Rudolf Fernau, Schauspieler

geb. 1901 in München (bürgerl.: Andreas Neuberger)
gest. 1985 in Berlin-Wilmersdorf (Künstlerkolonie)

1918-20 am Stadttheater in Regensburg und Nürnberg
1924 Staatstheater Berlin
1925-26 Deutsches Theater Berlin
1929-45 Stuttgart
spielte in unzähligen Filmen.

(Rudolf Fernau war ehem. Bewohner der Künstlerkolonie Berlin)

Kurzbiografie unter www.cyranos.ch

Rudolf Fernau

Abschied von Berlin

von Rudolf Fernau

Rudolf Fernau, schon unter Reinhardt und Jessner Schauspieler in Berlin, seit zwanzig Jahren zum Ensemble des Schiller- und Schloßpark-Theaters gehörig, verläßt dieser Tage Berlin, um in seine Geburtsstadt München heimzukehren: In dasselbe Haus in der Vorstadt, in dem er vor 70 Jahren geboren wurde. Der Autor einer der erfolgreichsten Schauspieler-Autobiographien der letzten Zeit - seine Erinnerungen "Als Lied begann’s" liegen bereits in 4. Auflage vor - hat uns aus Anlaß seines Abschieds von Berlin die nachstehenden Impressionen eingesandt:

Mitternacht. Der kleine Transistor surrt das Leitmotiv "SFB informiert". Der kommende Tag liegt noch schlaftrunken in den Windeln.

Abschied, sagt Nietzsche, bedeutet oft Amputation. Abends habe ich noch einmal an der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche gestanden und bin dann den vor mir liegenden glitzernden Kurfürstendamm hinabpromeniert - vorbeiwippten in strahlender Jugend die hochbeinigen Amazonen mit den offenen hellen Gesichtern von "Mutters Bester", wie Tucholsky sie liebevoll zeichnete. Dann vor der schimmernden Lichtfront des Schiller-Theaters unerkannt von herausflutenden Besuchern umdrängt, bin ich noch schnell an Platzanweiserinnen vorbei zu einer der offenen Saaltüren geeilt, und nun stehe ich zum allerletzten Male im geleerten Zuschauerraum vor der leeren Bühne. Zwanzig Jahre wechselte hier die "Paradieseshelle" der Erfolge mit der "tiefen schaudervollen Nacht" der Niederlagen, und wenn ich auch oft im Schatten stand, reifte ich trotz allem Entwicklungen entgegen. Stolz trage ich den Orden, zwanzig Jahre ein "Berliner Schauspieler" gewesen zu sein.

Die Arbeiter schleppen lachend mit hin- und herschießenden Repliken Kulissen von der Bühne; einer bemerkt mich und ruft in den Zuschauerraum: "Ist da noch jemand!" Die Rampe heruntersteigend drückt er mir etwas atemlos die Hand: "Dett darf doch nich wahr sein, daß Sie uns verlassen?" "Private Gründe", sage ich leise. "Dett darf doch nich wahr sein", murmelt er nochmals, "aber darauf woll’n wa doch ‘ne Abschiedsmolle trinken, nich wahr? Die wird mir dann bestimmt wieder aus den Oojen laufen!" Einmal hatte ich ihm scherzhaft mit dem Zeigefinger auf seine gürtelsprengende Bauchumrundung gestupst. "Alles Brust", lachte er, "nur ‘n kleener Schultheißtumor!" Das war Berlin. Schnell noch die paar Schritte zur Seitwärtstreppe und kurzes Verweilen vor meinem Portrait. Vom Foyer aus mahnt der Pförtner zum Aufbruch. Langsam entferne ich mich, auf der Straße drehe ich mich noch einmal um und blicke zu der sich verdunkelnden Leuchtfront des Theaters zurück. Und nun gehen Oljuschka und ich eingehakt durch die fast leere Wohnung, und die wenigen noch zurückbleibenden Möbel sehen uns anklagend an. Unsere Schritte hallen. Heute morgen zuckelte der Möbelwagen im Grieneisentempo vor das Haus und blieb mit einem Ruck wie kondolierend stehen. Oljuschka preßte sich an mich - je mehr die Jahre fortschreiten, desto schmerzhafter werden die Prüfungen. Vor dem Briefschlitz der Flurtür blieben wir stehen; wie oft hatte man in den fast zwanzig Jahren nach durchwachten Premierennächten bis zum grauenden Morgen auf das Plumpsen der Zeitung geharrt, um aus den wenigen Zeilen der Vorankündigung Erfolg oder Verriß herauszuchiffrieren in der Schublade des kleinen wackligen Tisches entdeckte ich noch ein Bündel vergessener Briefe mit der gestochen klaren Handschrift Boleslaw Barlogs. Kaum ein Kollege, der nicht ein solches Bündel Briefe sein Eigen nennt: manche ließen sie sich binden - der liebe gute alte Sven Holm sogar in herbduftendes Saffianleder, Barlogs gesammelte Werke.

