NS-Aktionen und Razzien
gegen den ’Roten Block’

bis zum 15. März 1933

Nach dem 9. November 1932 wurde die Haltung der Nationalsozialisten auch gegen die Künstlerkolonie zunehmend aggressiver. SA-Trupps kamen nicht nur, um die Sprüche an den Hauswänden abzumachen, sondern um ‘Stunk’ zu machen, wenngleich sie sich in den ‘Roten Block’ offensichtlich weniger hinzugehen trauten. Im Februar 1933 kam es zu mehreren überfallartigen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen durch die SA. Sie gaben sich als ‘Hilfspolizei’ oder ‘Schutzpolizei aus. Zwei Monate später, am 15. März 1933 kam es zu einer Großrazzia, danach flohen zwei Drittel der Bewohner der Künstlerkolonie in die Emigration.

Nach dem 9. November 1932 wurde die Stimmung gegen Oppositionelle in Berlin allgemein aggressiver, wie Walter Zadek in einem Interview berichtet. Walter Zadek war seit 1924 Ressortchef beim "Berliner Tageblatt" und seit 1930 Leiter der "Zentralredaktion für deutsche Zeitungen", - keinesfalls ein Deckname, sondern offizielle Bezeichnung dieser wichtigen Nachrichtenagentur. Er konnte sich nach seiner Verhaftung durch die Flucht nach Palästina retten.

1981 hat er für den Sammelband "Sie flohen vor dem Hakenkreuz - Selbstzeugnisse der Emigranten - Ein Lesebuch für Deutsche" den Überfall und seine Vorgeschichte aus seiner Sicht geschildert.


Walter Zadek:
»Am Freitag, dem 20. Januar 1933, kommt es in Berlin vor dem Eingang zum Untergrundbahnhof Breitenbachplatz zu einem kleinen Handgemenge.

Ich höre, wie ein untersetzter Herr seiner Begleiterin zuruft: "Schande, daß man dies Judenzeug immer noch ausstellen darf!" Damit weist er auf einen Zeitungsautomaten hin, in dem das Berliner Tageblatt steckt. Ich sagte daraufhin zu meiner Frau: "Wollen wir mal das Judenzeug kaufen?" Vor der Eingangssperre haben die Antisemiten auf mich gewartet. Als ich den engen Durchgang betrete, werde ich von dem kräftigen Mann derb hineingestoßen. Ich wehre mich, wenn auch durch die Dauerverletzung einer Hand behindert, auf ähnliche Weise. Die anschließende Prügelei wird durch Bahnbeamte abgebrochen. Auf dem Weg zum Vorsteher, der die Namen aufnehmen soll, schlägt der Angreifer nochmals hinterrücks nach mir, trifft jedoch das Gesicht meiner Frau. Der Bahnvorsteher läßt sich unsere Ausweise zeigen. Der Nazi hat den holländischen Namen Bloemendaal. Ich weise mich als Leiter der "Zentralredaktion für deutsche Zeitungen" aus.

Ich besaß Arbeitsräume in der nahegelegenen "Künstlerkolonie". Das waren mehrere große Häuserblocks, erbaut für die Mitglieder des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller, der Bühnengenossenschaft und anderer Künstlerverbände. Also ein Sammelbecken freigeistiger, meist linksgerichteter Menschen und damit ein Dorn im Auge jedes Nationalsozialisten. In meiner Wohnung hatte, schon seit ich Ressortchef am Berliner Tageblatt gewesen war, alle vierzehn Tage eine Art jour stattgefunden, an dem sich Dichter, Politiker, Musiker usw. gegenseitig an- und aufregten, darunter der Maler des Bauhauses, Mitarbeiter der Weltbühne, Schauspieler von Reinhardt und andere.

Als ich nach der abendlichen Prügelei heimkehre, sehe ich vom Fenster aus, daß der Gewaltmensch mir nachgegangen war und die Anschrift aufzeichnet. Noch ahne ich nicht, daß dies der Auftakt zu meiner sehr frühen und dadurch lebensrettenden Emigration werden wird.

Zwei Monate später, am 15. März 1933, werden die Wohnblocks der "Künstlerkolonie" von Polizei und SA-Leuten umstellt. Ich werde durch sieben schwerbewaffnete Jungen des "Kommando zur besonderen Verwendung" mißhandelt und mit blutendem Gesicht die Treppe hinuntergestoßen. Halb bewußtlos höre ich: "Das ist der Kerl, der den alten Mann geschlagen hat." Und dann: "Wirst du Judenschwein wohl schneller laufen!" Trotz meiner Betäubung erinnere ich mich: "... auf der Flucht erschossen ..." und taste mich nun wirklich langsamer die Stufen hinunter. Einen so raschen Triumph möchte ich Herrn Bloemendaal nicht gönnen.

