
Wohnungen für Schauspieler und SchriftstellerDie historische Wilmersdorfer Künstlerkolonie ist auch heute noch für Berlins Kreative attraktivvon Birgitt EltzelWILMERSDORF. Dass der Schauspieler Dietrich Lehmann die Agathe, eine der "Wilmersdorfer Witwen" im Musical "Linie 1" (Grips-Theater, Premiere 1986) so überzeugend geben kann, liegt vermutlich an eigenen Erfahrungen. Sagt Holger Münzer, Schauspieler, Komponist und Rhetoriklehrer. Er wohnt wie Lehmann seit Beginn der 80er-Jahre in der Künstlerkolonie am Ludwig-Barnay-Platz. Diese war bis zu Hitlers Machtergreifung Anfang 1933 Wohnstätte von rund 900 Künstlern. Die meisten von ihnen wurden danach von den Nazis verfolgt, in Konzentrationslager verschleppt oder mussten emigrieren. In ihre Wohnungen zogen Polizisten, Staatsanwälte und andere Diener des NS-Regimes. "Die Männer wurden von ihren Frauen überlebt", sagt Münzer. In der Gegend um den Breitenbachplatz, einer Station der alten Linie 1, waren dann die "Wilmersdorfer Witwen" präsent - Frauen, die die Pensionen ihrer Gatten im KaDeWe ausgaben und Berlin vor "Russen, Chaoten und Grünen" verteidigten. Doch dann kehrten die Künstler, junge Leute, zurück in die drei Wohnblocks der Kolonie am Barnay-Platz (früher Laubenheimer Platz): "Eine Kollegin hat gesagt: Wir ziehen jetzt alle hierher", erinnert sich Münzer. Der 68-Jährige, etliche Jahre lang Schauspieler am Theater Tribüne, kann viele Namen bekannter Bewohner der Künstlerkolonie aufzählen, frühere und heutige. Die Schauspielerin Anita Kupsch beispielsweise wohnt noch heute dort ("an der Tür steht aber ein anderer Name"). Es gibt Regisseure, Schauspieler, Maler, Journalisten, aber auch Bühnenarbeiter wie Elektriker und Tischler, sagt Münzer. Und viele Synchronsprecher. "Hier wohnen die mittleren Einkommensschichten. Die Stars leben natürlich in Grunewald." In Münzers Arbeitszimmer stapeln sich die Dokumente: Bühnenjahrbücher, Künstlernachlässe, Schriften, Zeitungsartikel. Er hat sich seit Mitte der 80er-Jahre intensiv mit der Geschichte der Kolonie beschäftigt. Im Dezember 1987 wurde dann der gemeinnützige Verein KünstlerKolonie Berlin gegründet, seit Januar 1988 steht er im Vereinsregister. Holger Münzer wurde zum Vorsitzenden gewählt. Die KünstlerKolonie e.V. erforscht die Geschichte der Siedlung, hat Dokumentationen über frühere Bewohner erarbeitet und Ausstellungen gestaltet: "Denn lange Zeit war die Kolonie und ihre Historie in Vergessenheit geraten", sagt Münzer. Er kann viele Geschichten erzählen. Dass in der Kolonie anders als sonst in Deutschland bis 1933 Kommunisten und Sozialdemokraten friedlich in einem Block wohnten. Dass die drei Häuserblocks als letzte linke Bastion in Berlin ("der rote Block") galten, wo allerdings nicht nur rote, sondern auch schwarz-rot-goldene Fahnen aus den Fenstern hingen. Von der Großrazzia am 15. März 1933, nach der die Nazipresse jubelte: "Künstlerkolonie endlich ausgehoben". Von der Verhaftung von Schriftstellern und Schauspielern, aber auch vom Widerstand, wofür Namen wie Alexander Graf Stenbock-Fermor ("der rote Graf") oder der Schauspieler Hans Meyer-Hanno stehen, der 1943 von der Gestapo auf der Bühne des Schillertheaters verhaftet wurde. Neun Gedenktafeln erinnern inzwischen an Bewohner der Künstlerkolonie, es gibt seit 2003 einen Stolperstein für Hans Meyer-Hanno, gespendet von der Publizistin Wibke Bruhns. Für die Opfer des NS-Terrors wurde 1988 auf der Rasenfläche des Barnay-Platzes ein Findling mit einer Bronzetafel aufgestellt: "Mahnmal für die politisch Verfolgten der Künstlerkolonie". Doch nicht nur der Vergangenheit fühlt sich der rund 60 Mitglieder zählende Verein verpflichtet: Er organisiert Veranstaltungen aller Art - von Lesungen über Theater-, Opern- und Kabarettaufführungen bis hin zu Jazzabenden, die meist im Coupé-Theater am Fehrbelliner Platz stattfinden. Jeden letzten Mittwoch im Monat trifft sich dort auch der Wilmersdorfer Künstlerstammtisch. " Zu dem kommen übrigens längst nicht mehr nur Wilmersdorfer", sagt Münzer. Berliner Zeitung, 02.01.2008 |