Jetzt noch letzte Schritte über den mitternächtlichen, in gespenstischer Düsternis daliegenden Breitenbachplatz. Wie ein winziges Mosaik bayerischen Föhnhimmels schimmert das Weißblauschild der U-Bahn zu mir herüber.

Die Häuser der Seitenstraßen tragen noch heute pockennarbig die Geschoßgarben der Einnahme Berlins in ergreifender Häßlichkeit. Die Blocks der Künstlerkolonie beherbergen zahlreiche alte Schauspieler und Schauspielerinnen, wie auch noch tätige Kollegen. Hier ist die Großfamilie ideal gestaltet, man fühlt sich ohne allzu dichte Hautnähe und ohne Intimitätsverlust wie geborgen - man kennt sich untereinander, grüßt sich mit vertrautem Zwinkern und weiß von den Sorgen und Nöten des Einzelnen ziemlich Bescheid. Viele hier leben in nichtgewollter Einzelhaft, aber jeder hatte im Leben seine Höhepunkte, manche sogar zahlreiche, und ihre Augen sind noch immer aus den frostigen Tälern des Vergessenwordenseins auf die schneeig-rosigen Gipfel ihrer früheren Triumpfe sehnsuchtsvoll gerichtet. In manchen Gesichtern nistet der große Verzicht, die Vereinsamung, andere wiederum tragen das Lächeln früherer Holdseligkeit zur Schau.

Mein Blick streift ein hochgelegenes Fenster, das jetzt dunkel ist, dort residierte die große Hermine Körner im selbstgewählten Exil, mit an das Schicksal gerichteten Fragen unentwegt Patiencen legend, unentwegt... Manchmal schenkte sie uns den Anblick ihres herbköniglichen Antlitzes, und einmal sagte sie: "Ein Schauspieler ist ein Mensch, der schon weinen kann, wenn andere noch trockenen Herzens sind - um Hekuba!"

Eine der schönsten Frauen der deutschen Bühne, gefeiert und umworben, mit dem Angesicht einer Herbstrose, müht sich an einem Stock zum Einkaufszentrum und wehrt mit der Attitüde einer Dame, des "ancien régime" jede Hilfe bezaubernd lächelnd ab. Der vornehme Hanseate Arthur Schröder schreitet mit lässiger Eleganz vorüber, und Herbert Grünbaum mit dem würdevollen Charakterkopf, ständig bemüht, sich aus den Verschlingungen der Leine seines Zwergpudels Puck zu entwirren, versucht vergeblich, das Tier in seiner liebestollen Fröhlichkeit zu bändigen. Das Naturkind Carsta Löck erquickt die Herzen der Begegnenden, das entsagungsvolle Madonnenantlitz der Eva Lissa huscht vorüber. Annemarie Steinsiek schließlich, in damenhafter Grazie ständiger Passant des Breitenbachrialtos, einst ein Liebling Wiens, ruht noch heute in den gedächtnisstarken Herzen der Berliner, deren Witz und Schlagfertigkeit sie beispielhaft verkörpert.