Unten werde ich auf einen Polizeiwagen hinaufgestoßen. Das ist ja eine Literatenversammlung: Vor mir sitzt der Schriftsteller Manès Sperber, hinter mir der im Osten geehrte Autor Theodor Balk, alias Dr. Fodor, alias Dr. Dragutin. Einer der Uniformierten höhnt: "Hast woll Neesebluten jehabt, wa? Wisch dir mal det Jesicht ab!" Das Bild des Wagens mit den feixenden Bestien erscheint am 16. März 1933 neben einem verlogenen Bericht in den Naziblättern.«


Am 26.1.1990 war anläßlich unserer dokumentarischen Ausstellung "Die Künstlerkolonie stellt sich vor" die Lesung mit Diskussion: "Frauen in der Künstlerkolonie" mit Gerda Szepanski und Steffie Spira. Sie war sehr angetan von der Ausstellung und bestätigte nochmal, daß dies ihr Mann Günter Ruschin sei zwischen Theo Balk und Curt Trepte auf dem Bild der Verhaftung am 15.3.1933 auf dem Laubenheimer Platz. Sie erzählte dabei von ihrem Leben in der Künstlerkolonie vor 1933:

»Und dann kam diese schreckliche Geschichte, daß an diesem 15. März 1933 diese Razzia war. Wir hatten schon ein bißchen bei meinen Eltern und bei Freunden geschlafen (aus Angst vor Entdeckung bzw. Verfolgung durch die Nazis, Anm. d. R.), aber wir wollten unbedingt auch mal wieder zu Hause sein. Wir kamen von einer großen Tournee, Danzig, Saarbrücken und waren dann in die Schweiz gefahren. Nun kamen wir nach Hause und wollten endlich zuhause sein. Morgens, ganz früh, es war vielleicht 6 Uhr, es war der 15. März, gerade wurde es hell, da brüllte es unten: "Fenster zu, Fenster zu!" Ich guckte runter und sah, da war der ganze Block umstellt von SA-Leuten. Das war nun wirklich nicht sehr schön. Ich wußte schon, das endet nicht gut, aber wir konnten garnichts mehr machen. Es klopfte gleich an die Tür, so ein Gebumse, und zu meiner großen Überraschung: ein SA-Mann davor und ein Polizist, was mich wunderte, und: "Rein, los, los! - Na, außer Büchern hab’n Sie wohl nichts? Na, das sind die Richtigen!" Wir hatten wirklich wenig Möbel, aber reichlich Bücher, und die schmissen sie gleich auf die Erde, und dann sahen sie unter’s Bett, und da lag unsere rote Fahne, und die war mit Hammer und Sichel. Da waren sie ganz glücklich, daß sie das gefunden hatten. "Naja, wir wissen ja, wer hier wohnt!" Und der SA-Mann griff meinen Mann und, ohne daß er noch etwas zu mir sagen konnte, seh’ ich ihn die Treppen runterrutschen. "Na los, steh auf!" - und dann kam der SA-Mann gleich wieder rauf und wollte Keller und Bodenkammer sehen.

Es waren keine Keller da, aber eine Bodenkammer, und ich wußte, daß die KP - es waren ja auch Wahlen gewesen - den ganzen Boden mit Material belegt hatte. Niemand hatte es weggeräumt. "Wir haben keine Bodenkammer, da ist nichts drin, ich hab auch keinen Schlüssel!" Dann bin ich mit dem rauf und hatte unendliches Glück: da war nämlich gleich eine Kammer, und niemand und nichts war drin. Da schubste der mich runter: "Los, los, mitkommen!", aber der Polizist sagte: "Das mach’ ich schon mit der Frau, geh’n Sie doch lieber woanders hin." Und dann schmiß er die Wohnungstür zu und sagte drinnen: "Haben Sie denn wenigstens einen Paß?" Da wir in Danzig und so waren, hatte ich einen gültigen Paß. "Stecken Sie den ein und kommen Sie mit! Ich habe einen Haftbefehl, aber den brauchen wir jetzt nicht. Den steck’ ich in die Tasche." Und dann fragte er noch: "Sie sind doch die Schwester von der Camilla?" - "Ja, ja!" - "Na, dann los doch! Ich bin nämlich hier vom Revier."

Das war selten, daß ein Polizist vom Revier mitkam. Es war nämlich eine reine SPD-Regierung in diesem Kiez. Das war wirklich ein mutiger Mann, dem ich mein Leben verdanke, der mich durch das Spalier der SA-Leute geführt und gesagt hat: "Ist schon erledigt, ist schon erledigt, die muß zur Probe!" Es war 8 Uhr. Kein Mensch geht um 8 Uhr zur Probe. Ich war glücklich und habe durch meine Freundschaften und Verwandtschaften die Möglichkeit gehabt, abends im Zug nach Zürich auf dem Anhalter Bahnhof zu stehen. Und da war der 'Völkische Beobachter', und auf der ersten Seite ein riesiges Bild: "Die intellektuellen Rädelsführer", wo auf dem Lastwagen sitzen mein Mann, Theo Balk, Zadek und - ich glaube - der Osborn, ein wirklich guter Musiker.
(Franz Osborn wohnte damals ebenfalls in der Künstlerkolonie und war der Pianst der Truppe 1931. Laut Zadek-Interview war der Mann auf dem Foto jedoch ein "namentlich nicht bekannter Ausländer", er hatte einen eher 'östlichen', slawischen Akzent. Anm.d.R)

