Axel Eggebrecht war Bewohner und Chronist des "Roten Blocks", wie die Künstlerkolonie damals auch genannt wurde
Fotos und Texte mit frdl. Genehmigung durch Axel Eggebrecht
Abdruck des Fotos mit frdl. Genehmigung von Bildarchiv preußischer Kulturbesitz
aus KünstlerKolonieKurier Nr.2 (1989)
Eggebrecht schrieb 1957 ("Mut und Übermut im Künstlerblock"): "Manche von denen, die damals verhaftet oder verschleppt wurden oder aus dem Lande weichen mußten, wohnen heute wieder rings um den Laubenheimer Platz. Viel zu wenige sind es geworden, viel zu wenige...
Die Neuen und Jungen aber, die nun Wand an Wand mit diesen Veteranen hausen, kochen, sprechen, singen, dichten, zeichnen und von künftigen Erfolgen träumen, sie sollen wissen, daß die Birken auf dem Platz ein Stück Berliner Geschichte erlebt haben. Vielleicht haben sie den Namen "Künstlerkolonie" bis heute für eine ungefähre und gleichgültige Bezeichnung gehalten. Er möge sie daran erinnern, daß hier einmal der Geist einer wachen, streitbaren Freiheitsliebe sich behauptete, als es ringsum in der großen Stadt, weithin im Lande sich schon wehrlos aufgegeben hatte."
Nach Gründung des Vereins KünstlerKolonie 1987 schrieb ich daraufhin an Axel Eggebrecht, um ihm zu sagen, daß die Neuen und Jungen jetzt endlich die Geschichte wiederentdeckt haben und dabei sind, sich ihrer bewußt zu werden. Wir hatten daraufhin einige Telefonate, jedes Jahr vielleicht einmal. Er sagte immer nur: "...alles, was Ihr wissen wollt, habe ich niedergeschrieben, Ihr müßt es nur lesen". Anfang 1991 wollte er - 92jährig - nach Berlin kommen und uns besuchen. Doch eines Abends - wir saßen im Künstlerkreise in meinem Wohnzimmer - klingelte das Telefon, es war Eggebrecht. Ich war geradezu euphorisch, denn ich freute mich auf seinen angesagten Besuch. Er sagte, daß er gestürzt wäre und nicht reisen könne. Er hat sich davon einigermaßen erholt, aber wenige Monate später, am 14.7.91, verstarb er.
Holger Münzer (1993)
Filmwerke: "Kampf der Tertia" 1928; "Bel ami" 1938; "Marguerite durch drei" 1939; "Operette" 1940; "Komödianten" 1940; "Wiener Blut" 1941; "Eine Liebesgeschichte" 1953; "Rittmeister Wronski" 1954; "Stresemann" 1956 u.a.; Hörspiel z.B.: "Zukunft der Welt" (1947);
Romane: "Leben einer Prinzessin" (1929/1968); "Volk ans Gewehr, Chronik eines Berliner Hauses 1930 bis 33" (1960/1980); "Der halbe Weg, Autobiographie" (1975/1982) Erzählungen/Essays: "Katzen" (1927); "Junge Mädchen" (1932); "Weltliteratur" (1948); "Goethe-Schiller, Über das Theater" (1949), "Epochen der Weltliteratur" (1964); "Bange machen gilt nicht" (1969); "Meine Weltliteratur" (1985)
Mitverfasser von: "Was halten Sie vom Christentum?" (1957); "Die Alternative oder: brauchen wir eine neue Regierung" (1961); "Plädoyer für eine neue Regierung oder: Keine Alternative" (1965); "Unsere Welt - gestern, heute, morgen" (1968); "Wir erlebten die Weimarer Republik (auch Fernsehreihe)"; "Die zornigen alten Männer" (19709); "Vor den Toren der Wirklichkeit" (1980); "Journalisten über Journalisten" (1980); "Vater sein" (1982) u.v.a.m.
Einer, der sich später in seinen Lebenserinnerungen "Der halbe Weg - Zwischenbilanz einer Epoche" auch als Chronist des "Roten Blocks" rund um den damaligen Laubenheimer Platz betätigte, ist der Radikaldemokrat, Journalist und nachmalige NWDR-Programmgestalter Axel Eggebrecht.
