie erzählt Szenen und Anekdoten aus dem Exil und erklärte Hasenclevers politische Abstinenz, die im Exil besonders auffiel. In seiner skeptischen Einschätzung der Pariser Emigrantenszene und des Schutzverbands deutscher Schriftsteller war sich Hasenclever - mit Recht oder nicht - mit Tucholsky einig. Der hielt sie für "Klübchen verzweifelter Menschen", Hasenclever fand sie trostlos". Seine Frau: "Er versuchte nicht, aktiv in die Politik einzugreifen. Was ihn interessierte, war der Mensch" - der nackte Mensch, der unabhängig von der politischen Situation inneren Gesetzen folgt.

Die Suche nach dem Menschen führt jeden Schriftsteller irgendwann zu sich selbst zurück, zur Frage "Wer bin ich?". Der Rechenschaftsbericht seines Lebens heißt "Irrtum und Leidenschaft" Pinthus nennt ihn ein "Bekenntnisbuch". So hastig und holprig er komponiert ist, so faszinierend ist er in seiner ungeschützten Verzweiflung: "Ich. In den drei Buchstaben liegt eine Welt von Verwüstungen, Irrtümern und Leidenschaften. Das Gute war meistens eine Kompensation des Bösen. Der Genuß war die große Triebkraft."

"Er brauchte das Leiden", beantwortete seine Frau vieldeutig die Frage ob er sich als tragisch Leidender ebenso glücklich gefühlt habe wie als glücklich Liebender, was Pinthus behauptet. "Frauen haben ihn immer interessiert. Da gab es ein leichtes Mädchen in Nizza, die in Wien mit einem Kardinal geschlafen haben wollte. Das hat ihm mächtig imponiert. Oder die etwas bäurisch aussehende Deutsche, die er zu uns eingeladen hatte und die nach ein paar schüchternen Minuten mit dem Glücksseufzer herausplatzte: "Heut hat die Sonn so schön gescheint!" Eine halbe Stunde später hat Hasenclever sie nach Haus verfrachtet. Oder die hübsche Frau in dem Florentiner Restaurant, die Hasenclever, der so gern erzählte und aufmerksam lauschende Zuhörer fand, ganz irritierte, weil sie ihn nicht beachtete. Später gestand sie ihm, sie habe sich verliebt - allerdings in mich. Ich habe von ihr den schönsten Liebesbrief meines Lebens bekommen..."

"Ich werde ein Buch von Frauen schreiben. Denn schließlich waren sie das größte Wunder für mich."
(aus "Irrtum und Leidenschaft")

Hasenclever lebte im "Schatten der Venus". Seinen Versuch über den Mythos Frau verband er mit den Swedenborgschen und buddhistischen Dogmen: der Macht des Irrationalen, dem vorherbestimmten Schicksal, der Reinkarnation, den Wegen der Erleuchtung. Zwei Frauen vor allem beschäftigten ihn in seinem Buch: Roma Bahn, Oktavia genannt, Schauspielerin und Ehefrau des Theaterregisseurs Karl-Heinz Martin die gleichzeitig mit Ernst Deutsch liiert war, und Suzanne, die Frau des Malers Jean Lurçat, bei dem Hasenclever während seines Paris-Aufenthaltes gewohnt hatte. In der Begegnung mit ihr steigert sich sein Existenz-Pathos zum wogenden Finale von Leidenschaft, Gewalt, Exzeß und Tod.

Fasziniert bewundert er die mutige Konsequenz Suzannes, die sich willkürlicher Gewalt anheimgibt: sie opfert sich, um das "Unerreichbare" - was nicht zufällig an das "Wunderbare" von Ibsens Nora erinnert - zu erreichen und läßt sich töten. Andererseits sieht er in ihr die faschistische "Verkörperung einer Epoche. Die Ära des Blutes und der Vergewaltigung - trug Suzanne nicht schon ihren Samen im Schoß?" Die Analysen der Frauen und die zuweilen ungerecht anmutenden Urteile über seine Freunde - er bricht den Stab über Toller, Leonhard, Sieburg - führen zu Selbstanalyse und Selbstverurteilung: "Wen hatte ich in Wahrheit geliebt? Nur mich selber."

Während sein Freund und Verleger Kurt Wolff noch 1958 schrieb: "Trotz der im Exil einsetzenden Lebensangst blieb das heitere Grundelement in Hasenclevers Wesen unzerstörbar", versichert Pinthus, Hasenclever habe sich im Grunde "selbstquälerisch, selbstzerstörerisch ernstgenommen". Er verzweifelte an sich und der Wirklichkeit, obwohl oder weil er immer die Wahrheit suchte. Er verzweifelte an Deutschland, wo das konservative Bürgertum, dem er selbst entstammte, Hitler feierlich die Macht übergeben hatte.

Und doch schreibt er in seinem Exil-Stück "Münchhausen": "Dort unten schläft Deutschland im Schatten der Täler. Ich sehe sein wahres Antlitz. Möge es auferstehen im Geiste." Und er verzweifelte an Frankreich, das ihn nach Ausbruch des Krieges zweimal internierte. Auch hier verläßt ihn nicht die Hoffnung auf das Wahre: "Er war ein zurückhaltender Mensch in der Emigration", sagt seine Frau. "Aber das lag nicht an Frankreich. Das liebte er über alles. Lesen Sie seine Briefe oder die Feuilletons. Selbst in den schwersten Zeiten gab es irgendeinen Franzosen, der für ihn das wahre Frankreich darstellte. Ansonsten war das ihn umgebende Mißtrauen natürlich eine schwere Enttäuschung für ihn. Bei Ausbruch des Krieges wollte er sich als Fahrer melden, was ein kleiner Journalist spitzkriegte und schrieb: 'Paßt auf, da will sich ein Deutscher freiwillig melden, das ist bestimmt ein Spion'. Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Und dann natürlich die Lager: 1939 Fort Carré bei Antibes und dann Les Milles bei Aix-en-Provence, in das er nach Hitlers Invasion im Mai 1940 mußte."

Dort schluckte er die tödliche Dosis Veronal, die er schon in "Irrtum und Leidenschaft" angekündigt hatte. Was 1933 in einem Brief von Tucholsky an "Max" Hasenclever nur literarisch gemeint war, war zur Schicksalsfrage eines Großteils der "verbrannten Dichter" geworden: "Man muß die Lage so sehn wie sie ist: unsere Sache hat verloren. Dann hat man als anständiger Mann abzutreten." Das drohende Herannahen der deutschen Truppen war nur das auslösende Moment, nicht der wesentliche Grund seines Freitods. Walter Hasenclever starb vor fünfzig Jahren, am 21. Juni 1940, und liegt in Aix begraben.

  • Walter Hasenclever Kurzbiografie
  • Leserbrief von Blandine Ebinger zum Artikel


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