Den Weg von Wilhelm II. zu Hitler brachte er einmal auf den kurzen Nenner, die Deutschen hätten aus Napoleons Kriegen zwei Lehren gezogen: "Erstens soll uns das nie wieder passieren - und zweitens wollen wir selbst einmal wie die Franzosen um 1810 den Kontinent beherrschen."
Sechs Tage nach seinem 91. Geburtstag ist der Journalist und Buchautor gestern in Berlin gestorben. Mit ihm verliert die Bundesrepublik einen ihrer profiliertesten Kritiker, aber zugleich einen ihrer klügsten Verteidiger. Sebastian Haffner hat die deutsche Geschichte nicht nur beschrieben, er hat sie am eigenen Leib erlitten. Als er
am 27. Dezember 1907 geboren wurde, hieß er noch Raimund Pretzel. Als Sproß einer Familie preußischer Beamter standen ihm in den zwanziger Jahren viele Wege offen. Er wählte den Staatsdienst, studierte Jura und
trat in die Verwaltung ein.
Statt jedoch gradlinig Karriere zu machen, bewies der junge Doktor der Rechte bald Zivilcourage: Nach Hitlers Machtübernahme quittierte er den öffentlichen Dienst und schrieb als Journalist für die "Vossische Zeitung" und andere Blätter.
Zu einer noch radikaleren Wende zwang dann Hitlers Judenhaß den erklärten Nazi-Gegner Pretzel. Er, nach den Nürnberger Gesetzen ein "reinrassiger Arier", wollte eine Jüdin heiraten - was im Dritten Reich strikt verboten war. Mit seiner Braut emigrierte er deshalb 1938 nach England. Im Londoner Exil nahm er den Namen an, unter dem er berühmt werden sollte: Sebastian Haffner. Er wollte seine Verwandten in Deutschland nicht gefährden, denn auch in seiner neuen Heimat schrieb der Exilant. Zunächst sein erstes Buch, "Germany: Jekyll and Hyde", in dem er 1940 seinen englischen Mitbürgern das Schwanken Deutschlands zwischen Kulturnation und atavistischer Diktatur verständlich zu machen versuchte. Fortan war es Haffners Lebenszweck, Deutschland zu erklären - den Briten und der Welt ebenso wie den Deutschen selbst.
Genau ein halbes Jahrhundert nach Kriegsausbruch beschrieb Haffner 1964 die "Todsünden des Deutschen Reiches" als Parabel auf die seiner Ansicht nach rückwärtsgewandte Außenpolitik der noch jungen Bonner Republik.
Mit scharfen Worten forderte der damalige "Stern"-Kolumnist ein Umdenken. Versöhnung mit den osteuropäischen Staaten sei nötig. Statt weiter starr an den verlorenen Ostgebieten festzuhalten. Anderthalb Jahrzehnte später korrigierte Haffner die Kritik teilweise. Doch daß sich die bundesdeutsche Politik Mitte der Sechziger so stark veränderte, hatte wohl auch mit seinen aufrüttelnden Kommentaren zu tun. Immer wieder nahm Haffner solche historischen Jubiläen zum Anlaß, den Deutschen einen Spiegel vorzuhalten. Kurz vor Willy Brandts Wahl zum ersten sozialdemokratischen Kanzler konfrontierte der notorisch eigenwillige Autor 1969 sein Publikum mit einer bitteren Polemik gegen die SPD. In der Revolution von 1918/19 hätten der erste Reichspräsident Friedrich Ebert und sein Kriegsminister Gustav Noske die Idee des Sozialismus "verraten".
In den siebziger und achtziger Jahren widmete sich Haffner mehr und mehr Fragen der Geschichte. Am Aufschwung des historischen Bewußtseins in der Bundesrepublik jedenfalls hatten seine Bücher beträchtlichen Anteil. Zeitgleich mit der großen Preußen-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau veröffentlichte Haffner den opulenten Band "Preußen ohne Legende" (1979). Abseits aller Lobeshymnen und Pauschalurteile rückte er darin die Leistung des seltsamen und in der Weltgeschichte einzigartigen Staatswesens Preußen ins angemessene Licht. Wie aus dem toleranten Verwaltungsstaat die Keimzelle einer expansionistischen, aggressiven Großmacht wurde, hat kein Universitätshistoriker je eindrucksvoller beschrieben. Gerade unter den professionellen Geschichtskennern hat ihm das freilich nur wenig Freunde eingebracht. Die Verkaufszahlen seiner Werke schmälerte das abschätzige Urteil vieler Professoren aber nicht.
Und mindestens an zwei Büchern Haffners kommt bis heute niemand vorbei, der sich mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts beschäftigen will: den biographischen Skizzen über Churchill (1967) und Hitler (1978).
Mit seinen "Anmerkungen zu Hitler", dem bis heute meistverauften und immer wieder aufgelegten Buch über den "Führer", beschwor Haffner dazu einen kleinen Skandal herauf, weil er auch den Leistungen Hitlers ein Kapitel widmete. So bekam die Diskussion über die "Vergangenheitsbewältigung" einen neuen Schub, von dem die öffentliche Debatte mehrere Jahre lang zehrte.
Im letzten Jahrzehnt litt Sebastian Haffner an einer schweren Krankheit. Bereits 1987 war er so schwach, daß er sein letztes neues Buch nur noch diktieren konnte. Doch aus jeder Zeile des Bestsellers "Von Bismarck zu Hitler" spricht seine brillante Formulierungskraft. Auch hier blieb er sich treu und deckte bequeme Lippenbekenntnisse über die Vergangenheit schonungslos auf. Daß er dabei die Wiedervereinigung für "nicht einmal theoretisch vorstellbar" hielt, war aus seiner Perspektive möglicherweise richtig. Trotzdem wurde der Satz zu Haffners "größter Blamage", wie er nach der deutschen Einheit bereitwillig ein räumte.
Sebastian Haffners Leben verkörpere das Schicksal vieler Deutscher in diesem Jahrhundert, sagte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen zum Tod des Berliner Gelehrten.
Nur wenige haben ähnlich konsequent wie Haffner ihr Gewissen zum einzigen Maßstab ihres Handelns gemacht. Abseits aller Irrtümer hat er die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Vergangenheit weit vorangebracht. Mehr kann ein Publizist nicht leisten.
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