1899 geboren, trat er nach einer Phase der Anarchie, "die sowohl im Privaten, wie auch, wenn man will, im Politischen lag" (Zitat aus einem Interview von Charles Schüddekopf mit Axel Eggebrecht, anläßlich der Herausgabe von beispielhaften Artikeln der "Norddeutschen Hefte"). Ende 1920 in die KPD ein. Beschäftigt beim Malik-Verlag und der zu Willi Münzenbergs Konzern gehörenden "Meshrabpom" - Filmgesellschaft, die den Verleih und Vertrieb sowjetischer Filme besorgte, brachte es Axel Eggebrecht bis zum organisatorischen Leiter der KPD in Wilmersdorf. Infolge von Intrigen innerhalb der Parteiführung, die er während seiner beiden Moskau-Aufenthalte miterlebte und bis dahin "Idealist, der ich war", nicht für möglich gehalten hatte, trennte er sich 1925 von der KPD. In jenem Jahr stieß er durch die Vermittlung Kurt Tucholskys zu Siegfried Jacobson und seiner "Weltbühne", einem Blatt, das zur Zeit der Weimarer Republik, trotz weitaus geringerer Auflage (60.000), etwa jenen politischen Stellenwert besaß, wie man ihn heute einem bekannten Hamburger Nachrichtenmagazin zuschreibt.
Über die Situation und Stimmungslage im "Roten Block" angesichts des mächtiger werdenden Nationalsozialismus schreibt Eggebrecht im Jahr 1930:
"Schon während des Wahlkampfes wurde klar, daß wir eine kleine Insel inmitten der Flut von Hakenkreuzen und Schwarz-Weiß-Rot bildeten, die Steglitz und Friedenau überschwemmte. Rings um unsern Laubenheimer Platz sah man nur die Farben der Republik und das revolutionäre Rot. Und es blieb nicht beim Flaggenstreit. SA zog provozierend durch unser Viertel. Spät abends wurden einzelne Heimkehrer am U-Bahnhof Breitenbachplatz angerempelt. Man verabredete sich zum gemeinsamen Weg, das half nur vorübergehend. Als die Bedrohung nicht aufhörte, gründeten wir einen Selbstschutz. Binnen weniger Wochen schloß sich die Mehrzahl der Bewohner an, ohne Rücksicht auf politische Unterschiede. Wer bei uns lebte war gefährdet, Demokraten, Kommunisten, katholische Zentrumswähler und Parteilose...
Etwas Erstaunliches geschah. Egozentrische Schauspieler und Literaten handelten klüger und mutiger als die berufenen Verteidiger der Demokratie. Während Parteien und Verbände einander noch im Schatten der Lawine befehdeten, die sie alle miteinander begraben sollte, machten wir ernst mit der Einheit. Flugblätter wurden hektographiert und verbreitet, Wachtposten lösten einander ab. Je mehr die Gefahr wuchs, desto besser wurde die Verteidigung organisiert."
Andreas Weiduschat
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Wie Axel Eggebrecht berichtet, war der Alltag in der Künstlerkolonie allerdings wesentlich weniger spektakulär, als man gemeinhin so annahm:
»Der Name Künstlerkolonie führte nicht nur die benachbarten Steglitzer und Friedenauer Kleinbürger irre. Am Barnayweg gabs weniger turbulente Nächte als in Halensee; in der Kreuznacher Straße nicht mehr zerfetzte Bettlaken als anderwärts; und überhaupt war von all den liederlichen Umständen wenig zu merken, welche sich Herr Publikus insgeheim mit angenehmem Gruseln als Lebenselement des Künstlervölkchens vorzustellen liebt. Nun ja, mancher Mime, Musikus oder Skribent war, als er um 1930 hierher zog, die letzte Miete seiner möblierten Bude schuldig geblieben. Mancher machte wohl auch jetzt gern einen Umweg, um das Haus Laubenheimer Platz 7 zu meiden; dort schrieb die böse Hausverwaltung ihre Mahnzettel aus. Zuweilen versuchte sie sogar die Exmittierung hartnäckiger Nichtzahler. Dagegen wurde dann mit allgemeiner Aktion protestiert, die gern den Charakter eines vergnügten Volksfestes annahm; durchgeführt wurde die angedrohte Verbannung kaum jemals ... Es waren die Jahre der steigenden Arbeitslosigkeit. Und darin jedenfalls unterschieden die paar hundert Bewohner der Kolonie sich durchaus nicht von allen anderen Berlinern: auch ihnen ging es von Monat zu Monat miserabler. Es saßen nun viele daheim, ohne rechte Verständigung. Sie hielten sich nach Kräften in Form. Vielleicht blieb mancher fremde Spaziergänger hier verwundert stehen, wenn ihm eine Altstimme aus irgendeinem offenen Fenster die rätselhafte Mitteilung machte: "Barbara saß nah am Abhang, sprach gar sangbar - zaghaft langsam; mannhaft kam alsdann am Waldrand Abraham a Sancta Clara ..." Kaum erriet er, daß dort drin eine engagementlose Schauspielerin abwechselnd ihre Zunge geschmeidig hielt und die Kartoffelsuppe abschmeckte. Bedrohlicher klang Ernst Buschs stählern schneidende Stimme aus einem dritten Stockwerk der Bonner Straße: zehn, fünfzehn Mal wiederholte sie die Anfangszeilen des neuen Brecht-Eisler-Songs: "Kommt heraus aus eurem Loche, das man eine Wohnung nennt ..." - «
