Berliner Westen vom 01.05.1927
in der originalen Orthographie (Abschrift)
Die Wilmersdorfer Künstlerkolonie

Wie wir bereits berichteten, fand gestern mittag die Grundsteinlegung der Künstlerkolonie am Breitenbach Platz statt. Auf dem festlich geschmückten Platz an der Bonner Straße hatten sich Vertreter der Künstler und der städtischen und staatlichen Behörden versammelt, um dem Festakt beizuwohnen. Der erste Redner, Präsident R i c k e l t, dankte zunächst dem Wohlfahrstminister, dem Polizeipräsidium und allen denen, die sich mit Rat und Tat dieser guten Sache gewidmet haben. Es solle diese Kolonie nicht ein Heim sein für die Gottbegnadeten, sondern für die armen und alten Künstler. Diesen solle für ihren Lebensabend ein Heim geschaffen werden. Präsident W a l l a u e r verlas dann die Urkunde, die folgenden Wortlaut hatte:

Am 15. Februar 1927 ist in Berlin von der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigen und dem Schutzverband deutscher Schriftsteller die Gemeinnützige Heimstättengesellschaft m.b.H. "Künstlerkolonie" gegründet worden. Der diese Urkunde bergende Grundstein zu der Künstlerkolonie, deren Vollendung für den April 1928 erwartet wird, ist am Sonnabend, dem 30. April in Anwesenheit von Vertretern des Deutschen Reiches, des Freistaates Preußen und der Reichshauptstadt Berlin gelegt worden. Die künstlerische Leitung, sowie die Ausführung des Baues wurde den Architekten Ernst Paulus und Dr. Ing. Günther Paulus anvertraut.

Die Künstlerkolonie hat die Bestimmung, den geistigen Arbeitern, den künstlerisch schaffenden, die an der durch den Weltkrieg verschuldeten Wohnungsnot leiden, auch geringerem Einkommen erschwingliche, dem Lärm der Großstadt entzogene Heime zu schaffen, die durch einfache, schöne Ausführung mit dem Kulturbedürfnis ihrer Bewohner übereinstimmen.

Indem wir unseren bedürftigen Kameraden dieses Heim gründen zur Umfriedung ihres Familienlebens, zur Gewährung derjenigen Ruhe und Muße, aus der wiederum höchst persönliches, nur sich selbst verantwortliches Schaffen hervorwachsen soll, glauben wir auch den Taten des Geistes, den Werten der Kunst gedient zu haben. Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigen: Rickelt, Wallauer, Schutzverband Deutscher Schriftsteller: von Zobelitz, Elsoesser.

Der Grundstein trägt die folgende Inschrift eingemeißelt:

»Aus dem Nichts schafft Ihr das Wort,

Und Ihr tragt's lebendig fort

Dieses Haus ist Euch geweiht

Euch, Ihr Schöpfer uns'rer Zeit«


Der Baukomplex umfaßt 8770 Quadratmeter, von denen zunächst 4007 Quadratmeter, später auch der Rest, bebaut werden. Man hofft, daß 1928 die ersten 128 Wohnungen fertiggestellt werden sein. Das Gelände wird vom Südwestkorso, der Laubenheimer, Kreuznacher und Bonner Straße begrenzt.
Der ganze Gebäudekomplex wird zwischen Gärten liegen. Für die Kinder sollen Planschwiesen angelegt werden. Auch sollen Liegestätten im Freien, Tennis- und Turnplätze eingerichtet werden.

Die Feier, die einen schönen Verlauf nahm, war umrahmt von Gesangsvorträgen des Beethoven-Quartetts der Städtischen Oper.


Berichte von der Gründung der Künstlerkolonie finden Sie unter Gründung der Künstlerkolonie

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