Berliner Westen vom 30.09.1926
in der originalen Orthographie (Abschrift)

Maler, Dichter und Schauspieler friedlich beisammen
Die Stadt Berlin will eine Künstlerkolonie bauen, in der etwa 200 Künstlern in Kleinhäusern mit Zwei-Zimmer-Wohnungen zu billigen Mietspreisen eine Heimstätte geboten wird. Wir haben hierüber bereits gestern kurz berichtet. Danach hat sich das Präsidium der Bühnengenossenschaft mit dem Schutzverband deutscher Schriftsteller, dem Verband deutscher Bühnenschriftsteller und Bühnenkomponisten dahingehen geeinigt, eine gemeinnützige Gesellschaft zu gründen, in deren Händen die Verwaltung und Geschäftsführung der Kolonie liegt, in der auch die städtischen Behörden vertreten sein sollen, da allein mit deren Hilfe die Errichtung der Künstlerkolonie möglich ist. Berücksichtigt werden sollen nicht nur die bildenden Künstler, wie Maler und Bildhauer, sondern auch Schriftsteller, Schauspieler von Theater und Film, Sänger, Konzertvirtuosen usw.

Das G e l ä n d e   , in dem die Künstlerkolonie errichtet werden soll, befindet sich im S ü d g e l ä n d e v o n W i l m e r s d o r f. Diese Gegend stand schon vor etwa 15 Jahren im Mittelpunkt des Interesses. Damals war geplant, hier, nicht weit vom Zentrum der Stadt entfernt, eine Gartenstadt zu errichten. Es entstand der R ü d e s h e i m e r P l a t z mit seinen wundervollen Anlagen, und der B r e i t e n b a c h p l a t z.

Die Häuser, die hier gebaut wurden, sind alle in einheitlichem Baustil errichtet worden, der Anklänge an alte Nürnberger Bauten zeigt. Alle Häuser haben eine schöne Gartenterasse.

Breite, bequeme Stufen führen zum Hauseingang. Im Erdgeschoß befinden sich die Loggien fast in freier Luft, so daß sich die Bewohner dieser Häuser an schönen Tagen, wenn sie sich hier aufhalten, fast vorkommen mögen, als befänden sie sich in südlichen Ländern. Die hier neu entstandene Kolonie sollte sollte in großem Umfange ausgebaut werden. Der Krieg hat dieser Entwicklung ein jähes Ende bereitet. Das Terrain, für das schon die Baupläne vorhanden waren, blieb brach liegen. Es entstanden zahlreiche Laubenkolonien, die besonders nach dem Kriege einen großen Aufschwung nahmen. Zeitweilig wurde der Versuch unternommen, die Siedlung weiter auszubauen. Leider wurde der einmal gewählte Baustil nicht beibehalten, so daß hier zahlreiche Häuser entstanden, die den landschaftlich schönen einheitlichen Anblick zerstören. Zum Teil wurden die neu entstandenen Siedlungshäuser mit so geringen Baumitteln errichtet, daß sie nur für kurze Zeit bewohnbar sein werden und auch einen wenig schönen Eindruck machen.


Das für die Künstlerkolonie vorgesehen Bauterrain zwischen Rüdesheimer- und Breitenbachplatz hat durch die Untergrundbahn, die bis nach Dahlem hinausgeht, sehr gute Verbindung mit dem Zentrum der Stadt. Auch ist ganz in der Nähe als Hauptverbindungsstraße der Südwestkorso, der schon am Kaiserplatz beginnt. Rings herum ist viel Laubengelände. Nach West wird das in Aussicht genommene Terrain durch das sogenannte Rheingauviertel begrenzt, im Süden durch Steglitz und im Osten durch Friedenau. Das Gelände ist für eine Künstlerkolonie geradezu ideal beschaffen. In der Nähe des Dahlemer Gebiets befindet sich eine schon seit Jahren bestehende Künstlerkolonie, , die dadurch entstand, daß sich hier eine Anzahl schaffender Künstler freiwillig zusammenfanden, erste Berliner Maler und Bildhauer. Das Dahlemer Gebiet übte deswegen eine so starke Anziehungskraft auf die schaffenden Künstler aus, weil sich hier die Domaine Dahlem befindet, die in ganz großem Stile Landwirtschaft betreibt. Wundervolle Felder mit Roggen und Gerste, und im Hintergrund die Kiefern des Grunewalds und die herrlichen Anlagen des Botanischen Gartens bieten ihnen täglich immer wieder neue Motive.
Die neue Künstlerkolonie, die als Künstlerhilfe gedacht ist, soll allen Künstlern zugute kommen. Es handelt sich bei dem Plan nicht etwa nur um Luftschlösser, sondern alles ist schon soweit durchgesprochen und vorbereitet, daß i n n ä c h s t e r Z e i t m i t d e m B a u d e r S i e d l u n g begonnen werden kann. Erste Architekten haben sich zur Verfügung gestellt. Da durchweg nur Zwei-Zimmer-Wohnungen gebaut werden sollen, wird die Ausnutzung des Raumes noch manche schwer zu lösende Probleme aufgeben. Die Errichtung der ganzen Kolonie wird dadurch ermöglicht, daß von der Stadt Berlin in Verbindung mit einer großen gemeinnützigen Versicherungsgesellschaft die erforderlichen Baugelder sichergestellt werden, die notwendigen Beträge werden zu ganz geringen Zinssätzen an neue gemeinnützige Gesellschaften verliehen. Man wird sich nicht nur darauf beschränken, kleine villenartige Häuser zu bauen, sondern das noch zur Verfügung stehende unbebaute Terrain soll zu Sport- und Gartenplätzen ausgebaut werden.

Berichte von der Gründung der Künstlerkolonie finden Sie unter Gründung der Künstlerkolonie

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