Ich bin also abgefahren vom Anhalter Bahnhof, habe mir eine Erster-Klasse-Fahrkarte gekauft - ich war ja eine reiche Frau - und sah mir die Zeitung an, als ginge sie mich nichts an und zitterte und hatte das Gefühl, das wird eine lange Zeit sein, bis ich Deutschland wiedersehe. Ich hatte noch mit Freunden aus der "Truppe" (Die "Truppe 31" war die Kabarettgruppe, in welcher Steffie Spira damals sehr erfolgreich spielte. Anm.d.R.) gesprochen, denn ich wollte nur nach Rahnsdorf bei Berlin, mich dort verstecken, um dazubleiben für meinen Mann und erstmal zu sehen, was draus wird. Aber die sagten: "Nein, nein! Wenn ein Haftbefehl läuft, und die Leute kennen dich, sehen dich, und zeigen dich an? - Das hat gar keinen Zweck." Und da ich wirklich Freunde gefunden hatte in der Schweiz, dachte ich, wenn, dann weit, dann in die Schweiz! Das waren wohlhabende Leute, die könnten dann, wenn’s möglich ist, auch meinen Mann mit aufnehmen. So hab’ ich es gemacht und bin in die Schweiz.

Und mein Mann ist in den Keller gekommen am Alexanderplatz. Und in der ganzen Nacht, die dann kam - es war dunkel im Keller, sie wußten nicht, welche Uhrzeit es war - wurde immer jemand rausgeholt und kam dann zerschlagen wieder zurück. Die Menschen kannten Günter vom Theater her und haben sich immer vor ihn gestellt, daß er nicht rausgeholt und geschlagen würde. Nach etwa anderthalb Tagen kam er in Einzelhaft in Moabit. Es hat niemand mit ihm gesprochen, keiner wollte etwas von ihm wissen. Er war verzweifelt, er bekam keine Post, rein garnichts. Ein Schweizer aus unserer "Truppe" besuchte mich in Zürich und sagte mir, daß Günter in Moabit ist. Natürlich habe ich versucht, zu schreiben, aber er hat nie ein Wort bekommen. Nur ein einziges Mal wurde ein Paket abgegeben, in dem ein anderer Anzug und Wäsche war, aber kein Zettel, kein Brief, nichts dabei.

Um nicht verrückt zu werden, hat er jeden Tag die Zelle, so drei mal zwei Meter, durchgangen. Er hat später erzählt: "Weißt du, was ich gemacht habe? Ich bin richtig die Treppe runter zum Bahnhof Heidelberger Platz (oder Breitenbachplatz?) gegangen, bin mit der U-Bahn bis Thielplatz gefahren, und dann hab’ ich geamtet den schönen Wald und hab’ die Vögel singen hören. Und dann hab’ ich selbst ein Gedicht aufgesagt, das ich kannte. Ich hab’ mir jeden Tag eingeteilt, was ich jeden Tag machen wollte. Ich hatte kein Schreibzeug, nichts, garnichts, nur mich selbst. Ich durfte nichts machen, wurde allein ausgeführt, alle zwei Tage durfte ich mal hinaus."

Und eines Tages, ohne daß er je verhört wurde, machte der Wärter nur die Zelle auf und sagte: "Raus! Nehmen Sie Ihre Sachen und gehen Sie nach Haus!" Aber er ging nicht direkt nach Haus, denn das konnte er nicht ertragen, sondern zu seinen Eltern. Aber vorher war er in der Wohnung und holte seinen Paß, den er noch hatte. Es war Ende Mai. Er hatte etwa drei Monate gesessen. Er kam mit dem Paß und mit dem gleichen Zug wie ich völlig unbehelligt nach Zürich.

Seine Eltern wurden noch in der Nacht von SA-Leuten geweckt mit Gebumse: "Wo ist Ihr Sohn Der muß doch bei Ihnen sein! Der wußte doch, daß er in Schutzhaft ist. Er sollte nur seine Sachen holen. Es kann doch nicht sein, daß man ihm das nicht gesagt hat!"

So sind wir wieder zusammengekommen. Das ist mein Erlebnis mit der Künstlerkolonie.«

(Steffie Spira in einem Podiumsgespräch am 26.1.1990 zum Thema "Frauen in der Künstlerkolonie" anläßlich der Ausstellung "Die Kunstlerkolonie Berlin" in der Kommunalen Galerie in Berlin (Wilmersdorf).

Auszüge aus dem Buch "Die Künstlerkolonie Berlin - ein Stadtteil-Lesebuch" von Holger Münzer (1991)


Weitere Berichte über NS-Aktionen in der Künstlerkolonie 1932/33 und von der Großrazzia am 15. März 1933 finden Sie unter KüKo AKTUELL

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