Nur noch wenige Stunden, und wir werden in Tempelhof im Clipper sitzen wie einst im Juni 1926 auf dem Anhalter Bahnhof im Abendschnellzug Berlin-München. "Oljuschka", schrieb ich damals, "zog schnell die Coupévorhänge zu. ‘Leb wohl, Berlin’, sagte ich leise, ‘starkstromgeladene Geliebte’. Ob ich jemals wiederkomme? Wir sahen uns fragend an." - Wie damals werden auch heute, wenn die Triebwerke brummen und das Flugzeug aufheulend in den Himmel stürzt, unsere Blicke sich fragend begegnen. Ob wir jemals wiederkommen?


"TAGESSPIEGEL" vom 6.1.1976

Berlin, du Stadt des Lächelns, sei’s auch mit zusammengebissenen Zähnen - leb wohl!

Charakterkopf Rudolf Fernau wird morgen 75 Jahre.

"Das Theater ist ein Himmel, in dem einem höllisch eingeheizt wird. Man muß schon von kräftigen und widerstandsfähigen Eltern abstammen, um es beim Theater auszuhalten."

Nestroys Liebeserklärung an die berühmtberüchtigten Bretter, die für so viele die Welt bedeuten, setzte Rudolf Fernau als Motto vor sein "Lebenstagebuch eines Schauspielers". Wenn er am 7. Januar 75 Jahre alt wird, hat er es bei diesem Bühnenhimmel, in dem auch ihm höllisch eingeheizt wurde, genau 50 Jahre ausgehalten. Sein schmaler, immer wie ein Bogen gespannter Körper, sein asketischer, von Falten durchfurchter Charakterkopf, seine Augen, die Schicksal und Charakter einer Rolle in einem Augenblick umreißen können, prägten sich jedem ein, der ihn gesehen hat - und sei es auch nur in einer Randrolle, der er mit knappen, genauen Strichen Profil gab. Fernau ist ein Meister des Aussparens, des Weglassens. Seine Portraits wirken durch die spartanische Schlichtheit.

Über 20 Jahre gehörte er zum Ensemble der Berliner Staatlichen Bühnen, von denen er vor zwei Jahren Abschied nahm, um in seine Heimatstadt München zurückzukehren. Berlin gehören auch drei große Kapitel in seinem Lebenstagebuch mit dem Titel "Als Lied begann’s".

Berlin-Start
Hier startete er - nach ersten Stationen in Regensburg und Hamburg - 1924 an Max Reinhardts Deutschem Theater. Zwei Jahre später wechselte er an das Preußische Staatstheater zum großen Gegenspieler des Bühnenmagiers, Leopold Jessner, über. Daß er nicht nur ein agierender, sondern auch ein genau beobachtender Zeitgenosse der großen Theaterjahre Berlins war, beweist seine vorzügliche Künstlerbiographie.

Nach 25 Jahren Berlin-Pause (während er in Düsseldorf, Stuttgart und München spielte) kehrte Fernau an die Spree zurück. Fernau, zu dessen großen Rollen Shakespeares "Hamlet", Schillers Franz Moor ("Die Räuber"), Goethes "Tasso" zählten, gehörte nie zu den Schauspielern, die ihr Gesicht verkauften.

Seine Fernsehauftritte sind selten, aber immer bemerkenswert, und seine Gastspiele beim Film prägten sich ein - besonders seine schon legendären Bösewichte "Dr. Crippen an Bord" oder sein Kapitalverbrecher in dem Krimi "Im Namen des Volkes", dem er so suggestiv Gestalt gab, daß sogar Regisseur Erich Engel fassungslos staunte: "Ne dolle Ausstrahlung haben Sie! Menschenskind, so dämonisch, und im Leben harmlos wie’n Waisenknabe!"

Fünf Jahrzehnte
Fernau begleitete fünf Jahrzehnte deutsche Theatergeschichte und ist heute schon selbst ein Stück Theatergeschichte.

"Hab’ mich lange gegen die Greisenschwelle der Zahl 70 gesträubt", notierte er an seinem Geburtstag vor fünf Jahren und gab sich selbst den heilsamen seelischen Klaps: "Sag doch endlich ja zu deinen Jahren! Gib dir selbst dein Alter!"

Und Fernau, einer unserer prägnantesten Bühnensenioren, kann das ohne Angst um seine Theaterzukunft tun.

Ilona Schrumpf


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