Seit dem Wahlsieg der Nationalsozialisten im September 1930 wächst der Gemeinschaftsgeist in der Künstlerkolonie, Axel Eggebrecht berichtet:
»Schon während des Wahlkampfs wurde klar, daß wir eine kleine Insel inmitten der Flut von Hakenkreuz und Schwarz-Weiß-Rot bildeten, die Steglitz und Friedenau überschwemmte. Rings um unseren Laubenheimer Platz sah man nur die Farben der Republik und das revolutionäre Rot. Und es blieb nicht beim Flaggenstreit. SA zog provozierend durch unser Viertel. Spät abends wurden einzelne Heimkehrer am U-Bahnhof Breitenbachplatz angerempelt, man verabredete sich zum gemeinsamen Weg, das half nur vorübergehend. Als die Bedrohung nicht aufhörte, gründeten wir einen Selbstschutz. Binnen weniger Wochen schloß sich die Mehrzahl der Bewohner an, ohne Rücksicht auf politische Unterschiede. Wer bei uns lebte, war gefährdet, Demokraten und Kommunisten, katholische Zentrumswähler und Parteilose. Die wenigen, die mit den Nazis liebäugelten, waren geächtet, verkrochen sich oder zogen fort. Spontan bildete sich ein fünfköpfiger Ausschuß, der die Organisation in die Hand nahm. Etwas Erstaunliches geschah. Egozentrische Schauspieler und Literaten handelten klüger und mutiger als die berufenen Verteidiger der Demokratie. Während Parteien und Verbände einander noch im Schatten der Lawine befehdeten, die sie alle miteinander begraben sollte, machten wir Ernst mit der Einheit. Flugblätter wurden hektografiert und verbreitet, Wachtposten lösten einander ab. Je mehr die Gefahr wuchs, desto besser wurde die Verteidigung organisiert. ...«
Um vom ideellen zum bewaffneten Widerstand zu kommen, gehen wir nochmal ein Jahr zurück. Vom "Künstlerkolonie Schutzbund" berichtet Axel Eggebrecht aus dem Sommer 1932:
»1932 gab es ein Dutzend Revolver, die registriert und sorgfältig gepflegt wurden. Unter Fensterbänken standen wassergefüllte Weinflaschen, in besseren Tagen fröhlich geleert, nun verwandelt in gefährliche Wurfgeschosse gegen mögliche Angreifer. Gelegentlich bekamen wir Verstärkung aus anderen Stadtteilen. Ernst von Salomon (ein Helfer der Rathenau-Mörder, saß jahrelang im Zuchthaus, Eggebrecht meint, er sei ‘nie und nimmer ein Nazi’ gewesen; Anm. d. R..) fand sich kampflustig ein. Arthur Koestler transportierte Waffen mit seinem roten Fiat, fuhr als Kundschafter umher, meldete anrückende Gegner. Ich glaube, daß er das Kriegsspiel mit dem Enthusiasmus des kommunistischen Novizen genoß... Viele von uns rechneten mit einem Putsch. Der Ernstfall schien gekommen, als im Juli die SA rings um Berlin aufmarschierte. Unbekannte kurvten auf Motorrädern und in großen Wagen durch unsere Straßen und inspizierten Haus für Haus, Späher des Gegners, der dann nicht putschte. Bei uns wäre er energisch abgewehrt worden. Wir nahmen Fühlung zur nahe gelegenen Polizeiwache in der Deidesheimer Straße auf. Die Schupos waren bereit, mit uns zusammenzugehen. In der Schrebergärten entlang der Kreuznacher Straße wurden Stellungen für Maschinengewehre ausgesucht. Doch Hitler blies seine Aktion ab, erst ein halbes Jahr später kam er an die Macht. Durch die Hintertür. Legal. (...) Nachträgliche Überlegungen sind recht sinnlos, und doch wage ich die Vermutung, daß unser ‘Roter Block’ ein Beispiel dafür gab, wie das braune Unheil möglicherweise hätte abgewendet werden können. Mich erfüllt noch immer ein, wie ich meine berechtigter, Stolz darauf, daß wir in der Kolonie, wenige hundert Verschworene, standhielten bis zuletzt. Die Millionen Arbeitslosen waren indessen zu keinem Widerstand mehr fähig. Apathie breitete sich aus, sie war die wichtigste Voraussetzung für Hitlers Sieg.«
Und Eggebrecht weiter:
»Abends lauerten SA-Truppen den heimkehrenden Kulturbolschewisten auf, um die zu verprügeln; damals erfanden die Kolonisten, lange vor England, das Konvoi-System: von bestimmten späten U-Bahn-Zügen am Bahnhof Breitenbachplatz holten bewaffnete Geleittrupps die einzelnen ab.«
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